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Fluchtwege und Dezibelgrenzen

Arbeitsschutzbestimmungen im Büro gelten auch für Kreative.
Arbeitsschutzbestimmungen im Büro gelten auch für Kreative.(c) imago/Westend61 (imago stock&people)
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Auch bei den coolsten Konzepten sind Vorschriften einzuhalten – vom Laptop in der Cafeteria bis hin zur Lade am geteilten Tisch.

Sie gelten auch in den schönen neuen Arbeitsweltenwelten: Egal wie cool das Konzept, wie offen der Office Space und wie mobil das Mobiliar – wenn Feuertüren nicht schließen, Fluchtwege verstellt werden oder der Sessel zum Desk Sharing nicht ergonomisch korrekt eingestellt ist, gibt es Ärger. Denn modern hin oder her, nach wie vor haben das ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG) und die Bildschirmarbeitsverordnung ein gewichtiges Wörtchen mitzureden, wenn es um den Arbeitsplatz geht. Und nicht alle Segnungen der neuen Wirkungsstätten gehen so problemlos mit den Anforderungen dieser Vorschriften Hand in Hand.

Konfliktfeld Geräuschkulisse

„Wir haben oft Beschwerden wegen des Geräuschpegels in Großraumbüros, der die Konzentration schwierig macht“, berichtet Petra Streithofer von der Abteilung Sicherheit, Gesundheit und Arbeit der AK Wien. Und auch Peter Kovacs, stellvertretender Vorsitzender der Facility Management Austria (FMA), weiß, dass die Themen Akustik und Lärmpegel „ein Klassiker und sehr präsent sind“. Wie laut es sein darf, regelt das Gesetz ganz genau: Mehr als 65 Dezibel dürfen es bei „einfachen Bürotätigkeiten oder vergleichbaren Tätigkeiten“ nicht sein, werden „überwiegend geistige Tätigkeiten“ verrichtet, darf ein Grenzwert von 50 Dezibel nicht überschritten werden. Auch für den anderen Klassiker der Großraumbüros, die gerade im Sommer immer wieder für Kommunikation sorgende Frage, wie kalt oder warm es sein darf, gibt es exakte Zahlen: Zwischen 19 und 25 Grad hat die Temperatur zu liegen. Außerdem genau geregelt sind die Beleuchtung (mindestens 500 Lux), der Luftraum pro Arbeitnehmer (mindestens zwölf Kubikmeter bei Arbeiten mit geringer körperlicher Belastung), die Verkehrswege im Haus (mindestens einen Meter breit). Parameter, die in modernen Bürogebäuden – hoffentlich – vorausgesetzt werden.

Die Frage der Ergonomie

Schwieriger wird es hingegen dann, wenn der Alltag und die Mitarbeiter Einzug halten: Dann werden Fluchtwege (deren Breite sich nach der Anzahl der Mitarbeiter berechnet) und damit der Zugang zu Fluchtbereichen (die von jedem Arbeitsplatz aus nach höchstens 40 Metern erreichbar sein müssen) mit Geräten zugestellt oder die Feuertüren mit einem Mistkübel offengehalten, damit man sich mit dem Kaffeehäferl auf dem Weg aus der Küche nicht plagen muss.

Ein anderer Bereich, in dem sich die neuen Arbeitskonzepte und das AschG nicht immer gut vertragen, sind die Arbeitsplätze selbst. Denn wer an einem Bildschirm arbeitet, muss das ergonomisch korrekt tun können – egal, ob er einen eigenen Schreibtisch und Sessel hat oder in einem Desk-Sharing-Konzept arbeitet. Und das bedeutet eben gerade nicht, mit dem Laptop unter dem Arm einen Tisch in der Cafeteria zu finden.

„Es geht nicht, dass jemand mehr als vier Stunden dort oder im Kaffeehaus arbeitet, weil die Tastatur nicht ergonomisch ist, wenn der Laptop nicht in einer Docking-Station ist“, erklärt Streithofer. Außerdem habe der Arbeitgeber auch in diesen Systemen dafür zu sorgen, dass für den Arbeitnehmer ein solcher Platz vorhanden ist. „Beim Desk Sharing muss der Arbeitgeber verhindern, dass es zu Überbelegungen kommt, wenn etwa in der Früh alle in den Startlöchern stehen, um einen Tisch zu ergattern“, so Streithofer. Außerdem stehe jedem Mitarbeiter auch in diesem Konzept mindestens eine versperrbare Lade zu, in der persönliche Wertgegenstände aufbewahrt werden können, und die geteilten Tische müssen höhenverstellbar sein, um ergonomisch an die Bedürfnisse der wechselnden Mitarbeiter angepasst werden zu können. Was die häufig vom Arbeitgeber beabsichtigte Kostenersparnis durch die teureren Möbel wieder zunichtemacht, wie Streithofer erklärt. Aber auch, wenn man gänzlich oder teilweise von daheim arbeitet, befindet man sich, was den Arbeitsplatz angeht, nicht im rechtsfreien Raum. „Es gibt eine Menge zu beachten“, erklärt Anna Mertinz, Arbeitsrechtsspezialistin bei KWR Karasek Wietrzyk Rechtsanwälte. „So sollte der Mitarbeiter beispielsweise einen geeigneten Arbeitsplatz haben und nicht etwa vom Couchtisch aus arbeiten.“

Vertragliche Vereinbarungen

Wichtig sei dabei, von Anfang an vertraglich zu vereinbaren, wer was zur Verfügung stellt – vom Laptop über die Möbel bis hin zu Internetgebühren, Strom oder Gas – und auch genau festzulegen, zu welchen Zeiten im Homeoffice, wann am Firmensitz gearbeitet und wie die Arbeitszeit aufgezeichnet wird.

Andere wichtige Themen betreffen den Datenschutz und die Frage, ob ein Unfall im Homeoffice als Arbeits- oder Freizeitunfall gewertet würde. „Grundsätzlich ist eine solche Vereinbarung aber immer freiwillig, und weder der Mitarbeiter noch der Arbeitgeber kann dazu gezwungen werden“, betont Mertinz. „Was dabei oft vergessen wird, ist festzulegen, wie beide Seiten im Bedarfsfall aus dem Zusatz zum Grundarbeitsvertrag wieder herauskommen – wenn beispielsweise die Wohnung zu klein wird oder ein neuer Geschäftsführer ein anderes Konzept umsetzen will. Dafür ist es wichtig, eine Kündigungsmöglichkeit zu haben, die separat vom Grundarbeitsverhältnis angewendet werden kann“, so die Rechtsanwältin.


[MVVE9]

(Print-Ausgabe, 22.10.2016)