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„Doctor Strange“: Der Sonderbare unter den Superhelden

doctor strange
(c) Walt Disney Studios
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Marvels Film erfindet den Comicblockbuster nicht neu. Aber er öffnet ihn für verrücktere Aspekte.

Die unerbittliche Expansionswut des Superheldenblockbuster-Kinos hat einen amüsanten Nebeneffekt: Die Popularisierung von Figuren, die selbst im bunten Comic-Zirkus Kuriositäten darstellen. Ant-Man, Deadpool und die Guardians of the Galaxy dürften vor ihren Leinwanddebüts nur eingefleischten Fans ein Begriff gewesen sein. Ihrem Erfolg tat das keinen Abbruch – nicht zuletzt, weil ihre abgedrehten Abenteuer etwas frischen Wind ins formelhafte Genre brachten.

Insofern machte auch Marvels Ankündigung eines „Doctor Strange“-Films neugierig: Der magisch begabte Mediziner gehört, wie sein Name schon sagt, zu den sonderbarsten Schöpfungen des Verlags. Geboren aus dem Geist der Sechziger verwursteten seine Geschichten Versatzstücke aus Mystik und Okkultismus zu herrlich verschwurbeltem Psychedelik-Pulp. Wiederholt verschlug es Strange in unheimliche Paralleldimensionen jenseits von Zeit und Raum, was Zeichner Steve Ditko eine Plattform für wilde Entwürfe surrealistischer Anderswelten bot. Strange ist der Metaphysiker und Esoteriker unter den Superhelden: In einer Episode sucht er Rat bei einer Personifizierung der Unendlichkeit.

 

Ein Arzt auf Astralreise

Der Neurochirurg Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) ist brillant, aber arrogant. Beim Operieren hört er gelassen Funkmusik, seine Patienten sind ihm nichts als Steigbügel für die Karriereleiter. Als ein (ziemlich übertrieben inszenierter) Autounfall seine Fingerfertigkeit zerstört, will er sich nicht mit seinem Schicksal abfinden und macht sich auf nach Nepal, wo die sagenumwobene Kultstätte Kamar-Taj spirituelle Heilung verspricht. Von den Lehren der dortigen Wissenshüterin (Edelmimin Tilda Swinton im Buddhisten-Look) ist der nihilistische Vernunftmensch zunächst abgestoßen – doch eine Astralreise öffnet sein drittes Auge.

Diese Hochdruck-Sequenz, in der Strange völlig unvermittelt gen Stratosphäre geschleudert wird und dann einer Stoffpuppe gleich durch immer groteskere Zonen des Multiversums saust, wirkt auch auf den Film selbst wie ein belebender Defibrillator-Schock. Berauschend ist nicht nur ihre Energie, sondern auch ihr ästhetischer Wagemut: Marvel-Filme sehen für gewöhnlich aus wie überbudgetierte TV-Produktionen, und hier wuselt die Leinwand plötzlich vor fluoreszierenden Farbwolken, bizarren 3-D-Effekten und wahnwitzigen Fraktal-Gewächsen. Vielleicht drückt Regisseur Scott Derrickson, verantwortlich für Horror-Perlen wie „The Exorcism of Emily Rose“ und „Sinister“, dem Film hier seinen Stempel auf; jedenfalls hat „Doctor Strange“ einen eigenständigen visuellen Charakter, und das ist bei zeitgenössischen Großfilmen keine Selbstverständlichkeit.

 

Erfrischend kreative Action

Auch das Produktionsdesign besticht mit vielen kleinen Details – zuweilen fühlt man sich an den Objekt-Fetischismus des großen Hollywood-Fantasten Guillermo del Toro erinnert – und hilft über die Schablonenhaftigkeit des Plots hinweg. Kamar-Taj erweist sich als uralter Geheimbund, der die Erde vor Transzendentalattacken beschützt. In bewährter „Matrix“-Manier trainiert sich Strange hoch zum Meistermagier und muss sich schließlich mit dem abtrünnigen Mönch Kaecilius messen (Mads Mikkelsen, verschwendet in der Rolle eines Reißbrettbösewichts), der den Weltuntergang herbeiführen will. Cumberbatch macht seine Sache gut. Dennoch fragt man sich, ob das Marvel-Universum wirklich noch einen sarkastischen Egozentriker braucht. Über die Schmähaffinität des Films lässt sich allgemein streiten. Marvel-Filme gehen mit Humor um wie Menschen, die in Gesprächspausen immer zu kichern beginnen: kaum ein erhabener Moment, der nicht sofort von einem Witz durchkreuzt werden muss. Das kann unterhaltsam sein, dem Gewicht kosmischer Bedrohungsszenarien ist es nicht gerade zuträglich.

Zum Glück steht das Spektakel für sich. Die Actionszenen sind bildgewaltig und erfrischend kreativ. Stadtlandschaften, die zu unmöglichen M.-C.-Escher-Gebilden zusammengefaltet werden, kennt man zwar schon aus „Inception“, aber die Effekte haben sich weiterentwickelt und erscheinen hier ein ganzes Stück verspielter. Mit ihren Kräften formen die Hexer das Realitätsgewebe um, beschwören Teleportationsportale, ringen in außerkörperlicher Geisterform und fechten mit funkensprühenden Energiebündeln. Am Ende steht natürlich ein apokalyptischer Showdown, doch selbst da umgeht der Film das übliche Geplänkel zugunsten einer gewitzten Zeitmanipulations-Idee. „Doctor Strange“ erfindet den Comicblockbuster nicht neu, aber er öffnet ihn für die verrückteren Aspekte seines Ursprungsmediums, und das ist absolut begrüßenswert. Bleibt zu hoffen, dass seine Seltsamkeit ansteckend wirkt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2016)