Kaum einer mag Hillary Clinton. Kaum einer gibt ehrlich zu, warum

Hillary Clinton im Wahlkampf
Hillary Clinton im WahlkampfAPA/AFP/JEWEL SAMAD

Hinter vielen elaborierten inhaltlichen Vorwänden gegen die demokratische Präsidentschaftskandidatin versteckt sich häufig nur eines: banaler Frauenhass.

Schon im Jahr 1872 schickte sich die erste Frau an, Präsidentin der Vereinigten Staaten zu werden. Die Tapfere hieß Victoria Woodhull. Sie war Verlegerin, Aktienhändlerin, Spiritistin und Frauenrechtlerin, sie hatte von Anfang an keine Chance. Neugierig schaute man ihr zu, wie sie redete, gestikulierte, und welche Kleider sie dabei trug.

Die Schriftstellerin Harriet Beecher Stowe (Autorin von „Onkel Toms Hütte“) brachte die Vorbehalte gegen Woodhull auf den Punkt. Ein Präsidentschaftswahlkampf sei eine Tortur, so schlimm, dass es die meisten Männer umbringe. Was, so fragte Beecher Stowe, sei denn nun von einer Frau zu halten, die so stark sei, dass sie diese Tortur überlebe? „Wollen wir so eine Art Frau wirklich an der Spitze unserer Regierung sehen?“ Die Schriftstellerin hatte damit die klassische Doppelmühle für ihre Geschlechtsgenossinnen aufgemacht: Schaffst du etwas Schwieriges nicht, beweist du, dass Frauen schwach sind. Schaffst du etwas Schwieriges dennoch, beweist du damit, dass mit dir etwas nicht stimmen kann.

140 Jahre später muss sich Hillary Clinton in stillen Stunden manchmal ähnlich fühlen wie damals Victoria Woodhull. Sehr wahrscheinlich geht sie nächste Woche als Siegerin durchs Ziel. Dennoch bekommt sie – seit Jahrzehnten, und immer weiter gesteigert in den vergangenen Monaten ihrer Kampagne – ununterbrochen gesagt, was sie alles falsch macht. Wird sie als Präsidentin angelobt, wird sie die unbeliebteste Person sein, die dieses Amt je übernommen hat. 55 Prozent der US-Bevölkerung haben von Clinton eine schlechte Meinung, etwa derselbe Anteil vertraut ihr nicht.

Hillary-Hating ist ein Volkssport, nicht nur bei politischen Gegnern, sondern auch unter demokratischen Parteigängern, wahrscheinlich sogar bei manchen ihrer Wähler. Was ist es bloß, dass diese unverhältnismäßige Abneigung speist?

Hillary Clinton, so der gängigste Vorwurf, sei zu nah am Establishment dran. Jahrhundertelang war genau dies das größte Manko von Frauen in der Politik: Es fehlten ihnen die Seilschaften, der Zug zur Macht. Nun hat eine dieses Manko in zäher jahrzehntelanger Arbeit wettgemacht – und prompt wird es ihr unter die Nase gerieben.

Clinton sei reich und geldgierig, lautet der zweite Vorwurf, zu erfolgreich beim Lukrieren von Wahlkampfspenden. Auch diese Kritik kennen Frauen üblicherweise nur andersherum: Sie seien zu bescheiden, zu schlecht im Verhandeln (und somit selbst schuld, wenn sie weniger Geld kriegen als Männer). Schaut aber einmal eine Frau aufs Geld, ist es auch wieder nicht recht.

Ehrgeizig? Ja, das ist Clinton wohl, sonst ginge man ja kaum ins Rennen um die amerikanische Präsidentschaft. Ein Workaholic? Auch. Zähigkeit und eine dicke Haut wird man ebenfalls brauchen, um sich dem härtesten Wahlkampf der Welt auszusetzen.

Aber was bei Männern „Willenskraft“, „Ausdauer“, „Durchhaltevermögen“ genannt wird, heißt hier plötzlich „Verbissenheit“ oder „krankhafter Ehrgeiz“, und klingt wie eine Anmaßung.

Selbstverständlich hat Hillary Clinton Fehler gemacht. Jeder Politiker macht Fehler. Doch selbst wenn Clinton in ihrer langen Karriere – als First Lady, als Senatorin, als Außenministerin – keinen einzigen Fehler gemacht hätte, kann man sicher sein, dass ihr genau das wieder angekreidet würde. Denn was ist verdächtiger als eine Fehlerlose? Wer mag eine totale Perfektionistin? Ist es denn nicht gerade das Unvollkommene, das einen Kandidaten erst so richtig menschlich und liebenswert macht?

So sehr man es dreht und wendet, man kann zu keinem anderen Schluss kommen: Ein großer Teil des Unbehagens, das US-Wähler bei Hillary Clinton befällt, speist sich aus der banalen Tatsache, dass sie eine Frau ist. Zwar gehört es mittlerweile zum guten Ton, sich öffentlich darüber zu freuen, wenn Frauen sich anschicken, die ihnen gesteckten Grenzen zu überwinden. Aber wenn sie es dann tun – dann hassen wir sie dafür.

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Zur Autorin:

Sibylle Hamann
ist Journalistin

in Wien.
Ihre Website:

www.sibyllehamann.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2016)