Amerikaner arbeiten mehr als Europäer

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Canary Wharf Business, Finance And Shopping District As Owner Songbird Estates Plc Rejects $4 Billion Takeover Offer(c) Bloomberg (Jason Alden)
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In Europa wird um rund ein Fünftel kürzer gearbeitet als in den USA, zeigt eine neue Studie. Das liege an längerem Urlaub und geringerer Bildung.

Washington. Es zählt zu den Binsenweisheiten der Ökonomie, dass die Amerikaner länger arbeiten als die Europäer. Doch woran liegt das? Ein neues Papier dreier deutscher Wirtschaftswissenschaftler geht dieser Frage mittels einer kritischen Analyse bisheriger statistischer Daten auf den Grund und liefert diese Quintessenz: Im Durchschnitt verbrachten die Europäer in den Jahren unmittelbar vor der Rezession um ungefähr ein Fünftel weniger Zeit mit Erwerbsarbeit als die Amerikaner, weil es im Norden und Westen des Kontinents mehr Urlaub gibt und das Bildungsniveau im Osten und Süden deutlich niedriger ist als in den USA.

Alexander Bick (Arizona State University), Bettina Bruggemann (McMaster University, Ontario) und Nicola Fuchs-Schundeln (Goethe University Frankfurt) ergründen in ihrem Papier mit dem Titel „Hours Worked in Europe and the US: New Data, New Answers“, das sie für das Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit in Bonn (IZA) erstellt haben, einen der wesentlichen volkswirtschaftlichen Unterschied zwischen Europa und den Vereinigten Staaten. Noch Anfang der 1970er-Jahre arbeiteten die Menschen beiderseits des Atlantiks ungefähr gleich viele Stunden, wie unter anderem eine Studiengruppe um Alberto Alesina (Harvard University) schon 2006 in einem Papier namens „Work and Leisure in Europe and the US: Why so different?“ darlegte. Doch dann begannen die geleisteten Arbeitsstunden rasant auseinanderzuklaffen. Die Alesina-Gruppe kam damals auf einen Unterschied von rund 50 Prozent pro Woche. Doch um wie viele Stunden weniger arbeiten die Europäer tatsächlich?

An Altersunterschieden liegt es nicht

Um 19 Prozent, befindet das IZA-Papier. Um auf diesen Durchschnittswert zu kommen, haben Bick, Bruggemann und Fuchs-Schundeln grundsätzliche Fragen gestellt: „Arbeiten weniger Europäer, oder arbeiten sie weniger Stunden pro Arbeitswoche, oder genießen sie einfach mehr Urlaubstage?“

Eine mögliche Erklärung konnten sie gleich vorweg ausschließen: In Europa wird nicht deswegen kürzer gearbeitet, weil die Menschen im Durchschnitt älter sind. „Weil die Zusammensetzung nach Alter und Geschlecht in den Ländern sehr ähnlich ist, zeigt sich, dass diese beiden Faktoren keine Rolle spielen.“

Ganz anders sieht die Sache jedoch aus, wenn man die Freizeit in die Analyse einbezieht. Die urlaubsbedingte Verkürzung der jährlichen Arbeitszeit erkläre ein Drittel oder sogar die Hälfte der geringeren gesamten Arbeitsleistung der Europäer. Diese großzügigeren Urlaubsregelungen gebe es vor allem in Skandinavien und Westeuropa.

Schlüsselfrage der Produktivität

Anders sehe die Sache in Ost- und Südeuropa aus. Dort arbeiteten die Menschen deshalb weniger (zumindest offiziell), weil sie deutlich schlechter ausgebildet seien als amerikanische Arbeitnehmer. Die Faustregel, wonach bessere Bildung bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt bringt, bestätigt sich somit einmal mehr. In allen Bildungsgruppen, von niedrig über mittel bis hoch, werde ungefähr gleich lang gearbeitet, halten die Forscher fest – aber je schlechter man gebildet ist, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass man arbeitet.

Der Vergleich bloßer Arbeitsstunden sagt natürlich nichts darüber aus, wie hoch der Wohlstand in den jeweiligen Gesellschaften ist. Es kommt vielmehr darauf an, wie produktiv die Menschen ihre Arbeitsstunden verbringen. Bick, Bruggemann und Fuchs-Schundeln resümieren, dass die Europäer während der Jahre 2005 bis 2007 im Mittel um rund 15 Prozent weniger produktiv waren als die Amerikaner (der statistisch gemittelte Österreicher erreichte, je nach Berechnung, 78 bis 85,2 Prozent der Produktivität seines amerikanischen Vergleichspartners).

Ein Wermutstropfen dieser Studie liegt darin, dass ihre Daten ein Jahrzehnt alt sind. Wie die Arbeitszeiten und -produktivitäten sich seit dem großen Finanzkrach entwickelt haben, wird Gegenstand neuer Studien sein müssen. Allen voran wird die Frage zu ergründen sein, ob sich der Verdacht bestätigt, dass Europa angesichts der heute gegenüber dem EU-Durchschnitt nur halb so hohen Arbeitslosenrate in den USA noch weiter zurückgefallen ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2016)

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