Hilfe! Das Klischee von den streberhaften und humorlosen Piefkes stimmt nicht mehr. Jetzt müssen am Ende noch wir Österreicher unser Selbstbild überdenken. So weit kommt es noch.
So kann das sicher nicht weitergehen mit Angela Merkel. Da muss sich was ändern in ihrer zweiten Amtszeit, die sie sich heute bei der Bundestagswahl ja wohl noch sichern wird. Wir haben die deutsche Bundeskanzlerin jetzt vier Jahre lang beobachtet: Diese Frau interessiert sich einfach nicht für Österreich. Bis auf die Salzburger Festspiele sind ihr die Ösis piepegal. Zehn Millionen Deutsche machen Jahr für Jahr Urlaub in Österreich, nur eine nicht: Merkel. Ihr Vorvorgänger hat noch regelmäßig in St.Gilgen am Wolfgangsee ausgespannt. Und wohin fährt sie, die Pasta-Kanzlerin? Nach Italien! Das passt auch politisch ins Bild. Kleinstaaten spielen in der kühl berechneten Welt der Physikerin keine Rolle.
Eigentlich finden wir die Piefkes ja gar nicht mehr so arrogant wie früher, aber wenn Merkel so weitermacht, dann wärmen wir die alten Klischee-Kamellen wieder auf. Das Bild vom schulmeisterlichen, langweiligen, überkorrekten, arbeitswütigen, selbstgerechten Deutschen, der im Keller höchstens über seine eigenen schlechten Witze lacht, ist ganz schnell abgerufen. Das haben wir seit Königgrätz abgespeichert, und einer unserer größten Dichter, Hugo von Hofmannsthal, hat es in „Preuße und Österreicher“ sogar schriftlich festgehalten.
Mit der Realität haben diese Klischees natürlich nicht mehr viel zu tun. Genauso wenig wie die Vorstellung des schlampig-genialen Österreichers, der permanent bei einem Achterl Schmäh führt, wenn er nicht gerade Walzer tanzt. Aber das macht bei Stereotypen gar nichts, sie können wie Zombies auch ohne Bezug zum wirklichen Leben weiterexistieren. Die Idee vom streberhaften Piefke etwa löst sich in Luft auf, wenn man an einem Werktag um elf Uhr vormittags den halben Prenzlauer Berg im Schlabberlook beim Caffè Latte hocken sieht – sind ja viele arbeitslos oder unterbeschäftigt dort. Aber auch außerhalb Berlins sind die Deutschen gelassener geworden, geradezu jamaikanisch gemütlich, sogar mitten in der Krise. Sie lassen es ruhiger angehen als früher. Der Welt dämmerte das zum ersten Mal bei einem Sportereignis, das sonst oft ehrgeizig-nationalistische Regungen hervorruft, in Deutschland aber wie eine Love-Parade gefeiert wurde: bei der Fußball-WM.
Das Verhältnis der Österreicher zum großen Nachbarn wird immer ambivalent bleiben, über Siege gegen deutsche Kicker werden wir uns immer jahrzehntelang freuen. Doch das Bedürfnis, sich krampfhaft abzugrenzen, ist bei Weitem nicht mehr ausgeprägt wie 1945, als der Anschluss noch nah war und Österreich erst seine Identität finden musste. Auch die Minderwertigkeitsgefühle gegenüber dem großen Bruder sind dank wirtschaftlicher Erfolge längst geschwunden. Sie beschleichen einen nur, wenn man die Politikergarnituren vergleicht. Vielleicht kann Merkel in ihrer zweiten Amtszeit ja nicht nur ihr Urlaubsverhalten und ihr Desinteresse an der Alpenrepublik überdenken, sondern österreichischen Parlamentariern in Form eines Herbert-Haupt-Gedächtnis-Stipendiums ein paar Rhetorikpraktika im Bundestag anbieten.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2009)