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Arabische Walzer und die Frage: „Hitler good or not good?“

Warum Wien in Kairo wie "Paradies" klingt.

Dass Wien weltweit für seine Schönheit berühmt ist, wusste ich. Auch dass Österreich seit Kreisky für viele Bewohner arabischer Länder sympathisch klingt. Aber das hätte ich nun doch nicht gedacht: dass einem Familienvater in Kairo ausgerechnet dieser Ort der Welt einfallen würde, um paradiesische Verhältnisse zu bezeichnen. Auf Youtube ist der Ausschnitt aus der Bürger-Sendung „Wahed Min Annas“ vom 12. Oktober noch zu sehen, die der ägyptische Sender Al Hayat inzwischen von seiner Website genommen hat – wohl eher nehmen musste –, während der Moderator seit der Veröffentlichung „beurlaubt“ ist. Im Auto sitzend und mit ein paar Kindern am Rücksitz lässt da ein Mann seinem Zorn auf Präsident al-Sisi freien Lauf. Heftig gestikulierend schimpft er über Zucker- und Kindermilchpreise; und bringt schließlich die von ihm geschilderte Misere, wie ich finde, rhetorisch glanzvoll auf den Punkt: „Die Moderatoren in den Talkshows unserer Regierungssender wollen uns weismachen, dass Ägypten wie Wien ist! Aber wenn wir hinaus auf die Straße gehen, sehen wir, es ist in Wirklichkeit eine Kusine von Somalia!“

Der Mann hätte ja auch Paris oder Berlin sagen können. Aber nein, Wien ist für ihn der gesellschaftliche Garten Eden, die Schlaraffenstadt. Mein ägyptischer Bekannter, der mir das Video zeigte und übersetzte, wunderte sich darüber im Gegensatz zu mir gar nicht; das sei doch klar, Wien habe schon so lang einen Zauberklang unter seinen Landsleuten. Man denke nur an „Rauschende Nächte in Wien“ . . .

Das Lied also, das die nach Ägypten ausgewanderte syrische Prinzessin, Musikdiva und Emanzipations-Ikone Asmahan zum ersten Mal zu einer Zeit sang, als von „rauschenden Nächten“ in Wien keine Rede war, nämlich 1944. Im selben Jahr ertrank sie nach einem Autounfall. Das ist fast ein dreiviertel Jahrhundert her; aber dass die im Lied transportierte Legende bis heute wirkt, bestätigte mir auch Fritz Edlinger, der Generalsekretär der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen. „Wenn Sie in Ägypten, Tunesien, Marokko, Jordanien oder Syrien Menschen über 40 nach ,Rauschende Nächte in Wien‘ fragen, beginnen die Augen zu glänzen! Das kennt fast jeder!“ Ein ägyptisches „Sound of Music“ also – und die Ästhetik der originalen Videos ähnelt diesem US-Kitschfilm auch. Nur mit dem Unterschied, dass die zwischen Opernballkulissen und arabischem Walzer leidvoll erklingende Stimme Asmahans heute noch stumm vor Staunen machen kann . . .

Kaum einer dagegen erinnert sich noch an den irakischen Autor Dhu al-Nun Ayyub, der 1954 nach Wien emigrierte und ab 1961 bis zu seinem Tod 1988 hier blieb. Seine „Geschichten aus Wien“ haben vielleicht nicht großen literarischen Wert, setzen aber ebenfalls Wien ein künstlerisches Denkmal: als Ort der zwischenmenschlichen Begegnung über Kulturgrenzen hinweg. Rührend optimistisch mutet sein Glaube an den Sieg des Allgemeinmenschlichen heute an.

Andererseits: Letztens in einem Zug plauderte ich nett mit einem seit kurzem hier lebenden jungen Mann aus dem Nordirak. Er äußerte sich begeistert von Österreich, den „good people“ hier. Auch von Hitler, der ja „5000 Israeli“ umgebracht habe. „Hitler so good, sooo good!“ Meine ungläubige Miene machte ihn offenbar unsicher, ob er vielleicht etwas verwechselt habe, sogleich fragte er zaghaft: „Hitler good or not good?“ Da merkte ich: Wir werden zwar oft aus den falschen Gründen geliebt, aber das Gute ist: Wer liebt, hört eher zu. Das sollten wir nützen.

anne-catherine.simon@diepresse.com