Nadir Gassanov aus Aserbaidschan ist einer von vielen Migranten, die dem totgesagten Gewerbe der Änderungsschneider in Wien neues Leben einhauchen - oder es zumindest versuchen.
Mit prüfendem Blick mustert Nadir Gassanov eine Hose, fährt mit einer Nadel die Nähte ab und zieht sorgfältig einen Faden heraus. Sorgfalt ist ihm wichtig, sagt er. Denn nur so kommt man zu Kundschaft. Die fehlt dem 55-Jährigen noch. „Im Sommer haben alle Urlaub, aber im September wird es besser.“ Hofft er.
Am 25. Mai hat der Aserbaidschaner seine Änderungsschneiderei in der Otto-Bauer-Gasse aufgemacht. Das Geschäftslokal, bis vor rund zwei Jahren noch eine gefragte Schneiderei – Inhaber Roland Michel war stadtbekannt – im 60er-Jahre-Ambiente, hat er kaum verändert. Nur das Angebot ist ein anderes. Gassanov kürzt Hosen, weitet Hosenbünde oder macht Röcke enger – ändern darf er alles, nur neue Kleidungsstücke schneidern, das darf er hier nicht.
Boom der Änderungsschneider. Geschäfte wie jenes von Gassanov haben in den vergangenen Jahren einen regelrechten Boom erlebt. Gab es im Jahr 1999 nur noch rund 15 Änderungsschneidereien in Wien, so stieg die Zahl im Jahr 2003 auf mehr als 80, 2006 waren es schon mehr als 130. Heuer verzeichnet die Wirtschaftskammer fast 180 Änderungsschneidereien in der Stadt. Nadir Gassanov steht mit seinem Geschäft stellvertretend für diese Entwicklung: es sind vor allem Migranten, die für diesen Boom gesorgt haben.
Nur wenige Meter von Gassanovs Geschäft entfernt hat vor rund zwei Wochen ein Mazedonier eine weitere Änderungsschneiderei eröffnet, schon länger schätzen die Bewohner des Grätzels um den Siebensternplatz ihren Herrn Ibrahim in der Mondscheingasse – ob Türken, Araber, Polen oder Zuwanderer aus Exjugoslawien oder den ehemaligen Sowjetrepubliken, die Änderungsschneidereien sind fest in den Händen der Zuwanderer.
„Dieser Eindruck stimmt“, bestätigt Maria Smodics-Neumann, Innungsmeisterin des Bekleidungsgewerbes in der Wiener Wirtschaftskammer. Vor allem im Verhältnis zu den Maßschneidern legen diese Betriebe immer stärker zu. Mitverantwortlich dafür ist auch eine Gewerberechtsnovelle aus dem Jahr 1999, die einen erleichterten Gewerbezugang für Änderungsschneider mit sich brachte. „Früher musste man eine Meisterprüfung machen“, erklärt die Innungsmeisterin. Vor allem für Migranten sei dies eine schwierige Aufgabe gewesen.
Durch die Novelle wurde eine leichtere Teilgewerbeprüfung eingeführt, nach deren Absolvierung man sich leichter selbstständig machen kann. „In der Türkei und in Exjugoslawien gibt es hervorragende Schneider“, sagt Smodics-Neumann, „die aber in Österreich eine große Sprachbarriere gehabt haben.“
Schwerer Anfang in Wien. Das merkt man auch Nadir Gassanov an, wenn er um einen deutschen Ausdruck ringt, sich das gesuchte Wort immer wieder auf Russisch vorsagt. Acht Jahre lebt er nun schon in Österreich. Und ist seit damals immer auf der Suche nach Arbeit. Zu Zeiten der Sowjetunion, da war er viel unterwegs, hat in der Armee gedient, in seiner Heimatstadt Baku viele Jobs erledigt, erzählt er. Als es keine Arbeit mehr gab, kam er nach Wien. Aber auch hier war es nicht leicht für ihn, egal für welchen Job er sich auch beworben hat.
„Alle haben gesagt, dass sie mit einem alten Mann wie mir nichts anfangen können.“ Irgendwann reichte es ihm – er fuhr nach Estland, absolvierte einen zweimonatigen Schneiderkurs in Tallinn und beschloss, sich selbstständig zu machen. „Ich will ja nicht von der Sozialhilfe leben. Ich will arbeiten.“
Hilfe bei seinem Start in die Selbstständigkeit bekam er vor allem von Freunden und Bekannten. Das Geld für seine Nähmaschinen etwa: „Eine Maschine kostet 2200 Euro.“ Ein arabischer Bekannter, selbst Änderungsschneider, hat ihm die Summe vorgestreckt. „Mein Wort, dass ich es ihm zurückzahle, hat ihm gereicht.“
Bis es so weit ist, dürfte es aber wohl noch einige Zeit dauern. Denn leben kann Gassanov von seinem Geschäft noch nicht. Die vielen Kleidungsstücke, die fein säuberlich an Kleiderhaken aufgereiht sind, täuschen. Die gehören ihm selbst. „Wenn hier nichts hängt“, meint er, „kommen ja keine Kunden herein.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2009)