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Zu viele „Köche“ in Mossul?

Die militärische Operation zur Rückeroberung der nordirakischen Stadt kommt spät – und kündigt nichts Gutes an.

Die Nachricht von der Eroberung Mossuls durch ISIS (Islamischer Staat im Irak und der Levante) vor mehr als zwei Jahren kam wie aus heiterem Himmel. Selbst Kenner der Region waren überrascht, dass die Übernahme der Stadt so schnell erfolgte, dass sogleich Verschwörungstheorien kursierten, von denen die eine oder andere sicher auch ein Körnchen Wahrheit beinhaltete.

Die Schlacht um Mossul, die vor ein paar Tagen begann, hat mehr auf der Agenda als die Befreiung der Stadtbewohner von den barbarischen IS-Herrschern. Eine derart zusammengewürfelte Truppe mit so vielen unterschiedlichen Akteuren wirft viele Fragen auf – so nach dem Motto „Verderben zu viele Köche nicht den Brei“?

Da sind die irakische Armee, die eher als pro-schiitisch gilt, die kurdischen Peshmergas und ein Bündnis schiitischer Milizen, die von Kampfflugzeugen der Anti-IS-Koalition unterstützt werden. Hinzu kommen weitere Mächte in der Region: die Türkei, Saudiarabien und der Iran. Wird die Befreiung Mossuls im durch viele Konflikte zerrütteten Nahen Osten die Büchse der Pandora erneut öffnen?

Der IS ist schon längst Teil des Alltags in der Millionenstadt Mossul geworden. Bis zu 60 Kilometer außerhalb der Stadt sollen Dörfer vom IS kontrolliert worden sein, und die IS-Milizen sollen sich rund um Mossul gut auf die Verteidigung vorbereitet haben. Die Schlacht von der Luft aus zu gewinnen, scheint nicht möglich zu sein. Das lässt auf einen langen Bodenkampf schließen, sollten die Angreifer den IS tatsächlich dauerhaft aus Mossul vertreiben wollen.

 

Vor einer neuen Fluchtwelle

In Richtung Autonome Region Kurdistan im Norden des Irak ist eine weitere Fluchtwelle zu erwarten. Die Region ist bereits Zufluchtsort für schätzungsweise zwei Millionen Flüchtlinge, darunter Jesiden aus dem Schingalgebiet und andere innerirakische Flüchtlinge, aber auch Kurden und Araber aus Syrien.

Die vielen Flüchtlinge sind jetzt schon eine große Herausforderung für die Regionalregierung Kurdistan-Irak, die bereits jetzt mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Man kann davon ausgehen, dass ein Großteil der Vertriebenen versuchen wird, sich nach Europa durchzuschlagen.

Die Moral der irakischen Armee verdient ein großes Fragezeichen. Vor zwei Jahren haben über 30.000 ihrer Soldaten Mossul den Rücken gekehrt, als die Stadt von etwa 800 IS-Kämpfern angegriffen wurde. Die etwas aus der Übung gekommenen kurdischen Peshmergas machen das Bild nicht unbedingt besser. Die vielen Beteiligten mit ihren vielen unterschiedlichen Interessen und Machtgelüsten liefern weitere Gründe, über den Ausgang des Kampfes um Mossul gewisse Zweifel zu hegen. Aber zumindest der ewige Kampfgeist und die Widerstandsfähigkeit der kurdischen Kämpfer geben ein wenig Hoffnung.

Selbst wenn alles gut laufen sollte und Mossul befreit wird, bleibt noch die Konfessionsfrage zwischen Sunniten und Schiiten. Seit dem Tod des Propheten Mohammed, aber spätestens seit der Gründung der schiitischen Islamischen Republik Iran ist sie ungelöst und spaltet die muslimische Glaubensgemeinschaft. Mit dem Auftauchen des IS strebt sie nun einem neuen Höhepunkt zu.

Hülya Tektas ist Kurdin, geboren und aufgewachsen in Istanbul. Sie lebt seit 1998 in Wien. Die Soziologin arbeitet zur Zeit als Sozialberaterin und freie Journalistin.

E-Mails an :debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2016)