Die Philharmoniker, der Singverein und Riccardo Muti versuchten die Frage zu beantworten, warum Beethoven einst Luigi Cherubini so geschätzt hat.
Riccardo Muti ist nicht einer jener Maestri, die es sich leicht machen und ein ums andere Mal Mahler oder Schostakowitsch aufs Programm setzen. Er hat schon Generationen von Operndirektoren zur Verzweiflung gebracht, weil er sein Kommen am liebsten an eine Spontini-Premiere geknüpft hätte.
Er garantiert auch im Konzertsaal für ungewöhnliche Programmzusammenstellungen. Dass er ein großer Schubertianer ist, weiß man in Wien längst und dankt es ihm mit ebensolcher Liebe und Zuneigung, wie man sie ihm als Opernkapellmeister für seine detailverliebt umsichtige Gestaltung von Mozarts „Così fan tutte“ entgegenbringt. Schön, dass er den wienerischen Konnex zumindest anlässlich des laufenden Japan-Gastspiels der Staatsoper auslebt . . .
Im Musikverein ist Muti ständiger Gast und kann mit einem vollen Goldenen Saal rechnen, auch wenn neben Schuberts Vierter Symphonie das kaum bekannte c-Moll-Requiem Luigi Cherubinis auf dem Spielplan steht.
Auch dieser Komponist gehört zu Mutis Favoriten. Er pflegt sein Andenken mit Hingabe. Also pflegen die Wiener Philharmoniker mit, ebenso die Damen und Herren des von Johannes Prinz auch auf diese Aufgabe mit spürbarem Feuereifer vorbereiteten Singvereins. Sie hatten eben unter Philippe Jordan das Verdi-Requiem singen dürfen – und werden den Unterschied zwischen genial inspirierter und nur handwerklich geschickter Anwendung standardisierter melodischer, rhythmischer und harmonischer Muster wohl als Allererste bemerkt haben.
Zum Andenken an Louis XVI.
Und doch ist an Cherubinis Requiem, entstanden zur Gedenkfeier anlässlich des 20. Jahrestages der Hinrichtung Ludwigs XVI., allerhand dran. Kunsthandwerk von edelster Verarbeitung ist ja nicht zu verachten. Beethoven hielt diese Komposition so hoch, dass er sie bei seinen Exequien gespielt wünschte – was dann anno 1827 auch tatsächlich geschah.
Riccardo Muti, der schon bei Schuberts „Tragischer“ in der ersten Programmhälfte auf den satten, dunklen, breit strömenden Wiener Klang baute und weniger forsch und analytisch differenzierend zugriff als bei früheren Gelegenheiten, ließ auch Cherubinis Melodien strömen, sich ruhig entwickeln.
Wo aber kräftige Akzente gefordert waren, wo nach dem effektheischenden Tam-Tam-Schlag die Schrecknisse des Jüngsten Tages von Blechbläserfanfaren herbeigerufen wurden, da schwebte der Geist des Musikdramas im Saal – und mancher Wiener Habitué erinnerte sich vielleicht der beeindruckenden „Medea“, die einstens an der Staatsoper die eigentliche, die Opern-Begabung Cherubinis so eindrucksvoll demonstrierte.
Sprengung klassischer Formgebung zugunsten romantischen Ausdrucksstrebens wird wohl auch den philharmonischen Abonnenten am Wochenende die bewegendsten Momente bescheren . . .
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2016)