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Wie Ali Baba von Aleppo nach Paris kam

Ali Baba kommt nach Paris
Scheherazade und der Sultan
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Ein junger Lebenskünstler reist 1707 vom syrischen Aleppo an den Hof von Versailles. Er erzählt dort arabische Märchen, die in die Weltliteratur eingehen werden.

Schöne Geschichten kann man über die buntscheckigen Beziehungen zwischen Orient und Okzident erzählen. In der Regel war man im Westen heillos überfordert, die riesige islamische Welt, die von Asien bis ins europäische Spanien reichte, zu verstehen. Einmal wurden die Muslime märchenhaft verklärt, dann wieder als Bedrohung dämonisiert. Luther rief zum „Gebet wider den Türcken“ auf, kaum war die Bedrohung nach der Zweiten Türkenbelagerung weg, trank man in Wien Kaffee mit Kipferl, es erklangen die heiteren Tschinellen der Janitscharenmusik in Mozarts „Entführung aus dem Serail“.

So erfand man sich im Abendland in jedem Jahrhundert seinen eigenen Orient, es entstanden wundersame und fantasiegesättigte Reiseerzählungen von Europäern. Ein besonderer kulturhistorischer Glücksfall ist jedoch ein Bericht, der die umgekehrte Sicht bietet, die Eindrücke eines jungen Orientalen, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine Reise nach Europa gemacht hat und bis nach Versailles, dem Hof von Ludwig XIV., gelangt ist.

Im Serail des Sultans von Paris

Damit sind wir bei Hanna Diyâb, einem intelligenten jungen Mann aus dem syrischen Aleppo, einem Sohn des Basars und maronitischem Christen von einfacher Herkunft, der sich durch die Gespräche mit den levantinischen Kaufleuten die wichtigsten Sprachen des Westens angeeignet hat, darunter auch das Französische. So stieß er 1707 auf Paul Lucas, einen Gesandten Ludwigs XIV., der gerade die Länder des Orients bereiste, um dort für den Hof in Paris allerlei Handschriften, Münzen und Fundstücke zu entdecken, besser: zu ergaunern. Die Reiseberichte von Lucas sind uns erhalten, sie sind farbenfroh und märchenhaft wie die Länder des Orients, glauben darf man ihm nicht alles. Unser Held, Hanna Diyâb , der orientalische Lebenskünstler, wurde nun zwei Jahre zu Lande und zu Wasser sein treuer Begleiter und Dolmetscher, gemeinsam erlebten sie gefährliche Seereisen über das „Meer der Mitte“, das damals wie heute den Orient und den Okzident verband.

Der Westen war fasziniert von den alten arabischen Märchen
Der Westen war fasziniert von den alten arabischen Märchen

So ging es von Tripolis über Zypern nach Kairo und Alexandria. Immer mehr wurde Lucas, der die Landessprachen nicht beherrschte und sich als „Franke“ und „Ungläubiger“ manchmal unbedacht in Gefahr brachte, abhängig von Hanna Diyâb , seinem „Hadschi Halef“. Mit kleinen Notlügen und gewitzten Einfällen konnte der Diener seinem Herrn stets aus der Patsche helfen.

Das änderte sich in Europa und ganz besonders nach der Ankunft in Paris. Nun war Hanna Diyâb im Fremdenland, er verbrachte hier eine unbekümmerte Zeit am französischen Hof in Versailles, pardon: dem „Serail des Sultans von Frankreich“, wo er zum Entzücken der Prinzessinnen, Hofdamen, Zofen, die ihm „schön wie Sterne“ erschienen, acht Tage lang frei und ungeniert herumspazieren durfte. Er nahm hier alles auf, was er sah, von den Straßenlaternen bis zu den Nachttöpfen, von den Hinrichtungen bis zu einer Opernaufführung von Jean-Baptiste Lully, und kehrte dann zurück in seine syrische Heimat.

Zum Glück besaß Hanna Diyâb eine unbezähmbare Neugierde und Offenheit gegenüber den neuen Eindrücken, ging auf fremde Menschen zu, sprach sie an, wollte immer noch mehr erfahren und merkte sich alles. Nach vielen Jahren, um 1764 – da war er schon ein gestandener alter Tuchhändler in Aleppo, der Kinder gezeugt hatte und bei allen als kenntnisreicher Mann galt –, schrieb er den Bericht über seine Reise in den Westennieder: „Alles, was ich hier berichte, ist wahrheitsgemäß, ohne Hinzufügung noch Auslassung, wie es sich gehört. Ich fasse mich kurz, damit der Leser nicht den Eindruck bekommt, ich fabuliere.“ Für die Literaturgeschichte ein Glücksfall, denn sein Reisebericht unterscheidet sich völlig von jenen der Gelehrten seiner Zeit. Hanna ist nicht in deren Normen eingezwängt, er nützt diese Freiheit, schreibt mit seinem unbefangenen Blick aus der Perspektive des subalternen Dieners, der die Dinge von den unteren gesellschaftlichen Rängen sieht.

Bis in die Gegenwart tauchte der Name Hanna Diyâb in keinem historischen Handbuch auf, sein handschriftlicher Bericht in arabischer Sprache, 347 Seiten von jeweils 21 Zeilen, gelangte 1928 von Aleppo in die Vatikanische Bibliothek in Rom, geriet in Vergessenheit und ruhte dort viele Jahrzehnte. Durch Zufall fand der Franzose Jérôme Lentin das nur leicht beschädigte Manuskript (es fehlt der Anfang) und veröffentlichte es 2013 in französischer Übersetzung. Der Verlag Die Andere Bibliothek bringt nun 2016 die deutsche Übersetzung unter dem Titel „Von Aleppo nach Paris. Die Reise eines jungen Syrers an den Hof Ludwigs XIV.“ heraus. Das schön ausgestattete Buch ist mit seinen historischen Karten und wissenschaftlichen Anmerkungen ein Lesevergnügen der besonderen Art. Die besondere Überraschung liegt darin, dass sich Hanna Diyâb nicht nur als klarsichtiger Beobachter, sondern auch als begnadeter Erzähler erweist, der seine Leser zu unterhalten versteht.

Unbekannt ist der sympathische Erzähler dieses Reiseberichts freilich nur scheinbar, denn das Abendland verdankt ihm weit mehr. Einer am Pariser Hof interessierte sich nämlich ganz besonders für den jungen Mann: Antoine Galland, ein Kenner alter arabischer Manuskripte, der in Paris ab 1704 unter dem Titel „Les Mille et Une Nuits“ (also „1001 Nacht“) sieben Bände Geschichten aus vielerlei Quellen veröffentlicht hat, denn eine Originalvorlage hat es nie gegeben, sondern nur tausendundeinen Erzähler. Europa erfand sich damals einen fantastischen Orient nach seinen Vorstellungen. Die Geschichte von dem klugen Mädchen Scheherazade, das einen König heiratete, der die befremdliche Gewohnheit hatte, jede Ehefrau nach der Hochzeitsnacht zu töten, erregte allgemeines Erstaunen. Sie beginnt, ihm jede Nacht Abenteuergeschichten zu erzählen, und am Morgen ist die Geschichte noch nicht ganz zu Ende, und so lässt sie der König tausend Nächte am Leben und wird von seiner Mordlust geheilt.

Galland war in Not geraten, die Leser verlangten ständig neue arabische Märchen von ihm, doch er wusste keine mehr. Da begann er, Hanna Diyâb auszufragen, und dieser sprudelte geradezu los, erzählte Geschichten, die man im Westen noch nie gehört hatte: von Ali Baba und den vierzig Räubern, von Aladin und seiner Wunderlampe oder vom Ebenholzpferd. Insgesamt vierzehn Märchen diktierte der Syrer, die der dankbare Galland zum Entzücken der Leser in seine Sammlung aufnahm. Natürlich erwähnte er Hanna Diyâb mit keinem Wort. Mehr als alle übrigen liebten die Leser – und das ist ja bis heute so – die Märchen von Hanna Diyâb. Dass er in der Geschichte von Aladin vielleicht auch ein wenig von seinem eigenen Leben hineingemischt hat, wollen wir ihm nachsehen. Der endlose Märchenwald wurde in der ganzen Welt verbreitet und fand auch den Weg in den Orient wieder zurück, woher er ja eigentlich stammte.

Hanna Diyâb

Von Aleppo nach Paris

Die Reise eines jungen Syrers bis an den Hof Ludwigs XIV. Aus dem Arabischen von Gennaro Ghirardelli. 490 S., 13 Abb. und eine Landkarte, € 43,20 (Die Andere Bibliothek, Berlin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2016)