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Gründer Valentin Stalf: "Ich bin sozusagen All-in"

Valentin Stalf.
Valentin Stalf.(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Sein ganzes Geld stecke in der von ihm gegründeten Onlinebank N26, sagt der Wiener Valentin Stalf. Das Unternehmen hat bereits 50 Millionen Euro von Investoren erhalten und gilt als die am schnellsten wachsende Bank Europas.

Die Presse: Sie haben im Vorjahr eine Bank gegründet. Braucht es überhaupt noch Banken?

Valentin Stalf: Ich glaube, Banken braucht es auf jeden Fall. Die Frage ist eher: Wer sind die Banker der Zukunft? Da sind Programmierer und Designer eher gefragt als etwa Filialmitarbeiter.


Ihre Grundidee war es eigentlich, eine Prepaid-Karte für Kinder auf den Markt zu bringen. Am Ende sind Sie mit N26 bei einer Bank gelandet. Warum?

Ich habe vorher schon bei Rocket Internet (einem deutschen Start-up-Investor, Anm.) gearbeitet und dort zwei Finanz-Start-ups beim Aufbau geholfen. Dabei habe ich bemerkt, dass in dem Bereich viele große Firmen mit alter Technologie und schlechten Produkten arbeiten. Der Gedanke, eine Bank zu gründen, war für meinen Mitgründer und mich am Anfang aber zu groß. Also haben wir mit etwas Einfacherem begonnen: Kinder wollen auch Dinge im Internet einkaufen, dafür borgen sie sich derzeit die Kreditkarten ihrer Eltern aus. Daher haben wir ein Prepaid-Produkt für Kinder gebaut. Viele Eltern sind dann auf uns zugekommen und haben gesagt: „Macht doch gleich etwas, was auch wir verwenden können.“ Das war der Anstoß für uns, doch eine Bank zu gründen.


Was hat gerade das Thema so attraktiv für Sie gemacht?

Finanzen spielen für jeden täglich eine extrem wichtige Rolle. Im Banking haben wir so die Möglichkeit, jeden Tag mit unseren Kunden via App zu interagieren. Das ist natürlich sehr spannend.


Ist Geld Ihre Leidenschaft?

Nein. Ich würde auch nicht ausschließen, dass ich in einem anderen Bereich etwas gründen würde. Es geht um die Dynamik und das Produkt.


Was ist das Besondere an Ihrem Unternehmen? Gratiskonten im Netz gibt es ja schon seit über zehn Jahren.

Wir wollten ein cooles Bankingerlebnis kreieren, und ich glaube, das ist uns ganz gut gelungen. Wir haben uns daher nicht an anderen Bankprodukten, sondern an Apps wie Spotify orientiert. Jetzt sind wir eine der am stärksten wachsenden Banken in Europa.

Was ist Ihre Zukunftsvision?

Die Herausforderung ist es, eine Marke aufzubauen, der die Kunden vertrauen und die sie gut finden. Da haben traditionelle Banken keinen guten Job gemacht. Wenn ich von meiner traditionellen Bank angerufen werde, weil sie mir etwas verkaufen will, gehe ich mit Skepsis in das Gespräch. Wir wollen eine Plattform für andere Start-ups aus dem Finanzbereich werden, die bei uns ihre Kredit- oder Investitionsprodukte anbieten können. Kunden sollen nicht immer unser Produkt bekommen, sondern das beste, das es auf dem Markt gibt.


Haben Sie auch klassische Bankmitarbeiter?

Ja klar, im Zuge unserer Banklizenz haben wir auch zwei ganz erfahrene Banker eingestellt. Sie haben das Know-how über Regulierung und Risikoscoring. Das sind Dinge, bei denen man Erfahrung braucht und die ich selbst gar nicht mitbringe.


Durch Finanzierungsrunden hat Ihre Firma 50 Mio. Euro bekommen. Unter anderem vom Starinvestor und Paypal-Gründer Peter Thiel. Haben Sie es geschafft?

Für ein Start-up haben wir super Investoren. Wenn man mich vor drei Jahren gefragt hätte, ob wir diesen Erfolg haben werden, mit 200.000 Kunden und Topinvestoren aus der ganzen Welt, dann hätte ich gesagt, dass das unwahrscheinlich ist. Heute haben wir es geschafft. Aber wir sind immer noch ein Start-up. Wir haben noch einiges vor, wollen noch gern ein paar Millionen Kunden aufbauen.


Kann N26 noch scheitern?

Jedes Unternehmen kann scheitern. Jedes Mal, wenn man investiert, gibt es ein gewisses Risiko. Aber wir haben eine eigene Banklizenz, sind also eine regulierte Einheit. Das ist schon etwas anderes als zu jener Zeit, als wir das Unternehmen auf einer Couch in Wien gegründet haben.


Wie reich hat Sie die Firma gemacht?

Wir sind die größten Anteilseigner, aber natürlich wird man bei jeder Finanzierungsrunde verwässert.


Könnten Sie morgen aufhören zu arbeiten?

Ich bin zu 100 Prozent in mein eigenes Unternehmen investiert. Ich bin also sozusagen All-in. Von außen denkt man oft, beim Gründen wird schnell etwas für zwei Jahre gemacht, und dann hat man sehr viel Geld verdient. Neun von zehn Start-ups gehen in den ersten Monaten aber pleite. Und auch danach kann immer noch etwas schiefgehen. Wenn es also um den finanziellen Erfolg geht, ist es besser, sich einen gut bezahlten Job zu suchen.


Bei Ihnen ist das erste Start-up erfolgreich geworden. Sind Sie die glückliche Ausnahme?

Man braucht definitiv immer viel Glück, wenn man gründet. Es ist einfach schwierig, etwas neu aufzubauen. Aber natürlich gehört auch harte Arbeit dazu. Bei uns ist beides gut zusammengekommen.


Empfinden Sie sich als reich?

Reichtum ist ein sehr relativer Begriff. Da ich bei N26 auch dafür verantwortlich bin, Investoren zu suchen, habe ich mit vielen Leuten zu tun, die sehr, sehr viel Geld haben, etwa Li Ka-shing (einem chinesischen Unternehmer, Anm.), der über ein Vermögen von 30 Milliarden Dollar verfügt. Ich bin definitiv sehr reich an Lebenserfahrung geworden. Ob es sich finanziell auszahlen wird, werde ich sehen.


Warum sind erfolgreiche Gründer immer so bescheiden? Sie wollen nie über Geld reden.

Wenn man etwas gründet, dann macht man das in der Regel nicht aus finanziellen Gründen. Wenn es mir darum gegangen wäre, extrem viel Geld zu verdienen, dann wäre ich zu einer fetten Investmentbank gegangen und hätte dort rund um die Uhr geschuftet. Dann hätte ich jetzt sicher ein geiles Gehalt.

Wie bringt man Leute dazu, einem Start-up Geld anzuvertrauen?

Das Vertrauen wird heutzutage sehr stark über soziale Netzwerke generiert. Wenn man dich auf Facebook sieht und merkt, dass das eine seriöse Sache ist, bringt das viel. Außerdem legen die Leute anfangs vielleicht 500 Euro hin. Ein Betrag, der niemanden gleich umbringt, wenn er verloren ginge.


Werden Sie von konventionellen Bankern beneidet?

Manche beneiden uns wohl darum, dass wir eine Bank auf der grünen Wiese bauen konnten. Sie beneiden uns um unsere einfache Organisationsstruktur. Denn es ist kein Spaß, 100.000 Mitarbeiter zu haben, die großteils in Filialen arbeiten, in die kaum mehr jemand kommt. Andererseits genießen die meisten Banker es wohl auch, dass sie in ihrem Tower sitzen können.


Werden Sie von den traditionellen Banken noch belächelt?

Das hat sich durch die Banklizenz stark geändert. Davor wurden wir von vielen belächelt – und zum Teil kommt das immer noch vor. Viele Banker sind immer noch zuversichtlich, obwohl ihnen die Kunden links und rechts wegbrechen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2016)