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"Wir bekommen nicht genug Respekt"

Falah Mustafa Bakir ist seit 2006 Außenminister der Regionalregierung Kurdistan-Irak. Er wurde in Erbil geboren und studierte im Irak, im englischen Bath sowie an der Universität Harvard.
Falah Mustafa Bakir ist seit 2006 Außenminister der Regionalregierung Kurdistan-Irak. Er wurde in Erbil geboren und studierte im Irak, im englischen Bath sowie an der Universität Harvard.(c) APA/AFP/JOHN THYS
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Der Außenminister der Kurdenregion über die Anstrengungen im Kampf gegen IS und die Zukunft Mossuls.

Die Presse: Die Extremisten des IS konnten einen Überraschungsangriff in der Stadt Kirkusk durchführen. Haben die Peshmerga die Kapazitäten des IS für solche Vergeltungsschläge unterschätzt?

Falah Mustafa Bakir: Alle bisherigen Wortmeldungen der Vertreter der Kurdenregion zeigen, dass wir niemals die Kapazitäten des IS unterschätzt haben. Wir haben die Extremisten auf verschiedenen Schlachtfeldern geschlagen, aber sie stellen immer noch eine Gefahr dar. Immer wenn der IS unter Druck gerät, versucht er, Racheaktionen durchzuführen. Wir haben gerade das letzte Kapitel im Kampf gegen die Extremisten aufgeschlagen, denn wir sind dabei, Mossul zu befreien. Damit nehmen wir dem IS die Hauptstadt seines Territoriums. Wenn der IS nun seine Gebiete und seine pseudostaatlichen Strukturen verliert, kehrt er zu seiner Ursprungsform als Terrororganisation zurück und verübt Attentate.

Erwarten Sie noch mehr Angriffe wie zuletzt in Kirkuk?

Die Frontlinie zwischen unseren Truppen und dem IS ist mehr als 1000 Kilometer lang. Wir müssen sehr wachsam bleiben. Der IS hat in der Vergangenheit chemische Waffen, Selbstmordattentäter und Sprengfallen gegen uns eingesetzt. Unsere Peshmerga verfügen oft nicht über die nötige Ausrüstung. Die von Deutschland gelieferten Milan-Panzerabwehrlenkwaffen sind hervorragend, und wir konnten damit viele Selbstmordfahrzeuge des IS stoppen. Aber es sind zu wenige. Deshalb ist auch die Luftunterstützung der internationalen Koalition sehr wichtig für uns.

 

In Mossul leben mehr als eine Million Menschen. Wie kann bei der Rückeroberung der Stadt eine humanitäre Katastrophe verhindert werden?

Die Kurdenregion stand auch in den vergangenen Jahren für Flüchtlinge immer offen. Beim optimistischsten Szenario erwarten wir, dass durch die Mossul-Offensive weitere 250.000 Menschen in die Kurdenregion fliehen werden. Im schlimmsten Fall werden eine halbe bis dreiviertel Million Menschen kommen. Wir werden ihnen, so wie all den Schutzsuchenden vor ihnen, eine sichere Zuflucht bieten. Aber wir bitten die internationale Gemeinschaft darum, uns bei der Versorgung zu helfen. Manchmal bekommen wir nicht genug Aufmerksamkeit und Respekt. Vor einigen Tagen fand eine internationale Konferenz in Paris zu Mossul statt. Und Vertreter der Kurdenregion waren trotz unserer wichtigen Rolle in der Frage nicht eingeladen, weil das irakische Außenministerium gegen eine Einladung war.

Welche Hilfe erwarten Sie von Österreich?

Ich weiß, dass Österreich aufgrund seiner Gesetze keine Waffen liefern darf. Aber es kann medizinische Hilfe für die Verwundeten leisten oder Schutzausrüstung für die Peshmerga zur Verfügung stellen. Wir brauchen mobile Kliniken für die Flüchtlinge. Viele von ihnen, vor allem die Jesiden, sind traumatisiert und benötigen psychosoziale Hilfe. Ich danke für die bisherige Hilfe Österreichs. Es kann in dieser schwierigen Situation eine wichtige humanitäre Rolle spielen.

Die Zukunft Mossuls nach dem IS ist nicht wirklich festgelegt. Wie sehen die Pläne der Kurdenregion aus?

In der Niniveh-Ebene um Mossul leben Araber, Kurden, Turkmenen, Assyrer. Es leben dort Sunniten, Schiiten, Christen, Jesiden. Wir müssen auf die Wünsche aller dieser Gruppen Rücksicht nehmen. Soll Niniveh eine normale Provinz bleiben? Wird es Selbstverwaltung als Teil einer Dezentralisierung geben? Neben der militärischen Bekämpfung des IS müssen wir uns auch um die Lösung der politischen Probleme kümmern. Der IS konnte in den sunnitischen Gebieten des Irak groß werden wegen der falschen Politik der damaligen Regierung in Bagdad. Sie hat die sunnitische Gemeinschaft ausgeschlossen und marginalisiert.

Aber sollen Teile Mossuls an die Kurdenregion angeschlossen werden? Denn dort leben ja auch Kurden.

Wir haben klargestellt, dass die Peshmerga nicht in die Stadt Mossul einmarschieren werden. Denn wir wollen nicht, dass es zu Missverständnissen oder einem kurdisch-arabischen Konflikt kommt. Wir halten uns an den Plan, der zwischen Erbil, Bagdad und der internationalen Koalition ausverhandelt worden ist.

ZUR PERSON

Falah Mustafa Bakir ist seit 2006 Außenminister der Regionalregierung Kurdistan-Irak. Er wurde in Erbil geboren und studierte im Irak, im englischen Bath sowie an der Universität Harvard. [ AFP ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.10.2016)