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Nobelpreis für mich? Was für eine Katastrophe!

Jean-Paul Sartre
Jean-Paul Sartre(c) imago/Leemage
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Bob Dylan scheint nicht viel von der Nobelpreisehrung zu halten. Er ist nicht der Erste, der sich störrisch der Huld des Komitees entgegensetzt.

„Lieber Sam, liebe Suzanne. Jetzt haben sie dir trotz allem doch den Nobelpreis verliehen. Ich rate euch zu einem Versteck. Ich umarme euch.“ Eine frohe Botschaft sieht anders aus. Der Schreiber dieses Telegramms, das am 23. Oktober 1969 in einem Hotel südlich von Tunis einlangte, war der französische Verleger des Schriftstellers Samuel Beckett, der gerade mit seiner Frau eine Erholungsreise in Nordafrika machte. Suzanne war die erste, die das Telegramm las, sie soll gesagt haben „Was für eine Katastrophe!“ Die beiden wechselten nun laufend die Hotels, fünf Minuten lang stellte er sich der internationalen Presse für einen Fototermin zur Verfügung. Im Sportsakko, Zigarre rauchend, mit kurzgeschorenen Haaren, ohne ein Wort zu reden.

Von diesem schlimmen Tag an fühlte sich Beckett nur mehr gestört. Er war der Ansicht, so sein Biograph James Knowlson, dass ihm seine ganzen Erfolge unweigerlich Unglück brächten: „Sie vertieften die Kluft zwischen ihm und Suzanne, die sämtliche Begleiterscheinungen seines Ruhms abscheulich fand.“ Schon der große Erfolg des Stücks „Warten auf Godot“ war beiden zutiefst suspekt, private Zurückgezogenheit wertvoller als alles andere. Vier Monate tauchte er unter. Als er ein halbes Jahr später in seinem Haus in Ussy-sur-Marne erstmals wieder den Schlüssel umdrehte, wartete ein riesiger Postberg auf ihn. Verleger flehten um Manuskripte. Er hatte seinen kostbarsten Besitz verloren, seine Zurückgezogenheit von der Welt, seine Stille. Seine Texte wurden nun bis zu seinem Tod immer minimalistischer. Abgeholt hat er sich seinen Nobelpreis nie, das Geld dafür verteilte er an Freunde und Kollegen, denen es schlecht ging. Seine Frau ging das gegen den Strich: „Sam verbringt viel zu viel Zeit damit, um zweitrangigen Leuten zu helfen, die im Gegenzug dasselbe doch niemals für ihn oder andere tun würden!“

Fünf Jahre zuvor, im Oktober 1964 machten sich Journalisten ebenfalls auf die mühsame Suche nach einem frisch gekürten Literaturnobelpreisträger. Dieses Mal in Paris. Jean-Paul Sartre war der Gesuchte. Keiner wusste, wo er steckte, in seiner Wohnung war er nicht, auch nicht im Verlag oder bei seiner Freundin Simone de Beauvoir, schließlich entdeckte ihn ein ganzer Pulk von Journalisten in einem abgelegenen Restaurant am linken Seine-Ufer. Stören ließ er sich zunächst nicht, er wolle mit Simone das Mittagessen einnehmen, den Nobelpreis nehme er nicht an. Bald darauf kam seine schriftliche Erklärung: „Ein Schriftsteller, der politisch oder literarisch Stellung nimmt, sollte nur mit den Mitteln handeln, die die seinen sind – mit dem geschriebenen Wort. Alle Auszeichnungen, die er erhält, können seine Leser einem Druck aussetzen, den ich für unerwünscht halte. Es ist nicht dasselbe, ob ich 'Jean-Paul Sartre‘ oder 'Jean-Paul Sartre, Nobelpreisträger‘ unterzeichne.“ Kurz und bündig äußerte er sich gegenüber „Le Monde“: „Kein Mensch verdient, dafür geehrt zu werden, dass er lebt.“

An rationale Erklärungen wie diese glaubte zunächst keiner, zu sensationell war die Ablehnung, obwohl Sartre bereits vorher in einem Brief nach Stockholm höflich avisiert hatte, von einer Nominierung seiner Person Abstand zu nehmen. Fürchtete sich der Philosoph vor der Verbürgerlichung, war es Koketterie oder Eifersucht der ebenfalls schreibenden Lebensgefährtin? Es habe etwas Tragikomisches, wie dieser Philosoph der Freiheit sich mit Händen und Füßen wehre, seinem Schicksal zu entrinnen, schrieb „Le Monde.“ Nahm ihm keiner ab, dass er mit der Preisannahme eine Gefährdung des freien Denkens befürchtete, nicht nur bei ihm, sondern auch bei seinen Lesern, die durch die Autorität eines so Geehrten unter Druck gerieten? Irgendwann legte sich die Aufregung, denn „Es gibt nichts Wundervolleres, als einen Preis abzulehnen“, wie Sartres altersweiser Kollege Marcel Jouhandeau meinte.

Ist ein Autor bei der Preisverleihung bereits berühmt und wohlhabend, wie heute Bob Dylan oder vor 90 Jahren der Ire George Bernard Shaw, kann er es sich leisten, die Huld des Nobelpreiskomitees zurückzuweisen, denn: „Das Geld ist ein Rettungsring, der einem Schwimmer zugeworfen wird, nachdem er das rettende Ufer bereits erreicht hat“, so Shaw. Doch ein Jahr danach hatte er es sich überlegt und reiste doch nach Stockholm. Dem russischen Schriftsteller Boris Pasternak, Preisträger von 1958, war dies nicht gegönnt, die sowjetischen Behörden übten Druck auf ihn aus, auf die Entgegennahme zu verzichten. Sein Roman „Doktor Schiwago“ habe Zweifel am Kommunismus gesät, er war bis 1988 in der Sowjetunion verboten. Erst 1989 nahm Pasternaks Sohn den Preis stellvertretend für seinen 1960 verstorbenen Vater entgegen.

Ebenfalls nicht anreisen konnte der britische Autor Harold Pinter 2005. Schwer krebskrank nahm er die Ehrung im Rollstuhl sitzend, die Knie mit einer Decke verhüllt, entgegen. Die Videoansprache des Todgeweihten, ein Zornesausbruch gegen die britisch-amerikanische Kriegspolitik im Irak, der jede Altersmilde vermissen ließ, rief heftige Reaktionen hervor. Der „Guardian“ wurde durch das Video an den schimpfenden alten Hamm in Becketts „Endspiel“ erinnert, die „New York Times“ erwähnte den Inhalt der Rede gar nicht. Überraschend war, dass die maßlos überzogene Wut- und Zornesrede über die „Massenmörder und Kriegsverbrecher“ vom schwedischen Publikum mit herzlichem Applaus bedacht wurde. Sah man dort diesen verbalen Kraftakt als literarischen Abgesang auf die Welt?

Poetologisch hat Elfriede Jelinek 2004 ihre Abwesenheit in einer Videoübertragung begründet: Ihr Platz sei im Abseits, nicht im Zentrum, nicht nur wegen ihrer Soziophobie, die sie Menschenansammlungen meiden lasse, sondern auch im übertragenen Sinne: Sie habe keinen festen Platz, wie denn auch angesichts unserer Wirklichkeit: „Die ist ja sowas von zerzaust.“ Ihre Worte von der Distanz, die der Autor benötige, erinnern an das Argument von Jean-Paul Sartre, aber durchaus mit Ironie: „Ich bin die Gefangene meiner Sprache, die mein Gefängniswärter ist.“ Doch: „Komisch, sie passt ja gar nicht auf!“

Das Nobelpreiskomitee könnte im Lichte dieser Erfahrungen also getrost auf eine Reaktion Bob Dylans verzichten, ihm Unhöflichkeit und Arroganz vorzuwerfen wie am vergangenen Freitag erscheint unangebracht. Bob Dylan bleibt Bob Dylan, er stammt aus einer Ära, in der sich Stars nicht geschmeidig der Öffentlichkeit anbiederten, sondern mit einer Aura der Übellaunigkeit und Unnahbarkeit Distanz schufen. Dylan ist nach amerikanischen Medien „too cool to respond to the committee“. Dem bleibt nichts hinzuzufügen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2016)