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Wie die Welt auf die US-Wahl blickt

Wahlkampf außerhalb der USA: Auch in Israel werben die Parteien heftig um die Stimmen der dortigen US-Bürger.
Wahlkampf außerhalb der USA: Auch in Israel werben die Parteien heftig um die Stimmen der dortigen US-Bürger.(c) REUTERS (BAZ RATNER)
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Europäer sind entsetzt, Chinesen amüsiert, und Russen hoffen auf einen Sieg Trumps. Der Präsidentschaftswahlkampf in den USA wühlt auch das Ausland auf. Ein globales Kaleidoskop.

Üblicherweise halten sich Staats- und Regierungschefs aus aller Welt mit allzu direkten Kommentaren über den US-Wahlkampf zurück – schließlich wird man später mit einem der Kandidaten zusammenarbeiten müssen. Dank Donald Trump ist diesmal alles anders: Vor allem Europäer machen kein Geheimnis daraus, wie sehr sie den Republikaner verabscheuen und einen Sieg Hillary Clintons herbeisehnen. Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier nannte Trump gar einen „Hassprediger“. Aus dem Berliner Außenamt hieß es, beim Gedanken eines US-Präsidenten Trump werde „dem Minister echt bange“. Auch in London verzichtet man auf diplomatische Floskeln: Trumps Pläne, Moslems nicht in die USA zu lassen, bezeichnete der damalige britische Premier David Cameron als „polarisierend, dumm und falsch“. Allerdings hat der Republikaner am mehrheitlich skeptisch gesinnten „alten Kontinent“ auch Fans. Laut Ungarns Premier Viktor Orbán ist Trump „die bessere Option für Europa und Ungarn“. Tschechiens Staatschef Miloš Zeman würde Trump sogar wählen. Aber auch außerhalb Europas gibt es mächtige Regierungen, die dem Republikaner die Daumen halten – aus ganz unterschiedlichen Gründen. Hier eine Zusammenschau, wie die Welt auf Trump und Clinton blickt:

Lateinamerika: "Bloß nicht Trump!"

In der Ablehnung des republikanischen Kandidaten ist sich das sonst so zerstrittene Lateinamerika einig. Von Andreas Fink
Ausgerechnet Donald Trump bewirkte, dass sich Lateinamerika endlich einig war: „Bloß nicht den!“, war der Ruf von Bürgern, Unternehmern und Politikern zwischen El Paso und Ushuaia, schon als Trump im Vorwahlkampf seine Idee von einer Mauer an der Grenze zu Mexiko in die Welt ätzte. Mit seinen undifferenzierten Pöbeleien gegen Latinos schaffte es Trump gar, dass im zerrissenen Kontinent tiefe ideologische Gräben überbrückt wurden. Linke wie konservative Leitartikler schrieben gegen ihn an, orthodoxe wie keynesianische Ökonomen warnten vor einem negativen Trump-Effekt auf die Volkswirtschaften südlich des Río Grande.
Trumps Mexiko-Besuch im September, während dessen er den Präsidenten, Peña Nieto, hofierte, um nur einen Tag später in Arizona eine Brandrede gegen den südlichen Nachbarn zu halten, ließ alle Restsympathien schwinden. „Trump ist ein Fliegenfänger, der schon beim Versuch scheiterte, ein ernsthaftes Image abzugeben“, schrieb danach der argentinische Pulitzer-Preisträger Andrés Oppenheimer in seiner von mehreren lateinamerikanischen Zeitungen publizierten wöchentlichen Kolumne. Mit seiner „mentalen und emotionalen Instabilität bewirkte Trump die Wiedererweckung des revolutionären Nationalismus und Antiamerikanismus in Mexiko“. Auf einer Stufe mit Trump keilte Venezuelas Präsident, Nicolás Maduro, zurück. Er nannte den maulenden Magnaten einen „hasserfüllten, geisteskranken König der Perückenträger.“ Rafael Correa, intellektuell nachhaltiger als der Ex-Busfahrer Maduro, befand: „Trump im Weißen Haus wäre eine Katastrophe für die USA.“ Aber, so Ecuadors Präsident, „er wäre ein großer Gewinn für Lateinamerika. Nichts brächte unseren Kontinent enger zusammen als eine Wahl Trumps.“

China: Verachtung für Clinton

In China wird Trump als Lackaffe und Clown verspottet. Wirklich verhasst ist aber seine Rivalin. Von Felix Lee


Als vulgär bezeichnete die chinesische Zeitung „Global Times“ in einem Artikel Donald Trump. Er sei skrupellos und „ein Clown“. Auch in den sozialen Netzwerken spotten die meisten Nutzer über den US-Präsidentschaftskandidaten. Er sei unbeherrscht, brutal, „ein Lackaffe“. Doch das ist noch harmlos im Vergleich zu den Lästereien über Trumps Gegnerin Hillary Clinton. Ein Nutzer bezeichnete sie als „weibliche Version von Hitler“. Sie werde mit ihrer Außenpolitik noch einen Dritten Weltkrieg auslösen. Die „Global Times“ kürte Clinton vor Kurzem zu der „meistverhassten Politikerin der USA“.
Zwar würde jüngsten Umfragen zufolge eine knappe Mehrheit der Chinesen Clinton inzwischen als US-Präsidentin bevorzugen, zwischenzeitlich war Trump mit einer Zustimmung von 54 Prozent aber vorn. Doch selbst die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua kritisierte Clinton als eine „zweifelhafte Persönlichkeit“. Dass sie im Reich der Mitte so unbeliebt ist, geht auf ihre Zeit als Außenministerin zurück. Mehrfach hatte sie gegenüber China harte Töne angeschlagen, sei es in Menschenrechtsfragen, in der Handelspolitik oder in Pekings Umgang mit Nordkorea. Vor allem aber die Einmischung der USA im Streit um das Südchinesische Meer nehmen ihr viele Chinesen übel. Aus WikiLeaks-Enthüllungen geht hervor, dass Clinton in einem privaten Gespräch vorgeschlagen habe, China militärisch einzukreisen.
Trump wettert zwar heftig gegen Chinas Wirtschaft. Für viele Chinesen ist er aber nur schwer einzuschätzen. Der Außenpolitik-Experte Wang Yiwei glaubt sogar, dass Trump für das US-chinesische Verhältnis gut sein werde. „Trump steht außenpolitisch für Isolationismus. Er will nicht, dass die USA so viel globale Verantwortung übernehmen.“ Das werde in China begrüßt.

Russland: "So many pussies"

Der Kreml präferiert Donald Trump, doch noch wichtiger für ihn ist die US-Wahl als westliche Farce. von Jutta Sommerbauer


Das Zitat zum amerikanischen Wahlkampf, das am tiefsten unter der Gürtellinie lag, hat sich ausgerechnet der oberste russische Diplomat erlaubt. Im Interview mit CNN-Journalistin Christiane Amanpour antwortete Sergej Lawrow auf die Bitte nach einem Kommentar zur Prahlerei Donald Trumps über seine sexuellen Übergriffe: „There are so many pussies around your presidential campaign on both sides that I prefer not to comment.“ Der für gewöhnlich schlagfertigen Amanpour verschlug es kurz die Sprache.
Angesichts des sich zuspitzenden Ost-West-Konflikts hat der Kreml kaum sanfte Worte für die Vereinigten Staaten übrig. Davon zeugt nicht nur Lawrows markiger Kommentar, davon zeugen auch andere Äußerungen aus Moskau. Dem Kreml kommt der schrille Wahlkampf jenseits des atlantischen Ozeans zupass, um jene These zu verbreiten, die man seit einiger Zeit über westliche Demokratien verbreitet: Politik sei dort ein sinnentleertes Spektakel, Chaos regiere, die Wahlen seien vorbestimmt, vielleicht gar geschoben.
Trump wäre das bevorzugtere Gegenstück für Präsident Wladimir Putin, der ihn für „sehr talentiert“ befand. Auch Putin präsentiert sich als Fürsprecher des kleinen Mannes. Ob die beiden Männer mehr Gemeinsamkeiten haben als Macho-Rhetorik, bleibt abzuwarten. Außenpolitisch ist Trump ein weißes Blatt. Sein angekündigter Entspannungskurs auf Russland und seine Unerfahrenheit lassen den Kreml hoffen. Während Trump als bizarr, aber ungefährlich gilt, kommt Hillary Clinton in russischen Medien nicht gut weg, die WikiLeaks-Veröffentlichungen tun ihr Übriges. Apropos Leaks: Moskau streitet offiziell eine Verantwortlichkeit für die Cyberattacken gegen die Demokraten ab. Jedoch muss man sagen: Die Aktion passt ins Konzept.

Israel: Große Enttäuschung

In Israel sind rund 200.000 Menschen wahlberechtigt. Viele wollen ihre Stimme heuer gar nicht abgeben. Von Lissy Kaufmann


Dem US-Wahlkampf kann man sich in Israel nur schlecht entziehen: „Egal, ob man im Auto das Radio andreht oder zu Hause den Fernseher. Ständig ist davon die Rede“, sagt die 30-jährige Maya Hed. Das Interesse ist groß. Das liegt nicht nur daran, dass die USA ein wichtiger Verbündeter sind und die Wahl auch für die Politik in Israel und im Nahen Osten entscheidend ist Es sind hier im Land auch rund 200.000 Menschen wahlberechtigt.
In Israel kümmert sich die Organisation iVote um die Wahlberechtigten. Diese können in elf israelischen Städten ihre Stimmzettel abgeben. „Vor vier Jahren haben 80.000 Menschen gewählt, das war damals die höchste Zahl von Wählern im Ausland, mehr als in Kanada oder Mexiko. Und dort leben mehr Wahlberechtigte als hier“, sagt Eitan Charnoff, Direktor von iVote. Seine Erklärung: „Die Amerikaner hier haben noch immer eine sehr gute Verbindung zu den USA.“ 2012 hatte iVote eine Umfrage unter den Wählern in Auftrag gegeben. 85 Prozent gaben an, ihr Kreuz für den Republikaner Mitt Romney gemacht zu haben, 14 Prozent für Obama.
Charnoff bezweifelt, dass in Israel heuer wieder so viele wählen. Die Leute seien zwar stärker an der Wahl interessiert als je zuvor, doch viele seien unzufrieden. „Ständig kommen Leute zu unseren Veranstaltungen, nur um uns mitzuteilen, dass sie überhaupt nicht wählen gehen wollen, weil sie von beiden Kandidaten sehr enttäuscht sind.“
Dennoch sind es potenziell zahlreiche Wählerstimmen aus Israel – das wissen auch die Wahlkampfteams. Beide Parteien haben Vertreter in Israel. Hunderte Trump-Unterstützer kamen diese Woche zu einer Veranstaltung in Jerusalem zusammen. Trump schickte ihnen sogar eine Videobotschaft: „Zusammen werden wir Amerika und Israel wieder sicher machen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2016)