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So viele Tierarten wie im Urwald

Spektakulär: Fische beobachten in der Unterwasserstation.
Spektakulär: Fische beobachten in der Unterwasserstation.(c) Clemens Fabry

Der Nationalpark Donau-Auen feiert kommende Woche sein 20-jähriges Bestehen. Das Schloss Orth mit seinem Besucherzentrum ist ein guter Startpunkt für einen Ausflug in die mächtigen Auwälder.

Drinnen wurde alles abgedunkelt, umso grüner strahlt einem das Wasser des Teichs durch die große Glasscheibe entgegen. Nein, hier steht man nicht vor einem Aquarium, sondern beobachtet die Fische in ihrem natürlichen Lebensraum, und zwar auf Augenhöhe in der Unterwasserstation, die gleichsam in den Teich gebaut wurde.

Dieser liegt auf der sogenannten Schlossinsel, die zum niederösterreichischen Schloss Orth gehört, in dem das Besucherzentrum des Nationalparks Donau-Auen untergebracht ist. Die Schlossinsel bietet einen Überblick über die Tier- und Pflanzenwelt des Nationalparks, der sich von der Wiener Lobau ostwärts 93 km entlang der Donau erstreckt. Unter Wasser findet man Fischarten wie Hecht, Flussbarsch, Rotauge und Rotfeder, aber auch Muscheln und Wasserschnecken.

Für Kinder (aber nicht nur für sie) ist die Schlossinsel eine spannende Sache, hier kann man nicht nur auf dem Naturspielplatz aktiv werden, man greift Hirschgeweihe an, entdeckt Tierspuren, erkennt, wie viel Leben es in einem sogenannten Totholz gibt. Und beobachtet Tiere, wenn auch dafür derzeit nicht die günstigste Jahreszeit ist: Die Ziesel schlafen schon, die Europäische Sumpfschildkröte ist auch nicht zu sehen. Außer den Fischen und den Schafen erblickt man derzeit also nicht viele Tiere, dafür entschädigt aber die wunderhübsch-herbstliche Landschaft. Auch die Schlossinsel und natürlich der Nationalpark selbst.

Als Ausgangspunkt für Spaziergänge im Nationalpark empfiehlt sich ein Besuch im Schloss Orth, dessen Geschichte bis ins 12. Jahrhundert zurückgeht, und das im 16. Jahrhundert zum Renaissanceschloss umgestaltet wurde. Im ersten Stock (Zutritt hat man nur bei Führungen, die es aber jede Stunde gibt) bekommt man auf erstaunlich abwechslungsreiche Art vermittelt, was den Nationalpark ausmacht. Der erste Raum ist dabei der ungewöhnlichste: Er ist einem Barocktheater nachempfunden, die Besucher können hier – während ein fast märchenhaftes Hörspiel von der Entstehung der Aulandschaft erzählt – auf der Bühne aktiv selbst mithelfen und das (opulent gemalte) Bühnenbild bewegen. Das macht auch als Erwachsener Spaß, nebenbei lernt man, welchen Pflanzen- und Tierarten der Auwald als Lebensraum dient. Einer der Gewinner des Nationalparks ist der Seeadler, erzählt Rangerin Christiane Mair. Seit der Auwald geschützt ist, haben sich hier wieder fünf Adlerpaare angesiedelt – das klingt angesichts von 9300 Hektar Fläche nach nicht viel, tatsächlich, sagt Mair, haben Adler ein riesiges Revier, weshalb die Donau-Auen voll besetzt seien. In der kalten Jahreszeit kommen etwa 35 Seeadler als Wintergäste dazu.


Aubesetzung. Spektakulär ist auch die riesige begehbare Landkarte (bestehend aus Luftbildern) auf dem Boden: Aus der Vogelperspektive blickt man auf die Donauauen, die in Wien in der Lobau beginnen und vor Bratislava enden. Rangerin Mair erklärt derweil, welche fatalen Auswirkungen auf den Auwald selbst, aber auch die umliegende Landwirtschaft, das Kraftwerk in Hainburg gehabt hätte. Dieses – genauer gesagt der Protest dagegen – war letztlich auch der Anfang vom Nationalpark. Dank der Aubesetzung 1984 wuchs das Bewusstsein um das Naturjuwel Auwald, der in der Folge zum Nationalpark wurde.

Kommende Woche, am 27. Oktober, feiert dieser sein 20-jähriges Bestehen. Pünktlich zum Jubiläumstag wurde bekannt, dass der Nationalpark weiter wächst. In Wien kommen 17 Hektar bei Fischamend dazu, die fortan unter Schutz stehen, in der Petroneller Au in Niederösterreich sind es gleich 260 Hektar, die bisher im Privatbesitz standen und künftig vom Nationalpark – der letzten großen Flussauenlandschaft Mitteleuropas –verwaltet werden.

Die Artenvielfalt ist heute, 20 Jahre nach Unter-Schutz-Stellung des Auwaldes, mit einem Urwald vergleichbar: 100 brütende Vogelarten vom Eisvogel bis zum Flussregenpfeifer finden hier optimale Lebensbedingungen, dazu kommen u. a. 30 Säugetier-, zehn Reptilien- und 60 Fischarten.

Das Schloss Orth geht zwar vom 1. November bis März in die Winterpause, Wanderungen – etwa zu den gefiederten Wintergästen – gibt es aber auch danach. Am Nationalfeiertag startet beim Schloss (13 Uhr) nicht nur der Fitmarsch (ja, den gibt es noch). Es gibt auch – von Hainburg (Parkplatz Donaulände) aus – eine kostenlose Nationalpark-Tour (14 Uhr). Eine Anmeldung zu allen Touren ist erforderlich (siehe Infobox). Natürlich kann man die Donau-Auen auch auf eigene Faust erkunden: Es gibt – siehe Website – zahlreiche Wanderrouten durch die Auen. Vom Schloss Orth aus etwa den großen Rundwanderweg, für den man zwei Stunden einplanen sollte.

Nationalpark

Auf Schloss Orth hat das Nationalparkzentrum bis inkl. 1. November täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet. Geführte Wanderungen im Nationalpark Donau-Auen werden aber auch im Winter angeboten. Alle Infos: www.donauauen.at/besucherinfo

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2016)