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Fern vom Kokon Europas

Der oesterreichischer Schriftsteller Christoph Ransmayr liest am 21 10 2016 in Koeln bei der Lit Colog
Im Pavillon der Uhren in Peking kam Christoph Ransmayr der Einfall zu „Cox“.imago/Horst Galuschka
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Der neue Roman von Christoph Ransmayr, „Cox oder Der Lauf der Zeit“, spielt in China im Goldenen Zeitalter der Qing-Dynastie. Ein Gespräch mit dem Autor über fantastische Uhren, die Grenzen der Herrschaft, Verlust und auch – Liebe.

Sie haben aus James Cox, einem realen britischen Uhrmacher des 18. Jahrhunderts, einen Romanhelden gemacht, Ihren Alister Cox. Seine Uhren „haben mir den Takt ins Innere meiner Geschichte geschlagen“, schreiben Sie am Ende des Buches. Wie kamen Sie zu diesem Mann?

Christoph Ransmayr: Auf dem Weg von Tibet zurück nach Europa habe ich vor Jahren einen Anschlussflug versäumt und bin drei, vier Tage in Peking geblieben. Ein Freund, den ich dort besuchte, ein Wiener Chinese, hat mir vorgeschlagen, einen eben erst eröffneten Pavillon der Uhren in der Verbotenen Stadt zu besuchen. Und in diesem Pavillon habe ich eine astronomische Uhr gesehen, die mich begeisterte – ein richtiger Zeit-Altar, etwa drei Meter hoch, zugleich ein Bild der Welt, mit winzigen Wasserbüffeln, Kriegern, Eunuchen, Konkubinen, bis hinauf zum Kaiserthron. Darüber rotierten Sonne, Mond und Sterne.

 

Diese Uhr stammte von James Cox?

Auf einem Schild an ihrem Sockel stand „Made by James Cox, London“. An diesem Tag habe ich begonnen, mich für diesen Mann zu interessieren, und in mein Notizbuch kritzelte ich als Titel meiner Recherche: Cox oder Der Lauf der Zeit. Irgendwann wollte ich eine Geschichte schreiben, in der Cox, der nie in China war, dem Kaiser, einem leidenschaftlichen Kunst- und Uhrensammler, begegnen sollte.

 

Seinen Vornamen haben Sie im Roman geändert, auch den seines Freundes Merlin. Warum haben Sie das gemacht?

Hätte ich ihre Namen vollständig übernommen, hätte ich auch die Verantwortung diesen historischen Menschen gegenüber übernehmen müssen. Sie haben gelebt, und sie haben bereits eine, wenn auch weitgehend unbekannte, Geschichte. Ich wollte aber keinen historischen Roman schreiben. Die Biografien meines Personals sind fiktiv.

 

Der kaiserliche Übersetzer für Cox im Buch, Kiang, trägt den Vornamen Joseph. Er ist mit zwei Kulturen vertraut. Halten Sie ihn für die Figur mit dem meisten Überblick?

Mit dem Überblick aller Übersetzer. Beim echten Joseph Kiang, jenem chinesischen Freund aus Wien, dessen Namen ich mir für den Roman geliehen habe, können Sie übrigens sehr gut essen – in seinem Restaurant hinter der Servitenkirche im neunten Wiener Bezirk. Er war es, der mich in Peking zum Pavillon der Uhren geführt hat. Er ist nicht nur ein fantastischer Koch, sondern auch ein sehr kluger Mann.

 

Ein fortschrittlicher Engländer des 18. Jahrhunderts trifft den gut 60 Jahre regierenden Kaiser Qiánlóng, der noch heute für Chinesen das Goldene Zeitalter in der Qing-Dynastie repräsentiert. War es intendiert, durch diese außergewöhnliche Begegnung zwei Weltreiche zu konfrontieren?

Ein Erzähler sollte mit programmatischen Absichten vorsichtig sein und besser von Menschen sprechen, nicht von Reichen. In früheren Arbeiten habe ich oft versucht, eine Geschichte bereits vor der Niederschrift der ersten Seite in ihrer gesamten Struktur, ihrem Verlauf und ihrem Ende vor mir zu haben. Davon hab ich mich allmählich verabschiedet. Es ist für mich nicht mehr wichtig, von allem Anfang an alles zu wissen – sich ein bestimmtes Ende zu wünschen, das ja, aber man sollte sich auch als Verfasser dem Verlauf einer Geschichte ähnlich überlassen, wie man es vom idealen Leser erwarten kann.

 

Der Kaiser und der Uhrmacher lernen voneinander, aber nicht nach dem Schema: „Rationaler Westen trifft tiefe asiatische Kultur.“ Am Ende scheint eher Cox der Weisere zu sein, nicht der Kaiser, oder?

Im Erzählen geht es immer um den Einzelnen, seine Sehnsüchte, sein Glück, seine Ängste. Vor diesem Einzelnen kann Herrschaft nie weise sein, weil sie ihn bedroht, alle Kräfte von ihm fordert, ihn vielleicht zerstört. Weisheit zeigt sich, wenn überhaupt, erst jenseits von Herrschaft.

 

In Franz Kafkas Erzählung „Beim Bau der Chinesischen Mauer“ wird die Mauer, diese Demonstration absoluter Macht, zum Inbegriff eines sinnlosen Unterfangens. Dasselbe passiert bei Ihnen mit der Ewigkeitsuhr, dem Perpetuum mobile, das der Kaiser in Auftrag gibt: Letztlich zeigt es die Ohnmacht des Mächtigen . . .

An einer unmöglichen Maschine zu bauen war vielleicht kühn oder verrückt, aber nie sinnlos. Illusorisch wäre allerdings der Glaube, sich damit zum Herrn über die Zeit aufzuschwingen. Selbst der Kaiser von China, obwohl als unsterblich verehrt, beugt sich am Ende der Übermacht der Zeit.

 

Cox hat seine kleine Tochter verloren, seine Frau verstummte nach deren Tod. Sein ganzes Leben, auch seine Uhrmacherei, steht nun im Zeichen der Sehnsucht nach diesen geliebten Menschen. In der Lieblingskonkubine des Kaisers, Ān, glaubt er plötzlich, Frau und Tochter in einer Person vor sich zu haben. Hat das nicht etwas zutiefst Mystisches?

Ich habe Zustände, in denen wir uns verlieben oder um jemanden trauern, nie als mystisch empfunden. Dass ein Mensch die vielfältigsten Erinnerungen in uns wachrufen kann, ist kein Geheimnis. Erst wenn jemand stirbt und sich damit in der Zeitlosigkeit verliert, geschieht etwas unlösbar Rätselhaftes, Trauriges, auch Entsetzliches. Wir können versuchen, Brücken in dieses Dunkel zu schlagen, aber selbst wenn diese Brücken sich noch so weit in die Räume unseres Bewusstseins hinausschwingen – das andere Ende werden wir erst mit unserem eigenen Tod erreichen.

 

„Für Ān“ lautet die Widmung des Buchs. Wir wollen nicht indiskret sein – aber wer ist damit gemeint?

Meine Frau. Sie heißt Judith. Ān ist ein Name, den ich ihr neben vielen anderen immer wieder einmal gebe; den habe ich aus China als einen der kürzest möglichen Namen und Kosenamen mitgebracht.

 

Erweisen Sie sich da nicht, wie oft zuvor, als hoffnungslos der Romantik ergeben?

Wenn Sie eine liebevolle Zueignung als hoffnungslos der Romantik ergeben empfinden, kann ich Ihnen schwer widersprechen. In Liebesverhältnissen sagt und schreibt man noch ganz andere Dinge.

 

Der Roman strahlt eine große Ruhe aus, alles geht seinen gemessenen Gang, das Brutale und das Herrliche werden im selben Takt erzählt, immer etwas distanziert. Fällt es Ihnen leicht, diese Ruhe und Distanz, die für Ihr Schreiben notwendig sind, herzustellen?

Ich habe versucht, das Brutale und das Herrliche durchaus nicht im selben Takt zu erzählen. In vielen Tempowechseln, atmosphärischen Wendungen und Dialogen verändert sich der epische Ton manchmal so drastisch, dass etwa einer von den Goldschmieden, die Cox begleiten, aus seiner Zeit fällt und plötzlich fern aller Poesie und Taktreinheit wie aus dem 21. Jahrhundert „fuck“, sagt, „fuck you“. Dass ich diesen Roman zum großen Teil auf Reisen geschrieben habe, hat das Wechselspiel innerhalb der Geschichte, aber auch die notwendige Distanz zum Erzählten durchaus befördert, das letzte Kapitel, nur ein Beispiel, entstand in Indien.

 

Oh, wir dachten eher an einen kalten Ort, Ihr Romanheld friert ständig.

Nur, wenn er Angst hat. Wichtig war und ist mir, in der realen Welt immer auch ein Gegengewicht zur erfundenen zu erkennen, und das gelingt am ehesten, wenn die Realität völlig andere Bilder liefert; das bringt mich immer wieder zu meinem Thema zurück.

 

Müssen Sie also Krieg, die Situation der Flüchtlinge, den Umgang Europas damit, all diese politischen Realitäten bewusst von sich fernhalten, um schreiben zu können?

Fernhalten? In Indien, in Südamerika, irgendwo in Asien bin ich näher an der globalen Realität als im europäischen Kokon, und was immer ich sehe, erlebe, integriere ich zu einem gewissen Maß auch in den Erzählfluss. In „Cox“ kommen etwa islamische Aufständische vor, die kaiserliche Soldaten enthaupten, um mit den Köpfen Wegzeichen, Schädelpyramiden zu errichten. Und schon im Eröffnungskapitel werden kriminellen Wertpapierhändlern, die ihre Verluste mit Steuergeldern decken, die Nasen abgeschnitten. Ich will, selbst wenn ich über ein kaiserliches China schreibe, Gegenwärtigkeit herstellen, sowohl für mich als auch für die Leser.

 

Die Folter zu Beginn könnte auch als Exotismus ausgelegt werden, der einen Schauder der Faszination auslöst, so wie noch schlimmere Foltern danach. Aber man erfährt, dass damals auch noch in England die Menschen gequält und hingerichtet wurden.

Statistisch gesehen ist jeder Einzelne von uns, wenn er Zeitungen und Magazine aufschlägt oder sich von Bildschirmen bescheinen lässt, mit mehr, viel mehr Grausamkeit konfrontiert als in meinem Roman, der die von Menschen an Menschen verübte Gewalt nicht annähernd proportionsnah abbildet. Würde er das tun, tropfte das Blut von jeder Seite.

 

Im Buch erinnern sich die Engländer an den Themsehafen, wo Piraten an kurzen Seilen aufgehängt wurden, damit sie lang zappelten, nicht innerhalb von Sekunden tot waren.

Die Darstellung der Grausamkeit im Roman hat auch die Funktion, die englischen Ankömmlinge schlagartig in die Realität des Kaiserreiches zu katapultieren. Während auf einem Richtplatz am Hafen die Qual der Verurteilten beginnt, schaukelt der Kaiser oben in den Bergen in seinem Prunkzelt in einem an Seidenzöpfen schwebenden Bett und schreibt Gedichte.

 

Die Kapitel haben in der Überschrift immer ein chinesisches Wort dabei, in lateinischen Buchstaben geschrieben. Warum?

Ursprünglich standen chinesische Zeichen über allen Kapiteln. Das deutsche Wort daneben sollte weniger Übersetzung als vielmehr eine Anspielung auf die Bedeutung des jeweiligen Zeichens sein. Ich habe mich dann aber für die Pinyin-Transkription entschieden, weil die Kluft zwischen den Kulturen dadurch deutlicher, weil auch im lateinischen Alphabet lesbar, wurde. Über dem letzten Kapitel steht beispielsweise „Der Unbesiegbare“, wird der chinesische viersilbige Begriff daneben korrekt übersetzt, heißt es: „Der Mann, der so einsam ist, dass er keinen Gegner mehr findet“.

 

In der chinesischen Schrift sind Schönheit und Aussage untrennbar verbunden. Fasziniert Sie das? Sie legen doch sehr viel Wert auf sprachliche Schönheit.

Nur, wenn Schönheit auch Genauigkeit bedeutet. Für bloße Sprachmalerei war und ist mir meine Zeit zu schade.

 

Sie haben viel über Asien geschrieben, und es gibt asiatische Übersetzungen Ihrer Bücher. Wird Ihr neuer Roman vielleicht bald schon in China erscheinen?

Das bezweifle ich. Die Zensoren dort sind ziemlich klug und erkennen schnell, ob ein Autor tatsächlich die Kaiserzeit meint oder mit ihr auch die Gegenwart.

 

Sie nehmen sich viel Zeit fürs Verfassen Ihrer Bücher, haben es lieber, dass sie jenseits des Buchmessen-Rummels erscheinen. Ihrem Verlag haben Sie früher verwehrt, Ihre Bücher für Preise einzureichen. Ist das besser für Sie? Können Sie so gut leben?

Ich habe mir immer nur Zeit und Mobilität gekauft, keine Wohnungen, keine Häuser, keine Grundstücke, das war relativ billig. So konnten mich meine Leser und Zuhörer in die luxuriöse Lage versetzen, beim Schreiben so langsam zu sein, wie ich tatsächlich bin. Über Preise habe ich mich natürlich gefreut, wollte mich darum aber weder selbst bewerben, noch, dass mein Verlag sich für mich bewarb. Auf Ehrungen, die man mir nicht zuspricht, sondern die ich nur über eine Bewerbung und auf langen oder kurzen Listen absitzen und im besten Fall dann auch noch in einer läppischen, von Oscar-Verleihungen inspirierten Show entgegennehmen muss, kann ich mühelos verzichten.

 

Sie lesen für Hörbücher gern selbst Ihre Texte. Was ist der Grund dafür?

Ich habe mich immer schon dafür interessiert, wie meine Texte klingen, zunächst nur für mich allein, wenn ich mir am Schreibtisch Passagen laut vorlas. Daraus sind später öffentliche Lesungen geworden, die selbst lange, mäandrierende Sätze als notwendig und leicht verständlich hörbar machen sollten. Genauso, wie ich bei der Erstausgabe eines Romans vom Papier bis zur Umschlaggestaltung, vom Seitenspiegel bis zum Lesebändchen alles mitbestimmen will, möchte ich auch eine, die erste, von vielen Lesarten selbst vorstellen. Danach soll jeder lesen, wie er will, und sollen auch Lizenzausgaben ohne meinen Einspruch gestaltet – oder verunstaltet werden.

 

Machen Sie auch gern Lesereisen?

Früher selten bis nie, jetzt immer wieder und gern, aber nur unter Theaterbedingungen, in denen Leser und Erzähler in einer dunklen Stille versammelt sind. Es geschieht schließlich nicht oft, dass man so viele wohlwollende Menschen an seiner Seite findet wie im Theaterdunkel einer Lesung. Selbst ein ängstlicher Mann wie Meister Alister Cox oder einer wie ich muss sich in diesem Dunkel nicht fürchten.

Steckbrief

Christoph Ransmayr
wurde 1954 in Wels geboren, er lebt nach Jahren in Irland und nach ausgedehnten Reisen nun wieder in Wien. Die Bücher des vielfach ausgezeichneten Autors wurden bisher in mehr als 30 Sprachen übersetzt.

Erzählerisches WerkRomane: „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“, „Die letzte Welt“, „Morbus Kitahara“, „Der fliegende Berg“, „Atlas eines ängst-lichen Mannes“. In der Reihe „Spielformen des Erzählens“ u. a.: „Damen & Herren unter Wasser“, „Geständnisse eines Touristen“, „Der Wolfsjäger“ und „Gerede“.

Demnächst

Der Roman „Cox oder Der Lauf der Zeit“ ist ab 27. 10. erhältlich. Verlag S. Fischer, 304 S., 22,70 €, Hörbuch ab 25,19 €, E-Book 19,99 €. Am 18. 11. liest der Autor im Konzerthaus aus seinem neuen Werk: 19.30 Uhr im Mozart-Saal.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2016)