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Frauenberger: „Ethikunterricht für alle“ gegen Radikalisierung

Sandra Frauenberger.(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Integrationsstadträtin (SPÖ) über die problematische Einstellung migrantischer Jugendlicher zu Demokratie und Frauenrechten. Als Lösung schlägt sie die Einführung von Ethikunterricht an Schulen vor.

Die Presse: Nur 42 Prozent der muslimischen Jugendlichen in der offenen Jugendarbeit gelten laut Studie als gemäßigt. Ein erwartbares Ergebnis?

Sandra Frauenberger: Ja. Ausgangspunkt der Studie war, dass die offene Jugendarbeit (niederschwellige Betreuung in Jugendzentren, Parks etc., Anm.), die auch Teil des Netzwerks für Deradikalisierung ist, gesagt hat: Wir brauchen eine Studie, wir haben das Gefühl da tut sich etwas.

 

Viele dieser Jugendlichen mit Migrationshintergrund sind österreichische Staatsbürger. Das ist die oft zitierte Parallelgesellschaft?

Bei den befragten Jugendlichen ist die Antwort Nein. In der offenen Jugendarbeit wird eine heterogene Gruppe betreut – Jugendliche mit und ohne Integrationserfahrung.

Eine Gruppe, bei der 80 Prozent Migrationshintergrund besitzen, ist heterogen?

Diese Jugendlichen kommen aus 50 verschiedenen Herkunftsländern. Die Klientel der offenen Jugendarbeit an sich sind sozial und bildungsmäßig schwächere Jugendliche.

 

Viele Befragte sind österreichische Staatsbürger. Warum fühlen sich 35 Prozent, also mehr als ein Drittel, wenig bis überhaupt nicht mit Österreich verbunden?

Die meisten fühlen sich sehr wohl als Wienerinnen und Wiener. Und sie haben auch eine Verbundenheit mit ihrem Heimatland über ihre Eltern. Wenn man fragt: Wo lebst du lieber? Dann ist ihre Antwort: Wien.

 

Migrantische Jugendliche lieben Wien, also ihr Grätzel, lehnen aber Österreich ab. Das klingt paradox.

Sie lehnen Österreich nicht ab. Aber man muss bedenken, dass sie immer wieder Ausgrenzung und Diskriminierung erleben. Das schwächt das Zugehörigkeitsgefühl.

 

Warum werden dann nicht andere diskriminierte Gruppen radikalisiert – Menschen aus Ex-Jugoslawien, Asiaten, jüdisch-ultraorthodoxe Jugendliche, Buddhisten, die wegen eines geplanten Stupas massiv angefeindet werden?

Betrachten wir das Weltgeschehen der vergangenen Jahre: Die Studie wurde im Zeitraum des Anschlags auf die Redaktion der Zeitschrift „Charlie Hebdo“ gemacht. Dadurch hat diese Gruppe andere Ausgrenzungserfahrungen erlebt als andere Gruppen.

 

Folgt jetzt eine Studie zu den Jugendlichen der jüngsten Flüchtlingswelle?

Natürlich müssen wir hier Entwicklungen betrachten. Ob mit einer Studie, ist offen.

 

Was sind die Folgen der Studie?

Am 10. November wird unser Expertenforum seinen Bericht samt Empfehlungen abgeben, das werden wir dann auch präsentieren.

 

Die Studie hat auch gezeigt: Etablierte Migranten grenzen sich von neuen stark ab – werten diese also rassistisch stark ab.

Hier ist es nicht anders als bei jenen ohne Migrationshintergrund: Sie haben etwas aufgebaut – Veränderungen wie Zuwanderung bedeutet für viele die Sorge, ihre Position könnte in Gefahr kommen. Wenn Populisten diese Ängste ansprechen, hat das Folgen für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft.

 

Die Studie zeigt eine problematische Einstellung männlicher Migranten zu Frauenrechten. Was sagt die Frauenstadträtin?

Das ist ein großer Bildungsauftrag, auch für die Community- und Elternarbeit.

 

71 Prozent der Befragten sind männlich. Wird Mädchen der Zugang zu durchmischenden Einrichtungen der Stadt von patriarchalen Familienstrukturen blockiert?

Das Verhältnis entspricht der Population von Männern in den Jugendzentren an sich. Es gibt dort aber auch eigene Mädchenprogramme. Die feministische Arbeit, die Stärkung der Mädchen, ist ein großes Thema.

 

Wie werden Mädchen gestärkt, diese patriarchalen Strukturen zu durchbrechen?

Wenn eine Frau bis zum 18. Lebensjahr eine Ausbildung macht, wird sie eine gefestigte Persönlichkeit sein und sich diese erzkonservativen Vorstellungen nicht gefallen lassen. Je länger Mädchen in der Ausbildung bleiben, desto besser geht das. Die Ausbildungsgarantie ist auch ein großes, frauenpolitisches Programm.

 

In der Studie stechen auch Abwertungen gegenüber Jüdinnen und Juden hervor. Gerade Österreich hat hier eine historische Verantwortung. Wie reagieren Sie?

Bei der Integration ab dem ersten Tag vermitteln wir ganz klar unsere Werte: Diese Stadt ist gegen Antisemitismus. Ich wünsche mir dazu eine stärkere Auseinandersetzung in der Schule.

 

Diese Forderung richten Sie an sich selbst. Sie sind auch Bildungsstadträtin.

Ja, ich habe das fest vor. Wir brauchen die gesellschaftspolitische Auseinandersetzung in der Schule. Deshalb will ich zum Beispiel einen Ethikunterricht.

ZUR PERSON

Sandra Frauenberger (50) ist seit Jänner 2007 Stadträtin für Integration, Frauen, Personal und Konsumentenschutz. Nach der Wien-Wahl 2015 bekam sie zusätzlich noch die Bildungsagenden der Stadt Wien übertragen – also die Schulagenden und die Kindergärten. Frauenberger begann ihre politische Karriere 1984 bei der GPA (Gewerkschaft der Privatangestellten), war dort Frauensekretärin und Mitglied im ÖGB-Bundesvorstand. 2001 zog die SPÖ-Politikerin in den Wiener Gemeinderat ein, sie ist auch Mitglied im Wiener SPÖ-Frauenkomitee. [ Hans Hochstoeger ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2016)