Christine Gaigg kritisiert in "untitled (look, look, come closer)" Propaganda, Voyeurismus und Manipulation via Smartphone. Ein ImPulsTanz-Special.
"Wenn man Kriegsführung globaler betrachtet, dann gehören die Medien auch dazu. Das Internet wirkt dabei wie eine Streubombe: Ständig fliegen Splitter herum und man weiß nie, was man zu sehen bekommt", sagt Christine Gaigg. 2014 ist ihr das besonders aufgefallen, als sie plötzlich ein Video aus dem Ukraine-Konflikt auf dem Display hatte - "ich war schockiert". "Soziale Medien tragen dazu bei, dass diese Sachen schneller und häufiger auf das Smartphone kommen. Ständig kann etwas aufpoppen." Für ihre Recherchen hat sie sich dann solche Botschaften und Videos angeschaut, auch IS-Propagandamaterial. "Ich habe die Machart analysiert, welche dramaturgischen und ästhetischen Prinzipien die anwenden", sagt Gaigg, die einst als Filmkritikerin für den "Falter" beschäftigt war.
Kriegsszenarien im Kopfkino
2015 hatte dann ihr Stück "untitled (look, look, come closer)" beim ImPulsTanz-Festival Premiere. Weil das Thema aber nach wie vor aktuell ist, wird es nun als Wiederuafnahme im ehemalien Semper Depot noch einmal gezeigt. Zu einer Komposition von Klaus Schedl, die "sehr bombastisch, sehr direkt und emotional wirkt", wie Gaigg es beschreibt, lässt sie fünf Performer/Schauspieler mit von ihnen selbst gewählten Materialien Kriegsszenarien darstellen - da kommen Papier und Ton zum Einsatz, aber auch Einwegrasierer und Ohrstöpsel. Das wirkt wie ein Kino im Kopf, weil der Betrachter sofort Assoziationen zu realen Kriegsszenarien herstellt. "Diese Musik löst eigentlich einen Fluchtreflex aus, man wird durch sie aber so eingeschlossen, dass einem gar nichts anderes übrig bleibt, als sich mit seinen eigenen Bildern zu beschäftigen."
"Längst tragen wir den Krieg in unseren Hosentaschen", sagt Gaigg - und es sei wichtig, sich dessen bewusst zu sein und das eigene Medienverhalten immer wieder zu hinterfragen. Seit das Stück entstanden ist, habe sich ihr Medien-Umgang verändert: "Ich persönlich nehme Bilder heute flüchtiger wahr." Wie schon zuletzt in ihren "Bühnen-Essays", wie sie diese Mischung aus Performance und Lesung/Theater nennt, gibt es auch in "untitled (look, look, come closer") eine Textpassage. "Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich ohne Sprache, ohne Text nicht mehr weiter komme." Nur das gebe ihr die Möglichkeit, sich schwierigeren Themen zu widmen. "Ich setze mich in meinen Bühnen-Essays mit gesellschaftspolitischen Themen auseinander. Da gibt es immer eine körperliche und eine reflektierende Ebene." Hier eröffnet sich das, was Gaigg "Denkräume" nennt. Ab heute gibt es dazu wieder die Möglichkeit.
untitled (look, look, come closer): 24., 25., 26. 10., jeweils um 19 Uhr im Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste (ehem. Sempter Depot), Lehargasse 6 (1060 Wien); www.impulstanz.com