Schnellauswahl

Wie Deutsche unter Diktaturen tanzten

Hanna Walsdorf nahm erstmals die Geschichte des Volkstanzes unter der Nazi-Diktatur und in der DDR unter die Lupe: Beide Regierungen wollten ihrer Nation damit Identität stiften.

Dass zwei so ideologisch gegensätzliche Diktaturen wie der Nationalsozialismus und die DDR mit dem Volkstanz das gleiche Mittel einsetzten, um ihre Ideologien im Volk zu verankern, faszinierte Hanna Walsdorf von Anfang an. „Da ich Politikwissenschaft im Nebenfach hatte, traute ich mir so eine Dissertation im Fachbereich Kunst-, Musik- und Tanzwissenschaft zu“, sagt die Rheinländerin, die zum Studium an die Uni Salzburg kam (Dissertationsbetreuung Claudia Jeschke). „Die Schnittstelle von Politik und Tanzwissenschaft wurde bisher eher stiefmütterlich behandelt.“

Daher war für Walsdorf ihre Dissertation ein „interdisziplinäres Wagnis zwischen Tanzwissenschaft und Zeitgeschichte“. Darin zeigt sich nun, wie der teilweise unterschiedlich definierte „Volkstanz“ zuerst von den Nationalsozialisten instrumentalisiert wurde: „Hier dominierte mehr das Kriegerische und Kraftbezogene“, erzählt Walsdorf. Zumindest für die Männer. Das ganz anders geprägte Frauenbild der Nazis schlug für Damen leicht schwingende Volkstänze vor.

„In der DDR als Arbeiter- und Bauernstaat wurden mehr Zunfttänze – etwa Handwerkertänze – instrumentalisiert“, sagt Walsdorf. Dort war auch das Körperbild von Männer und Frauen, die offiziell gleichwertig waren, ähnlicher. In beiden Diktaturen griff man jedenfalls auf schriftliche Aufzeichnungen über den um 1900 ausgestorbenen Volkstanz zurück. „Da gab es keine lebendige Kultur mehr“, erklärt Walsdorf: Doch jede Diktatur wollte das Volkstanzerbe als Grundlage nehmen, um für „Neue Zeiten“ Tänze zu schaffen. Die Nazis wählten verschiedene Ansätze, um die deutsche Identität mittels Volkstänzen zu stärken: Es gab u.a. die Zentralstelle für Volkstanz, den Reichsbund Volkstum und Heimat und den Reichsbund für Gemeinschaftstanz. In der DDR war es ganz zentralistisch organisiert: Innerhalb des Zentralhauses für Kulturarbeit lenkte die Zentrale Arbeitsgemeinschaft Tanz das Volkstanzwesen.

Die Gemeinsamkeit beider Diktaturen war, dass sie den Volkstanz in ihrem Sinne weiterentwickeln wollten. In der kurzen Zeit des Nationalsozialismus gelang das weniger als in den 40 Jahren DDR. „Sie brachten den Tanz auf Bühnen, veränderten ihn bis zur Lächerlichkeit durch sozialistische Thematik und Kostüme. Der Volkstanz verlor also die eigentliche Geselligkeit, die Menschen bei gewissen Anlässen verbinden sollte“, sagt Walsdorf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2009)