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Schuldenberg: Bankenkrise bedroht San Marino

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Symbolbild.(c) APA
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Faule Kredite in einer Größenordnung von zwei Milliarden Euro machen den Banken des Zwergstaates zu schaffen. Das lässt auch in Brüssel die Alarmglocken schrillen.

San Marino. In San Marino ist die touristische Saison auch im Herbst noch im Gang. Vorbei an Souvenirshops und Regierungspalast bis zur Burg Rocca Guaita spazieren Touristen bei der Entdeckung des Zwergstaates unweit der Adriaküste. Nur 20 Kilometer von Rimini entfernt liegt die 60 Quadratkilometer große Republik mit ihren 31.000 Einwohnern. Die historischen Zentren – das Dorf Borgo Maggiore und das Stadtzentrum auf dem Berg Titan, die zusammen die Republik San Marino bilden – stehen seit 2008 unter Unesco-Weltkulturerbe-Schutz.

Doch die vollen Restaurants und ausgebuchten Hotels dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch die älteste Republik der Welt mit schweren Bankenproblemen konfrontiert ist. Die san-marinesischen Banken, die noch bis vor Kurzem wegen ihrer Verschwiegenheit bei betuchten Kunden besonders beliebt waren, sitzen auf einem Berg fauler Kredite. Dabei geht es um eine Größenordnung von etwa zwei Milliarden Euro. Das entspricht der Hälfte aller Kredite, die die Banken dort vergeben haben, und 140 Prozent des Bruttoinlandprodukts – eine Lage wie in Zypern im Jahr 2012 und in Griechenland 2013.

Die Alarmglocken läuten deshalb nicht nur im Regierungspalast der kleinen Enklave am Apennin, sondern auch in Brüssel: San Marino ist zwar seit einigen Jahren kein Steuerparadies mehr, jedoch immer noch sehr stark auf seine Banken angewiesen. Die faulen Kredite wurden in den vergangenen Jahren angehäuft. Auch die Banken von San Marino haben die Auswirkungen der schweren Rezession im benachbarten Italien schmerzhaft zu spüren bekommen. Viele italienische Kunden, vor allem pleitegegangene Unternehmer, können ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen. Allzu oft wurden Kredite vergeben, ohne auf eine entsprechende Bonität der Kunden zu achten.

 

Haben Banken Regeln verletzt?

Der Internationale Währungsfonds (IWF) ist besorgt und hat der sanmarinesischen Notenbank seine Unterstützung zugesichert, um einen Ausweg aus der verworrenen Lage zu finden. Unter IWF-Druck startet der seit dem Frühjahr amtierende Präsident der Zentralbank, der ägyptisch-schweizerische Bankier Wafik Grais, jetzt mit einer genauen Prüfung der Qualität der Aktiva der lokalen Banken.

Mithilfe der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group soll festgestellt werden, ob die Banken den Regeln in puncto Transparenz und Bekämpfung der Geldwäsche bei der Vergabe der Kredite nachgekommen sind. Grais wird dann Informationen über den Kapitalbedarf der san-marinesischen Institute liefern. Schätzungen zufolge dürfte es sich um 500 Millionen Euro handeln, circa 35 Prozent des Bruttoinlandprodukts der Republik. Der IWF und die san-marinesische Regierung versichern zwar, dass die Geldhäuser liquide und vollkommen stabil seien. Trotzdem könnten einige Institute bald öffentliches Kapital benötigen. In diesem Fall müssten nicht nur der IWF, sondern auch Länder des Euroraums einen wichtigen Beitrag leisten.

Lokale Bankiers spielen die Lage herunter. „Ich habe den Eindruck, dass das Problem der notleidenden Kredite unserer Banken aufgebauscht wird, um Ängste zu schüren. Dahinter stecken die Interessen einiger Gruppen“, sagte ein Bankier, der jedoch anonym bleiben will, am Telefon.

Fest steht, dass das Bankensystem eine Umbruchphase erlebt. Bis 2009 hatte die Minirepublik noch 16 Geldhäuser, inzwischen sind es noch sechs. Notenbankchef Grais will Kosten senken und in Effizienz investieren, um San Marino nach Ende der Ära des Bankengeheimnisses internationalen Kunden schmackhaft zu machen. Nach einer massiven Kapitalabwanderung sind im Bankensystem San Marinos jetzt mehr Offenheit und internationale Kooperation gefragt.

 

Unternehmen anlocken

Die im Jahr 301 gegründete Republik hat aber nur dann Chancen, wenn sie nicht ausschließlich in das Bankensystem investiert. Mit administrativer Vereinfachung und Steueranreizen für neue Niederlassungen kann der Ministaat dank seines günstigen Steuersystems zum Magnet für Unternehmen aus ganz Europa werden. Das Projekt lautet, mit einem Steuersystem nach irischem Modell die Ansiedlung von Unternehmen zu fördern. Diese sollen nicht nur aus Italien, sondern auch aus anderen Ländern kommen. Ein neues Luxemburg zu werden, das ist das Ziel, für das Grais und die Regierung auf dem Berg Titan hart arbeiten. Sie wollen keine Zeit verlieren, denn auf Finanz allein kann San Marino nicht mehr bauen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2016)