Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Athens infame Zahlenspielereien

(c) REUTERS
  • Drucken

Wer Statistiker verfolgt, weil ihre Zahlen unliebsam sind, verunmöglicht evidenzbasierte Politik. Die EU sollte Griechenland zur Ordnung rufen.

Im November 2004 ging der Statistiker Werner Barke der Authentizität eines der bekanntesten Sinnsprüche, die Winston Churchill zugeschrieben werden, auf die Spur. „Ich glaube nur der Statistik, die ich selber gefälscht habe“, soll der britische Premierminister gesagt haben. Doch stimmt das wirklich?

Barke legte akribisch dar, wieso dieses zynische Bekenntnis zum lügenhaften Umgang mit amtlichen Zahlen nicht von Churchill stammte, sondern dem Reichspropagandaministerium seines Erzfeindes Joseph Goebbels entstammte. Die Erfolgsmeldungen des Oberkommandos der Wehrmacht erschienen Churchill faul, gemessen an den britischen Gefechtsstatistiken. Daraus machte er in seinen Reden kein Hehl. Darum wies Goebbels die gleichgeschaltete deutsche Presse dazu an, Churchill als Lügner darzustellen, der selber seine Zahlen fälscht.

Ideologisch entschärft und nach sieben Jahrzehnten umgangssprachlichen Gebrauchs abgestumpft gibt dieses Zitat von den Statistiken, denen man nur glaubt, wenn man sie selber frisiert hat, heute die Haltung vieler Zeitgenossen wieder. Wer mit einer Zahl konfrontiert wird, welche die eigene Sicht auf ein Problem falsifiziert, braucht ein Maß an menschlicher Größe, um seine Haltung entsprechend zu ändern. Leichter ist es, die unbequeme Zahl einfach abzulehnen.

Schlimm genug, wenn Privatpersonen sich auf diese Weise des klaren Blicks auf die Dinge berauben. Prekär wird es, wenn Politiker sich die Welt anhand weich gekochter oder ausgewählter Statistiken schönlügen. Höchst alarmierend ist es, wenn Regierungen redliche Statistiker verfolgen, weil deren nüchterne Zahlen der eigenen Propaganda widersprechen.

Der Fall von Andreas Georgiou, des Präsidenten der griechischen Statistikagentur Elstat in den Jahren 2010 bis 2015, sollte in allen europäischen Hauptstädten die Alarmglocken schrillen lassen. Georgiou wird vom griechischen politischen Establishment auf kafkaeske Weise verfolgt: Weil er rückwirkend die nachweislich falschen Haushaltszahlen des Jahres 2009 korrigierte, soll er laut Anklageschrift Griechenland einen Schaden von 210 Milliarden Euro zugefügt haben. Er soll ferner seine Dienstpflicht verletzt haben, weil er sich dem Begehren politischer Funktionäre widersetzte, über die Haushaltszahlen abstimmen zu lassen. Und er soll eine Rufschädigung seines Vorgängers begangen haben, weil er öffentlich darauf hinwies, dass die Budgetzahlen dieses Mannes betrügerisch waren – was die Europäische Kommission am 12. Jänner 2010 in einem 30-seitigen Sonderbericht ebenso angeprangert hatte.

Seit Jahren kämpft sich Georgiou durch eine Barrage an Anklagen. Im schlimmsten Fall droht ihm eine lebenslange Gefängnisstrafe; der finanzielle Ruin könnte dem vorangehen.


Georgious Verhängnis ist es, politisch nicht zuordenbar zu sein. Er geriet zwischen die Mühlsteine eines hellenischen Politikklüngels, den bei aller ideologischer Feindschaft ein schwerer Opferkomplex eint. Die Konservativen unter Andonis Samaras eröffneten die Jagd auf ihn, weil er die wahre Neuverschuldung von 15,4 Prozent im letzten Jahr (eben 2009) der Regierung unter Kostas Karamanlis offenlegte. Schnell erkannten die Linkspartei Syriza und ihr Ministerpräsident Alexis Tsipras die Nützlichkeit dieser Attacken. Ein IWF-Statistiker, der den bösen Gläubigerbanken aus Deutschland und Frankreich getürkte Zahlenmunition lieferte, um das stolze Griechenland in die Fänge der Troika zu treiben: mit diesem Narrativ punktet Tsipras bei seinem erschöpften, zornigen Volk. Auch Tsipras' einstiger Finanzminister Yanis Varoufakis, Posterheld linksromantischer Deutschlandhasser, machte bei diesem bösen Spiel mit.

Es ist gut, dass die Kommission und Eurostat sich in offenen Briefen hinter Georgiou gestellt haben. Noch besser wäre es, die Minister der Eurogruppe würden sich Griechenlands Finanzminister Euklid Tsakalotos zur Brust nehmen. Auf dem Spiel steht nämlich nicht bloß das Recht der Griechen, über die Lage ihres Staatswesens korrekt informiert zu werden. Auf dem Spiel steht die Glaubwürdigkeit der Währungsunion.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2016)