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„Die Mobilfunktarife werden steigen“

Michael Krammer
(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Hot-Anbieter Michael Krammer kritisiert die Vorgangsweise der EU scharf. Die geplanten hohen Großhandelspreise träfen nicht nur die Mobilfunker, sondern auch die Kunden.

Wien. Es war eine Blamage der Sonderklasse: Nachdem der Vorschlag der EU, kostenfreies Roaming ab 2017 nur für maximal 90 Tage zu gestatten, einen europaweiten Aufschrei ausgelöst hatte, zog die EU-Kommission im September das Papier zurück. Aber der kurz danach vorgelegte neue Vorschlag für ein unlimitiertes kostenfreies Telefonieren und Surfen im EU-Ausland stößt ebenso auf herbe Kritik. Bei den Mobilfunkanbietern wohlgemerkt. Auch die Konsumenten sollten sich nicht zu früh freuen: „Sollte die geplante Roaming-Verordnung tatsächlich so wie geplant mit 15. Juni 2017 in Kraft treten, drohen die nationalen Tarife für Telefonieren und Datennutzung empfindlich zu steigen“, sagt Michael Krammer.

Der einstige Chef von Telering und Orange (nach der Fusion mit Hutchison „3“) und Rapid-Präsident, der mit seiner Firma Ventocom und der Marke Hot seit Anfang 2015 einen eigenen Mobilfunker betreibt, erklärt seine Einschätzung so: Prinzipiell basieren die Roaming-Gebühren für die Endkunden auf jenen Tarifen, die die Mobilfunker untereinander verrechnen, wenn sie Gespräche von einem Netz in das andere (ausländische) weiterleiten. Deshalb ist auch eine Großhandel-Roamingregelung Voraussetzung für die neue Endkundenregelung. EU-Kommission, Rat und Parlament müssen sich bis 15. Dezember darauf einigen.

 

Ein Euro mehr pro Monat

Bisher lagen diese Großhandelspreise immer unter den Roaming-Gebühren – somit verdienten die Mobilfunker. Jetzt will die EU dieses System drehen: Während die Roaming-Gebühren auf null sinken sollen, lautet der Vorschlag für die Großhandelspreise vier Cent pro Minute (Sprache) bzw. 8,5 Euro pro Gigabyte Daten.

„Entweder wir riskieren unsere Gewinne, oder wir erhöhen die nationalen Preise – um rund einen Euro pro Monat“, lautet für Krammer die logische Konsequenz. Was ihn an dieser Vorgangsweise, die einen „bedeutenden Markteingriff“ bedeute, mindestens ebenso stört: Die Menschen, die so gut wie nie bzw. nur sehr selten ins Ausland fahren, kämen besonders zum Handkuss. Und das seien nicht wenige: 50 Prozent aller Handynutzer in der EU roamt nur einmal im Jahr.

Der EU wirft Krammer Inkonsequenz vor: „Der Wegfall der Roaming-Gebühren ist prinzipiell gut, aber wenn ich tatsächlich einen Binnenmarkt will, muss ich auch im Großhandelsbereich an der Schraube drehen.“ Zudem herrschten in den EU-Ländern völlig verschiedene Bedingungen, etwa bei den Kosten für Frequenzen. Auch die nationalen Handytarife variierten stark. Österreich habe nach wie vor extrem günstige Tarife, auch wenn sie zuletzt etwas angezogen haben.

Hot hat sich nun auf EU-Ebene mit anderen sogenannten virtuellen Mobilfunkern (sie haben kein eigenes Netz, sondern mieten sich bei einem anderen Anbieter ein) und weiteren kleineren Anbietern zusammengetan und der EU einen Gegenvorschlag unterbreitet. Er lautet auf zwei Cent pro Minute (Sprache) und 2,5 (2017) bis ein Euro (2020) für ein Gigabyte. Damit könnte man stabile nationale Preise garantieren.

 

Rapid-Mobile ab 28. November

Mit dem eigenen Mobilfunker hat Krammer noch viel vor: Pünktlich zur Rapid-Hauptversammlung kommt ein eigener grün-weißer Tarif auf den Markt. Details will Krammer erst dann nennen, aber dass es für Fans einige Zuckerln geben werde, sei selbstverständlich. Immerhin habe der Fußballverein 900.000 deklarierte Anhänger – ein enormes Potenzial. Generell ist laut Krammer noch viel drin: Einer Studie des Marktforschers GfK zufolge sind von den 450.000 Kunden, die im ersten Halbjahr den Tarif oder Betreiber gewechselt haben, 116.000 zu Hot gegangen.

2017 plant Krammer, der bei Hot bereits 650.000 Kunden hat, den Sprung ins Ausland, und zwar nach Slowenien. Dort ist die Telekom-Austria-Tochter Simobil sein Partner, während hierzulande Hot das Netz von T-Mobile nützt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2016)