Interrail auf dem Wasser: Per Frachtschiff durch Europa

CargoRider: Der Linienplan für Frachtschiffe
CargoRider: Der Linienplan für FrachtschiffeCargoRider

Heimische Forscher entwickeln Routenplaner und ein Buchungssystem für Frachtschiffreisen. Die Webplattform soll diese Art zu reisen so einfach machen wie Interrail.

Es trifft den Gedanken der Entschleunigung: Urlaub auf dem Frachtschiff. Die Schiffe sind sowieso unterwegs und haben häufig Kabinen frei, in denen Reisende mitfahren können, die nicht zur Crew gehören. „Die Art zu reisen ist wohl umweltfreundlicher als auf einem großen Kreuzfahrtschiff. Auch wenn das Frachtschiff selbst vielleicht nicht besonders umweltfreundlich unterwegs ist“, sagt Frank Michelberger, der das Carl-Ritter-von-Ghega-Institut für integrierte Mobilitätsforschung an der FH St. Pölten leitet. Gemeinsam mit dem Medientechniker Peter Judmaier und weiteren Forschern und Studierenden der FH St. Pölten entwickelte er eine Webplattform, die das Reisen auf Frachtschiffen attraktiver machen soll. Das Projekt wurde vom Technologieministerium im Programm Mobilität der Zukunft gefördert.

CargoRider heißt die Plattform, die so wie Web-Fahrpläne der öffentlichen Verkehrsmittel das Suchen und Buchen von Routen vereinfachen soll. Die Forscher nennen es „Interrail auf dem Frachtschiff“. Sie hoffen, jungen Leuten mit CargoRider das Erkunden Europas auf dem Wasserweg zu ermöglichen. „Ich wusste vor dem Projekt gar nicht, dass es möglich ist, auf Frachtschiffen zu reisen. Unser Ziel ist auch, den Bekanntheitsgrad zu erhöhen und den Zugang zu erleichtern“, sagt Michelberger.

Bisher teuer und kompliziert

Denn bisher ist es ein Nischenprodukt für eine eingeschränkte Zielgruppe: Einzelne Reiseanbieter haben Frachtschiffe seit Jahrzehnten im Programm. Aber es fehlt ein systematischer Überblick, der es möglich macht, die Schiffe direkt zu kontaktieren und Routen individuell zu planen. „Ich selbst bin leider noch nie auf einem Frachtschiff gereist. Es gibt sehr viel Literatur, Reiseberichte und YouTube-Filme über solche Reisen“, erzählt Michelberger. Derzeit sind Frachtschiffe nur etwas für Leute, die es sich leisten können: Pro Nacht zahlt man für Kost und Logis Preise eines mittelklassigen Hotels, etwa 100 Euro. „Damit kommt man in die Kategorie von normalen Kreuzfahrten: Aber man hat weder Animation noch eine eigene Küche: Gegessen wird, was die Crew isst.“

Ein Ansatz, wie CargoRider Frachtschifffahrten attraktivieren will, ist auch die Genderfrage: „Wir haben in den Befragungen berücksichtigt, wie man dies für alleinreisende Frauen interessant machen kann. Dazu zählt, dass vor der Reise klar sein sollte, auf was man sich einlässt, zum Beispiel die einzige Frau an Bord zu sein. Angebrachtes Verhalten und angebrachte Kleidung sind notwendig, wobei dies natürlich für Männer genauso gilt.“
Das Ergebnis des Projekts ist ein Prototyp der Web-Plattform Cargo?Rider, mit der man Reiseinformationen und Buchung einfach abwickeln kann. Die Software ist noch nicht voll funktionsfähig, bisher sind Design, Datenverarbeitung, Visualisierung, Nutzerfreundlichkeit und Verständlichkeit fertig ausgetestet.

„Im Endausbau soll man hier Informationen über die Schiffe und Routen bekommen. Zudem ermöglichen wir die direkte Kontaktaufnahme zu dem Kapitän oder dem jeweiligen Zuständigen“, sagt Michelberger. Denn das letzte Wort, wer auf dem Schiff mitfährt, hat immer noch der Kapitän. Er benötigt vor Reiseantritt verschiedene Unterlagen und Informationen über die Mitreisenden – auch für die Bürokratie, wenn er etwa abklären muss, wer an welchem Hafen Landgänge machen will.

Linienplan zum Anklicken

„Eine Reise mit dem Frachtschiff ist meist kompliziert zu organisieren. Unser System soll das erleichtern und ein sicheres, unkompliziertes Bezahlmodell bieten“, sagt Michelberger. Die Reisenden können Lebenslauf und geforderte Unterlagen wie Kopie des Reise- und Impfpasses im gesicherten Bereich hochladen, der Kapitän kann dies einsehen. Dazu sollen Erfahrungsberichte gesammelt werden, die den Reisenden bei der Entscheidung über Routen und Reedereien helfen. Die Plattform wird übergeordnet für alle Reedereien funktionieren, sodass man alle Schiffe, die jetzt und in den nächsten Monaten unterwegs sind, sehen kann.
Der Nutzer wählt wie im Routenplaner den gewünschten Abfahrts- und Ankunftsort und erhält eine Reihe von Möglichkeiten, wie er in diesem Zeitraum „von Rotterdam nach Südamerika oder von Wien nach Russland fahren kann“.

Bei einer Befragungen potenzieller Reisender zeigte sich, dass London und Hamburg die meist gewünschten Reiseziele in Europa sind, gefolgt von St. Petersburg und Konstanza am Schwarzen Meer. Das abgeschlossene Projekt CargoRider war vorerst die Machbarkeitsstudie. Nun will das Team den detaillierten Routenplaner entweder in einem EU-Projekt oder über private Finanzgeber weiter in Richtung Anwendung bringen.

 

In Zahlen

45.000 Kilometer ist die Gesamtlänge der schiffbaren Kanäle, Flüsse und Seen in Europa.

1 schiffbarer Fluss durchquert Österreich: die Donau, mit Anschluss an das Schwarze Meer.

24 Frachtschiffe passieren die Donau bei Wien im Schnitt pro Tag – in beide Richtungen. Über 25.000 Frachtschiffe laufen im Hafen Rotterdam in den Niederlanden pro Jahr ein. Über 8000 Frachtschiffe im Hafen Hamburg.