Das Leben im Schatten des Hitler-Hauses

Braunau a Inn Adolf Hitlers Geburtshaus Gasthaus Jakob Backleitner
Zu dem Haus, das als Gasthaus genutzt wurde, gehörten auch Mietwohnungen.imago/Arkivi

Und wieder ist das Geburtshaus Adolf Hitlers in Braunau großes Thema in der ältesten und größten Stadt des Innviertels. Dass künftig die „Wiedererkennung“ unmöglich werden soll, betrachten viele Bewohner als kontraproduktiv.

Ein Foto. Ein letztes Bild, bevor es abgerissen oder baulich komplett verändert wird: Das ist es, was derzeit viele Menschen vor das Geburtshaus von Adolf Hitler in Braunau lockt. Welche Leute das sind und welche Gesinnung sie haben, kann Alois Zagler nicht sagen. Aber: „Eine Werbung fürs Hitler-Haus ist das momentan schon.“

Zaglers Naturladen liegt dem gelben Haus, über das derzeit wieder im In- und Ausland diskutiert wird, direkt gegenüber. Naturgemäß bespricht man auch in seinem Geschäft die aktuellen Entwicklungen eifrig: „Alle reden darüber, und jeder regt sich auf.“ Dass das Hitler-Haus möglicherweise geschleift wird, ist für diejenigen, die hier ihr Bio-Gemüse und ihr Müsli kaufen, völlig unverständlich.

In den vergangenen Jahren sei es ruhig gewesen, sagt Zagler. Von seinem Verkaufsfenster sieht er bereits seit einem Vierteljahrhundert auf das Bürgerhaus, in dem Adolf Hitler geboren wurde, das für ihn aber keine große Bedeutung hatte. Wegen seiner Bausubstanz aus dem 17. Jahrhundert steht der gesamte Straßenzug unter Denkmalschutz.

Rechts und links säumen weitere alte Gebäude die Salzburger Vorstadt, die in den Stadtplatz mündet. Wie wird sich die viel diskutierte Nummer 15 einfügen, wenn sie komplett um- oder neu gebaut wird; wenn die „Wiederkennung“ unmöglich wird, wie Innenminister Wolfgang Sobotka es fordert? Würde eine moderne Fassade Neonazis abhalten? Oder das Haus, das jetzt recht unauffällig wirkt, dadurch nicht erst zum Blickfang werden?

Die Salzburger Vorstadt ist stark frequentiert, wer dort zum Bäcker, zum Friseur oder zum Eissalon geht, kommt unweigerlich am Haus vorbei. Lediglich ein Gedenkstein aus dem Konzentrationslager Mauthausen, der 1989 aufgestellt wurde, nimmt darauf Bezug. „Für Frieden, Freiheit und Demokratie. Nie wieder Faschismus. Millionen Tote mahnen“, lauten die Worte.

Das Haus selbst ist finster und versperrt. Lange Jahre war die Lebenshilfe mit ihren Werkstätten und einer Tagesheimstätte für behinderte Menschen hier untergebracht. Das Arrangement scheiterte schließlich daran, dass ein Umbau notwendig gewesen wäre, um das Haus barrierefrei zu machen. Diesen wollte die Besitzerin nicht vornehmen. Seit fünf Jahren liegt das Haus nun brach und verfällt.

„Das Geheimnisvolle lockt an – man weiß ja nicht, was drin ist“, sagt Florian Kotanko, der dem Verein für Zeitgeschichte in Braunau vorsitzt. Er kennt die Geschichte des Gebäudes wie kein anderer. Als Pilgerstätte sieht er es jedenfalls nicht. Manchmal kämen Leute, um Fotos zu schießen. Die würden sich wundern, dass da nicht mehr sei als der Gedenkstein – und weitergehen, um die Kirche und die historische Altstadt zu besichtigen. Wobei der Historiker freilich nicht sagen könne, ob sich dort nachts Leute einfinden würden, um die Hand zum Hitlergruß zu erheben.

Dass das Haus kein gewöhnliches ist, spüren die Braunauer vor allem rund um den Geburtstag Adolf Hitlers. In diesem Jahr sei es aber sehr ruhig gewesen. Verdrängt wird die historische Last trotzdem nicht. Der Verein für Zeitgeschichte überlegt schon, ob man zur nächsten jährlichen Gedenkstunde für die Opfer von Krieg und Faschismus nicht Ex-Bundespräsidenten Heinz Fischer als Gastredner gewinnen könne. Trotz solcher Aktivitäten sind die Braunauer eigentlich nur das Publikum in der ersten Reihe fußfrei. Die Meinung der Besitzerin ist nicht bekannt: Sie will offenbar nicht über das Haus sprechen, weder mit den Medien noch mit anderen Braunauern. Die Verhandlungen zwischen der älteren Frau und den offiziellen Stellen verliefen ohne Ergebnis.

Dass deshalb die Enteignung auf den Weg gebracht wurde, stößt viele Braunauer vor den Kopf. Schließlich müsse man in einer Demokratie solche Dinge anders regeln können, so der Tenor. Nachdem Innenminister Wolfgang Sobotka einen Abriss ins Spiel gebracht hatte, zog er sich das Unverständnis der offiziellen Expertenkommission zu. Ein Abriss würde „einer Verleugnung der NS-Geschichte in Österreich gleichkommen“, so zwei der Experten.

Dem Braunauer Bürgermeister, Johannes Waidbacher, selbst auch Teil der Kommission, ist anzumerken, dass er die Schlagzeilen als wenig hilfreich empfindet. „Das Hitler-Haus begleitet mich bei meiner täglichen Arbeit. Man lernt damit zu leben. Das hat die Stadt Braunau auch gelernt“, sagt er. Er formuliert sehr vorsichtig, die Entscheidung zur Veränderung des Hauses trägt er jedenfalls mit. Das Haus dürfe kein Gedenk- oder Versammlungsort für Neonazis sein, auch in Zukunft nicht. Denn selbst wenn es derzeit ruhig sei: Man könne eben für die Zukunft nichts ausschließen, sagt er. Wie sich das „neue Haus“ auf die knapp 17.000 Braunauer auswirkt und wie die rechtsextreme Szene reagiert, wird sich irgendwann zeigen. Derweil geht man in der Stadt dem täglichen Leben nach. Mittwochs, am Markttag, wird viel geredet.

Aber so spannend finden viele das Hitler-Haus nun auch wieder nicht. Der Bürgermeister versucht jedenfalls (auch) die Vorteile von Braunau hervorzustreichen: „Die Stadt ist überschaubar und hat alles zu bieten. Die Menschen sind irrsinnig freundlich, wir haben eine sehr hohe Lebensqualität“, schwärmt Waidbacher. Und: „Im Endeffekt ist Braunau auch nur eine Stadt wie jede andere.“

Abriss, Umbau

Die „Wiedererkennung“ des Geburtshauses von Adolf Hitler soll unmöglich gemacht werden. Dieser Plan des Innenministeriums sorgt seit Montag für Aufregung. Ob man dies als Abrissbezeichnen kann, darüber könne man diskutieren, so Wolfgang Sobotka. Die Enteignung der Besitzerin soll demnächst auf den parlamentarischen Weg gebracht werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2016)