Ungarn: „Obdachlos“ als Zuflucht für Reporter

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Geschlossene Oppositionszeitung „Népszabadság“(c) APA/AFP/ATTILA KISBENEDEK

Für ein Obdachlosenblatt schreiben Journalisten der geschlossenen Oppositionszeitung „Népszabadság“. Zugleich kursieren Gerüchte über Verkauf an regierungsnahes Unternehmen.

Budapest. Die nächste Nummer der Budapester Obdachlosenzeitung „Fedél Nélkül“ („Obdachlos“) am Donnerstag dürfte der größte Verkaufsschlager in der Geschichte des Blatts werden. Normalerweise stehen darin Beiträge zu Kultur und Sozialpolitik, das Blatt wird von Obdachlosen verkauft, die den Erlös behalten dürfen.

Dieser dürfte jetzt sehr hoch werden, denn die neue Nummer wird von Journalisten der kürzlich „vorübergehend“ geschlossenen Oppositionszeitung „Népszabadság“ geschrieben. Bis dahin war sie Ungarns größte Zeitung. Jetzt ist es ein Blatt für Obdachlose, weil die Redaktion selbst obdachlos ist.

Man könnte darüber schmunzeln, wenn es nicht so ernst wäre. Obwohl das Blatt letztlich von seinem österreichischen Eigentümer, Heinrich Pecina, geschlossen wurde – und zwar so, dass auch alle früheren Artikel, die teilweise peinliche Enthüllungen über die Regierung enthalten haben, im Internet nicht mehr abrufbar sind –, gehen Insider davon aus, dass er damit wirtschaftliche Interessen verfolgt hat, für die er das Wohlwollen der Regierung braucht. Konkret: dass er die Firma Mediaworks, zu der Népszabadság sowie viele Regionalzeitungen gehören, an ein regierungsnahes Unternehmen verkaufen will.

Das lohnt sich, wenn er dafür einen so überhöhten Preis bekommt, dass die Verluste aus der Schließung der Redaktion mehr als ausgeglichen werden. Pecina selbst hat jüngst über einen Verkauf nachgedacht, und ungarische Medien spekulieren bereits, dass der Käufer das regierungsnahe Unternehmen Duna Aszfalt sein werde. Am Dienstag seien Pecina und/oder andere Topmanager seines Unternehmens Vienna Capital Partners in Budapest gesichtet worden, schreibt das Magazin „HVG“. Einem Insider zufolge ging es um eine Aufsichtsratssitzung der Mediaworks, dabei habe der Verkauf des Unternehmens auf der Tagesordnung gestanden. Eine Bekanntgabe könnte unmittelbar bevorstehen. Noch ist das aber Spekulation, zu der sich Pecina nicht äußern will: „Kein Kommentar“, hieß es gestern gegenüber der „Presse“.

 

Hoffen auf Retter in der Not

Mediaworks wäre nicht nur deswegen wertvoll für die Regierung, weil man die „Népszabadság“ und ihre Enthüllungen über Regierungspolitiker und Korruptionsaffären ausschalten könnte. Man interessiert sich vor allem für die Regionalblätter, die dem Unternehmen gehören. Früher waren sie sozialistisch eingestellt und trugen zur Dominanz der Linken bei. Bald könnte es umgekehrt funktionieren. Vorerst darf man gespannt sein, was in der Ausgabe stehen wird. „Es wird eine würdige Verabschiedung unserer guten alten Zeitung“, sagt Népszabadság-Redakteur Ferenc László.

Auf die Anfrage, ob man sich zum Frühstück treffen könne, antwortet er: „Gern, leider habe ich ja Zeit.“ Die Redakteure dürfen nicht mehr arbeiten, bekommen aber noch ihr Gehalt. Deshalb dürfen sie auch anderswo nicht schreiben. Insofern würden vor allem Kollegen an der „Obdachlos“-Ausgabe arbeiten, die früher als freie Mitarbeiter oder Pauschalisten für „Népszabadság“ schrieben, sagt László. Durchaus aber auch Redakteure, allerdings unter Pseudonym. Es solle keine allzu politische Nummer werden. Die Redaktion selbst wolle als bewährtes Team zusammenhalten und suche nach einer neuen Zukunft. Das ist aber nicht so einfach: Unter dem alten Namen kann man nicht weitermachen – dieser ist geschützt. Als Website? Sicher würde das viele Klicks geben, aber nicht so viel Umsatz wie die gedruckte Zeitung, die täglich 37.000 Exemplare verkaufte. Und woher das Geld nehmen? Man brauchte etwa eine Mio. Euro jährlich, um mit der bisherigen Belegschaft weiterzumachen.

In ihren kühnsten Träumen hoffen die „Népszabadság“-Kollegen auf einen Retter in der Not, eine Stiftung, die etwas für die Pressefreiheit in Ungarn tun will. „Schreib das bitte“, sagt László. In Ungarn selbst wird sich ein solcher Wohltäter nicht finden lassen. Vielleicht könnte eine ausländische Stiftung einspringen, aber das würden regierungsnahe Medien so darstellen, dass die Zeitung im Dienst ausländischer Geldgeber Schlechtes über Ungarn schreibt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2016)