Bundesliga-Analyse: Auf der Suche nach der Fankultur

Das Fahnenmeer in der Südstadt, einem Schauplatz österreichischer Sportkultur.
Das Fahnenmeer in der Südstadt, einem Schauplatz österreichischer Sportkultur. (c) APA/HERBERT P. OCZERET
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Rapids Stadion ist ein Publikumsmagnet, in Salzburg locken nur Erfolge an, Mattersburg und Admira feiern Leerstände – es bedarf Arenen, Service und anderer Beginnzeiten.

Wien. Österreichs Fußball stellt sich in jeder Bundesligasaison und noch viel mehr mit jedem Versuch des Nationalteams, sich für ein Großereignis zu qualifizieren, infrage. Ist das Spiel nun gut oder doch grottenschlecht, wie es Kritiker, Spielerberater und Experten bemängeln? Lohnt es sich, allein oder mit der Familie, mit Freunden ins Stadion zu gehen?

Errungenschaften vergangener Tage, Rekorde, Mythos oder ein grandios-neues Stadion dienen zumeist als profunder, wenngleich dünner Strohhalm, sollten System, Resultate, Spieler oder der neue Trainer nicht den Ansprüchen genügen. Dann herrscht schnell Unruhe, aber noch flotter wieder Friede, da im Klub und dort bei den Fans. Ein 2:1-Sieg in der Südstadt genügt, man wähnt sich folglich prompt wieder fit für Europa League und Dienstreise nach Sassuolo. Rapid lebt diese Kultur derzeit durchaus unterhaltsam vor.

Huch, ein Dorfklub!

Im Gegensatz dazu werden Mängel bei manch Sanitäranlage, mickriger Stadiongröße oder brüchig wirkenden Plastiksesseln schnell vergessen, wenn ein vermeintlicher Dorfklub den Großen bittere Niederlagen zufügt. Ist es nun ein Zeichen der Güte und Qualität, dass Altach nach 13 Runden weiterhin vor Austria, Rapid und Salzburg in der Tabelle liegt, als Tabellenzweiter hinter Sturm die Überraschung der bisherigen Saison ist? Oder ist es, Kritiker sagen ja, alarmierend?

Arbeitet man im Ländle konsequenter, ist Trainer Damir Canadi im Vorteil, weil er seine Spieler schon länger als Mike Büskens kennt? Oder spielt den Kleinen nicht in die Beine, dass sie von der „Last“ der Europacupspiele befreit sind? Dieses Phänomen findet sich ja in vielen europäischen Ligen. Für eine sportliche Prognose ist es nach knapp einem Drittel zu früh.

Während sich die Bundesliga seit Start der Saison 2016/17 damit rühmt, dass im Oberhaus nun alle Stadien eine Rasenheizung haben – die erste dieser Art wurde in Deutschland bereits 1972 im Münchner Olympiastadion verlegt –, gilt es abzuwarten, ob sich der fromme Wunsch von Ligachef Hans Rinner bis zum Jahr 2020 erfüllen wird und Ligaspiele tatsächlich einen Zuschauerschnitt von 10.000 erreichen. Die Wahrscheinlichkeit, diese samstags mit weiterhin familienunfreundlichen Spielzeiten (18.30 h) und sonntags ausschließlich TV-tauglichen Anpfiffzeiten (16.30 h) zu erreichen, scheint höchst gering zu sein.

Matinee nur im Cup möglich?

Dieses Vision ist nur machbar, wenn es noch mehr Stadien mit besserem Service gibt – wie in Hütteldorf, Salzburg oder ab 2018 in Favoriten. Und, man müsste dem Zuschauer entgegenkommen, im ÖFB-Cup war es möglich: mit der Wiederbelebung der Matinee. Ein kleiner Verhandlungstipp: Auf dem Küniglberg oder bei Sky wird gewiss auch vormittags gearbeitet.

Mit veralteten Schauplätzen wie in der Südstadt (sechs Heimspiele: 2455 Fans im Durchschnitt) oder Leerständen wie in Mattersburg (2811) ist ein Aufschwung wohl nur schwer möglich. Laut VKI-Analyse vom Juli 2016 schlossen beide Klubs auch nur mit dem erschreckenden Ergebnis „weniger zufriedenstellend“ ab. Bewertet wurden Onlineservice, Gastronomie, Ticketpreise, Anreise etc. Allerdings, selbst das Dasein als Krösus, Spiele im Europacup oder zig in teilweise vollkommen unbrauchbare Spieler verpulverte Millionen wie in Salzburg garantieren noch lang keinen permanenten Zuschaueransturm. Fünf Ligaspiele daheim, 33.410 Zuschauer, ein Minus von 21,23 Prozent im Vergleich zu 2015.

Die Euphorie rund um das Nationteam verhalf vergangene Saison der Liga schon zu keinem Aufschwung, im Schnitt kamen 6274 Zuschauer (1.129.324 gesamt, ein Minus von 54.356). Dass 2017 bessere Zahlen vorliegen könnten, ist dann keineswegs tollen Reformen geschuldet, sondern womöglich nur dem Rapid-Stadion zu verdanken.

Der Österreicher liebt seine Kicker, aber es sollte tunlichst ein Spektakel sein, mit Toren. Das ist hierzulande der Knackpunkt für den Matchbesuch, so nicht Arenen oder Stars locken. Die emotionale Bindung, also die Wurzel wahrer Fankultur, oder das simple Fußballspiel allein reicht nicht mehr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2016)

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