Ex-"Spiegel"-Chefredakteur Stefan Aust hat für ein neues Magazinprojekt angeheuert. Den Journalismus sieht er nicht in der Krise. Twittern verweigert er. Ein "Presse"-Interview.
„Die Presse“: Sie haben sich mit 63 Jahren von der WAZ-Gruppe für ein neues Projekt anheuern lassen. Warum tun Sie sich das an?
Stefan Aust: Warum nicht? Tot bin ich noch lange genug. Im Amerikanischen gibt es den Spruch: „Men is a problem solving animal.“ Ich finde es aufregend, Neues anzufangenund zu versuchen, sich zu behaupten.
Die Pferdezucht muss jedenfalls noch warten?
Aust: Im Augenblick habe ich wenig Zeit dafür. Dabei ist der Spätsommer die schönste Zeit zum Ausreiten. Aber ich mache das ja nicht nur als Hobby, sondern habe ein Pferdezucht- und Ausbildungsunternehmen.
Und was planen Sie für die WAZ?
Aust: Dass ich keine Frauenzeitschrift mache, kann man sich vorstellen. Ich beschäftige mich weiter mit Politik und gesellschaftlichen Phänomenen. Wir entwickeln etwas im Magazinbereich, aber können und wollen noch nichts verraten.
Geht man nicht heute eher ins Internet, wo es noch Werbewachstum gibt?
Aust: Wir handeln nicht mit Holz, sondern mit Informationen. Wie man die unter die Leute bringt, ist eine praktische Frage: Wenn man schnell sein will, geht man in TV, Radio, Internet, wenn man Nachhaltiges will, ist Print eine sehr gute Möglichkeit. Woran wir arbeiten, ist eine Kombination: Wir haben das etwa beim „Spiegel“ mit Spiegel-TV und Spiegel-Online als Printproduktableger gut hingekriegt. In diesem Dreigestirn wird sich die publizistische Zukunft abspielen.
Leidet die journalistische Qualität unter dem strukturellen und wirtschaftlichen Wandel?
Aust: Wir sind mit zwei Dingen konfrontiert: Die Wirtschaftskrise wirkt sich durch erhebliche Anzeigenrückgänge direkt bei den Medien aus und stellt eine wesentliche Quelle für die Finanzierung von Qualitätsjournalismus infrage. Das andere ist die technische Entwicklung – das Internet. Was den Journalismus selbst betrifft, sehe ich keine Krise: Je aufregender die Zeiten sind, desto besser.
Aber gerade für investigativen Journalismus, als dessen Vertreter Sie ja gelten, braucht es Zeit und Ressourcen – also Geld.
Aust: Der Begriff „investigativer Journalismus“ wird von ein paar Leuten, die glauben, sie hätten ihn erfunden, wie eine Monstranz herumgetragen. Ich bin da sehr skeptisch. Jede Art von Berichterstattung ist zu einem Teil investigativ – recherchieren ist ja das Wichtigste im Journalismus. Und die paar großen Enthüllungsgeschichten, die es gibt, sind nicht immer Resultat aufwendiger Recherchen. Oft ist es Zufall: Jemand, der etwas aufdecken will, wendet sich an die beste Adresse. Wenn sich Journalisten großer Titel dann als investigativ bezeichnen, kommen sie mir manchmal vor wie der Schrankenwärter, der glaubt, der Zug kommt, weil er die Schranken heruntergelassen hat.
Twittern Sie und stellen Fotos auf Facebook?
Aust: Nein. Ich will von mir persönlich nicht so viel preisgeben. Diese Art von Onlineexhibitionismus ist nicht mein Ding.
Wann erscheint Ihr neues Buch?
Aust: In gut drei Wochen. Es heißt „Deutschland, Deutschland.“ Ich beschreibe darin meine Erlebnisse vom Mauerfall bis zur Wiedervereinigung als Chefredakteur von „Spiegel-TV“: Das war viel interessanter, als ich dachte. Wir merkten gar nicht, in was für einer ungewöhnlichen Zeit wir da lebten.
ZUR PERSON
■Stefan Aust, geb.1946, ist Journalist und Buchautor („Der Baader-Meinhof-Komplex“, 1985). 1988 gründete er das Fernsehmagazin „Spiegel-TV“, 1994 wurde er Chef des „Spiegel“, 2008 wurde ihm diese Funktion wiederentzogen. Nun entwickelt er ein Projekt für die „WAZ“. Austist am 8.10. zu Gast bei den Medientagen in Wien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2009)