Austria'09: Querdenker, Querbauer, Querkräfte

Querkraft - Jakob Dunkl Peter Sapp Gerd Erhartt Bruckberger
Querkraft - Jakob Dunkl Peter Sapp Gerd Erhartt Bruckberger(c) Michaela Bruckberger
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Architektur. Der Mensch ist das Maß der Architektur: querkraft setzen das so konsequent wie originell und ästhetisch überzeugend um. Das Architektentrio ist bei der Austria 09 in der Sparte Creative Industries nominiert.

Alltägliche Lästigkeiten scheinen querkraft großen Spaß zu machen, jedenfalls steigert es ihren Einfallsreichtum. Etwa Wäsche trocknen. Jeder kennt das Ärgernis mit den Wäscheständern, überall sind sie im Weg: „Wir treten einfach die Flucht nach vorne an und machen daraus Architektur – ein Haus mit ausklappbaren Wäscheständern“, sagt Peter Sapp. Im nächsten Sommer werden von den Loggien ihres „Karree St. Marx“ in Wien frisch gewaschene Socken und Leintücher flattern.

Wehende Buntwäsche als bewusst eingesetztes temporäres Fassadengestaltungsmittel: In dem Bild zeigt sich die Denkweise der drei querkraft-Architekten Jakob Dunkl, Gerd Erhartt und Peter Sapp sehr schön. Der Zugang zum Bauen funktioniert nutzerorientiert, ist nie um seiner selbst willen und fördert Originelles zutage. „Viele Ideen beginnen mit einem Problem und der Überlegung, etwas Positives daraus zu machen“, sagt Gerd Erhartt.

Die Bauten von querkraft können stets mehr – unabhängig davon, ob es sich um das Liaunig Museum (eine Röhre), das Adidas Brand Center (einen Schrein), sozialen Wohnbau oder ein privates Wohnhaus handelt: „Wir versuchen, dem Nutzer immer etwas zu geben, womit er sich artikulieren kann. Uns macht es Spaß, sich mit dem Wohnen und seinen ganz banalen Bedürfnissen auseinanderzusetzen“ erklärt Erhartt.

Dass querkraft-Arbeiten aus diesem Grund keine originäre Handschrift haben, spricht paradoxerweise umso mehr für sie: Es geht Dunkl, Erhartt, Sapp und ihrem bis zu 20-köpfigen Team vielmehr um eine Haltung: „Weil Menschen so unterschiedlich sind, und die Anforderungen an ein Gebäude ebenso, sind auch die Ergebnisse ganz verschieden.“

Knapper Nachsatz: „Das finden wir spannend.“ Groß zu klotzen ist ihre Sache nicht; das merkt man bereits, wenn man das Atelier in einem Hinterhof der Mariahilferstraße in Wien betritt: keines dieser fancy Repräsentationsbüros, auch keines, das kalkuliert kreatives Chaos zur Schau trägt.

Dabei hätten querkraft allen Anlass, nicht so tiefzustapeln: Sie gewinnen Preise, sind in Wettbewerben erfolgreich, bauen europaweit. Schnell wurde die 1998 gegründete Gruppe erfolgreich – und mit humorvollen Arbeiten im Kunstumfeld bekannt. Mit dem Liaunig Museum in Neuhaus/Suha (2008) haben sie einen einzigartigen Kult(ur)bau geschaffen. Im Römer-Museum in Wien (2008) gelang es Spannung und Neugier zu erzeugen. Mit dem Adidas Brand Center in Herzogenaurach (2006) realisierten sie einen Bau, der anders als alle Konkurrenzvorschläge war: nach außen das Gegenteil von dynamisch, drinnen aber so angelegt, dass der Raum sehr schnell, sehr einfach umfunktionier-, teil- und bespielbar ist.

Natürlich gibt es Lieblingsbaustellen. Für Dunkl ist es ein Architekturmuseum. Für querkraft sei es einfach „absurd, dass Architektur gesellschaftlich so relevant ist, aber im Bewusstsein der Öffentlichkeit einen so geringen Stellenwert hat“. Für Erhartt wäre es ein neues, gläsernes Parlament: „Architektur ist nichts anderes als eine dreidimensionale Umsetzung einer gesellschaftlichen Befindlichkeit.“ Man wolle in erster Linie bauen, nicht konzeptiv für die Schublade arbeiten oder Tonnen publizieren. Und wenn, dann schon konkret erfassen, was die Arbeiten im Alltag taugen. Gerade haben sie ein Buchprojekt gestartet, in dem Bauherren und Nutzer dazu interviewt werden. Die Prinzipien, mit denen sie arbeiten, lehren die „Querkräfte“ auch: Peter Sapp hat einen Lehrstuhl für Raumgestaltung in München. Zuletzt ließen Dunkl, Erhartt und Sapp Studenten darüber nachdenken, wie ein verkehrsfreier Gürtel funktionieren könnte.

AUF EINEN BLICK

querkraftarchitekten zeichnet ihr Zugang aus: Maß nehmen an den Bedürfnissen des Menschen. Bekanntester Bau in Österreich: Liaunig Museum. Ein Schwerpunkt: sozialer Wohnbau. querkraft sind international erfolgreich und aktiv in der Lehre. www.querkraft.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.09.2009)


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