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Der Dopingskandal der Anti-Doping-Agentur

Elmar Lichtenegger
(c) GEPA pictures (GEPA/ Oskar Hoeher)
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Vor einem Jahr warnte eine Kontrollorin der österreichischen Anti-Doping-Agentur den Leichtathleten Elmar Lichtenegger vor einer Razzia. Der Schwindel flog intern auf, wurde allerdings totgeschwiegen.

WIEN. Seit Freitag ist es offiziell: Österreichs Anti-Doping-Agentur (Nada) ist selbst in einen Dopingskandal verwickelt. Nada-Chef Andreas Schwab bestätigte, dass eine Dopingkontrollorin eine Razzia an einen Sportler verraten hat. Schwab kommt damit einem Bericht des deutschen Magazins „Der Spiegel“ zuvor und sagt: „Das war vor einigen Jahren. Eine nebenberuflich tätige Kontrollorin aus Kärnten soll das gemacht haben. Sie wurde sofort nach Bekanntwerden der Vorwürfe entlassen.“ Auf Anfrage der „Presse“ erklärte Schwab, dass diese Geschichte vor seiner Zeit geschehen – und deshalb auch sein Vorgänger Michael Mader verantwortlich sei.

Schwab bestätigte allerdings, dass er bei seinem Amtsantritt im Vorjahr von der Affäre intern informiert worden sei. Damit habe er die Sache aber auch schon auf sich beruhen lassen.

 

Kärntnerin flog erst 2008 auf

Wie „Die Presse“ in Erfahrung brachte, flog die Affäre intern allerdings nicht, wie Schwab erklärte, „vor einigen Jahren“ auf. Erst im Frühjahr des Vorjahres kam man der Antidopingjägerin aus Kärnten auf die Schliche.

Ihr konnte nachgewiesen werden, im Herbst 2007 dem 110-Meter-Hürden-Vizeeuropameister Elmar Lichtenegger eine Dopingrazzia verraten zu haben. Sie hatte den Klagenfurter telefonisch gewarnt. Lichtenegger war am Freitag für die „Presse“ nicht erreichbar.

Der Leichtathlet dürfte die Information wenige Tage vor dem Dopingtest erfahren haben. Das Problem: Er konnte in dieser kurzen Zeit seine Werte nicht mehr „in Ordnung“ bringen. Bei Lichtenegger, der von 2003 bis 2006 für die FPÖ bzw. das BZÖ im Nationalrat saß und dort auch die Funktion des Sportsprechers ausübte, wurde neuerlich die verbotene Substanz Nandrolon festgestellt.

Dieses Mittel war bereits bei einem Test im Jahr 2003 im Körper des Athleten gefunden worden. Lichtenegger führte dies auf verunreinigte Nahrungsergänzungsmittel zurück. Trotzdem wurde er zu einer zweijährigen Sperre verurteilt. Später wurde die Strafe auf 15 Monate reduziert.

Nach dem zweiten Dopingvergehen drohte Lichtenegger allerdings eine lebenslange Sperre. Im Dezember 2007 gab der heute 35-Jährige seinen Rücktritt vom Spitzensport bekannt.

 

Verrat durch Hürdensprinter

Laut „Presse“-Informationen versuchte Elmar Lichtenegger jedoch hinter den Kulissen, gegen die drohende Sperre durch die Anti-Doping-Agentur anzukämpfen. Er focht die Dopingprobe an und berief sich dabei auf einen Formalfehler. Die Dopingprobe sei ihm nämlich von einer Dopingkontrollorin verraten worden.

„Die Presse“ konfrontierte Ex-Anti-Doping-Chef Michael Mader mit diesen Recherchen. Dieser bestätigte lediglich, dass es sich um einen „Einzelfall“ gehandelt habe, aus dem in der Agentur sofort die Konsequenzen gezogen wurden. Man habe sich unverzüglich von der Mitarbeiterin getrennt und die Kontrollen der übrigen knapp 40 Dopingjäger in Österreich verschärft.

 

Keine Betrugsanzeige

Doch die Anti-Doping-Agentur verzichtete ihrerseits auf jene Attribute, die sie immerzu von Sportlern fordert: Transparenz und Offenheit. Der Fall wurde intern erledigt – und totgeschwiegen. Es habe damals Überlegungen gegeben, den Fall bei der Staatsanwaltschaft anzuzeigen. Man habe dann allerdings von einer „Betrugsanzeige abgesehen“, erklärte Mader auf Anfrage der „Presse“.

Die Einzelfallthese der Anti-Doping-Agentur scheint allerdings eher Wunschdenken als stichhaltig erwiesen. Die betroffene Mitarbeiterin hat in ihrer Befragung in Beisein ihres Anwaltes beteuert, dass sie keine weiteren Kontrollen verraten habe. „Und andere Sportler zu fragen, ob sie gewarnt worden sind, ist eher sinnlos“, meint Mader.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2009)