RZB-Experten rechnen mit steigenden Kursen. Es gibt aber auch starke Anzeichen für ein Ende der Rallye.
wien (ker). Als Anleger hat man es derzeit wirklich nicht leicht. Soll man jetzt noch Aktien ins Portfolio nehmen? Geht man zu zwei Vermögensberatern, bekommt man drei verschiedene Meinungen. Es gibt Indikatoren, die auf eine Fortsetzung des Börsenaufschwungs deuten. Es gibt aber auch welche, die auf das Gegenteil hinweisen.
1 Welche Frühindikatoren sprechen für einen Anstieg der Aktienkurse?
Der ISM-Index ist ein probater Frühindikator für die Entwicklung der US-Wirtschaft. Dabei werden monatlich die Einkaufsmanager von 350 Industriefirmen befragt, wie sie die zukünftige wirtschaftliche Lage sehen. Die Entwicklung des Bruttosozialprodukts (BIP) geht seit Jahrzehnten fast identisch mit dem ISM-Index einher. Da die US-Einkäufer für das dritte und vierte Quartal optimistisch sind, dürfte es auch mit der US-Konjunktur bergauf gehen. Den Börsenkursen würde das einen weiteren Schub geben.
Die Analysten der Raiffeisen Zentralbank (RZB) sind auch für Europa optimistisch. Dabei verweisen sie auf die Auftragseingänge in Deutschland, die seit 2007 die BIP-Entwicklung im Euroraum widerspiegeln. Für das dritte Quartal haben die deutschen Firmen wieder deutlich mehr Aufträge in ihren Büchern stehen. RZB-Analyst Valentin Hofstätter erwartet daher, dass die Wirtschaft im Euroraum im dritten und vierten Quartal um drei bis vier Prozent wächst. Aber: „Ab dem nächsten Jahr geht die Erholung nicht mehr in diesem rasanten Tempo weiter.“
Grund zur Hoffnung gibt auch der Ifo-Index. Dieser Indikator zeigt die aktuelle Lage und zukünftigen Erwartungen der deutschen Unternehmer. Der Leitindex DAX läuft seit Jahren dem Ifo-Index hinterher. Da der Index im September den höchsten Wert seit einem Jahr erreicht hat, dürfte es auch mit dem DAX weiter nach oben gehen. Das würde ebenso die Wiener Börse freuen, die tendenziell von einer guten Stimmung in Frankfurt profitiert.
2 Sind nach den heftigen Kursanstiegen seit März die Aktien überbewertet?
Die RZB-Analysten sehen noch Potenzial nach oben. Ihre Einschätzung basiert auf dem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Das KGV gibt an, wie teuer eine Aktie ist. Die großen Indizes DAX und S&P-500 liegen derzeit unter ihrem KGV-Durchschnitt der vergangenen 20 Jahre. „Die Aktien sind noch billig zu haben. Die europäischen Papiere sind dabei günstiger als die amerikanischen“, sagt RZB-Expertin Veronika Lammer.
3 Welche Anzeichen deuten dagegen auf einen Kursrückgang hin?
Europäische und US-Manager haben im August und September in großem Stil Aktien ihrer eigenen Firmen verkauft (sogenannte Director's Dealings). Allein die europäischen Vorstände haben Aktienpakete im Wert von 400 Mio. Euro veräußert. Dagegen gab es Zukäufe von nur 93 Mio. Euro. Eine derartige Diskrepanz hat es seit fünf Jahren nicht gegeben. Das Kaufverhalten der Manager gilt historisch als probater Frühindikator. Das würde heißen, die Rally wäre bald vorbei.
Da passt es ins Bild, dass immer mehr Anleger auf fallende Kurse wetten. Die Leerverkäufe (auch Short Sellings genannt) haben vor allem in Japan, Großbritannien und Kontinentaleuropa zugelegt. Bei diesen Geschäften borgt sich etwa ein Fonds Aktien aus und verkauft sie gleich wieder weiter. Er hofft, dass danach der Aktienkurs fällt, damit er sich das Papier billiger zurückkaufen kann. Die Kursdifferenz ist der Gewinn. Nehmen die Leerverkäufe zu, ist das ein negatives Vorzeichen für die Aktienmärkte.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.09.2009)