Zum Wohl des Grätzels Geschichten erfassen

Reindorfgasse
(c) Die Presse - Clemens Fabry

Stadtentwicklung. Ein Team der Uni Wien hat in Rudolfsheim-Fünfhaus Aufwertungsprozesse aus verschiedenen Perspektiven erforscht. Denn die Auffassungen gehen stark auseinander – schon bei der Vorstellung eines Sitzbankerls.

Dieses böse „G-Wort“. Im 15. Bezirk in Wien ist es schon gefallen. Oft. Wie ein Schimpfwort klingt es manchen. Das „G“ steht dabei für das urbane Phänomen der Gentrifizierung. Meist mahnend gebraucht, kann es allerdings auch die Aufwertung vormals heruntergekommener Stadtviertel bedeuten, sei es durch gezielte Maßnahmen einer Institution oder durch Bewohner selbst, die ihre Umgebung umgestalten.

Neben ihren positiven Effekten wird die Gentrifizierung auch als nachteilig empfunden, weil Veränderungen im Viertel oft andere Bevölkerungsgruppen anziehen, höhere Wohnungsmieten, höherpreisige Geschäfte und eine neue Atmosphäre mit sich bringen – sodass langjährige Anrainer sich plötzlich fremd fühlen. Das „G-Wort“ stammt vom englischen gentry für Adlige und wird seit den 1960ern dafür verwendet, dass die Mittelklasse sich Wohngebiete der Arbeiterklasse aneignet.

So weit die globale Theorie. Was aber verstehen Bewohner, Politiker, Geschäftsleute auf lokaler Ebene unter Stadtteilaufwertung – und wann kippt sie? Das untersuchte ein Team des Instituts für Geografie und Regionalforschung der Uni Wien in den vergangenen drei Jahren im 15. Bezirk, Rudolfsheim-Fünfhaus. Das Projekt „Gentrifizierung 2.0 – Praktiken und politische Strategien der Stadtteilentwicklung“ der Joint Programming Initiative Urban Europe wird vom Technologieministerium gefördert.

 

Was heißt Aufwertung?

Parallel zu Wien stellten niederländische Forscher sich dieselbe Frage für den Stadtteil Klarendal in Arnheim und ein Team in Istanbul für das dortige Cihangir-Viertel. „Mehr als die Hälfte aller Menschen lebt heute in Städten“, sagt die Wiener Studienleiterin Yvonne Franz. Bei der Stadtentwicklung allerdings unterscheiden sich öffentliche von individuellen Einschätzungen oft stark. Ein Beispiel aus dem 15. bringt Markus Steinbichler, Vertreter der Gebietsbetreuung Stadterneuerung für den Bezirk, die im Auftrag der Stadt arbeitet: Alteingesessene Bewohner haben ganz bestimmte Vorstellungen eines Sitzbankerls: Eine aus Europaletten selbst gezimmerte Bank vor einem Hipster-Lokal zähle da nicht, es müsse schon eine echte Parkbank her. „Da gehen die Lebenswelten auseinander“, sagt Steinbichler.

Um also besser fassen zu können, was Aufwertung für alle Beteiligten heißt, sammelten Yvonne Franz und ihr Team Daten und erarbeiteten eine auf Fakten basierte Argumentation, die die Situation ganzheitlich betrachtet.Bedacht wurden dabei die Perspektiven der Bevölkerung, der Wirtschaft, des Immobilienmarktes und der Stadtplanung. Statistische Daten flossen ein; die Forscher begaben sich ins Grätzel, nahmen am öffentlichen Leben teil, wurden bald von Anrainern auf der Straße erkannt und nach dem Projektstatus gefragt – oder auf einen neuen Dachausbau hingewiesen. Projektteilnehmer hätten so viel Zeit rund um Reindorfgasse und Schwendermarkt verbracht, dass Arbeitsgruppenleiter Heinz Fassmann sich bei den Beteiligten schon erkundigt hatte, ob sie dort hingezogen seien.

Erkenntnisse gewannen die Forscher dabei nicht nur aus dieser Umgebung, sondern auch aus dem internationalen Vergleich. Was etwa versteht man wo unter einer Aneignung des öffentlichen Raums? „In Holland spielt sich viel vor der Haustür ab, trotz des schlechten Wetters“, sagt Franz. Der Raum bis zur Straße sei dort „permeabel“, also durchlässig, eine Art verlängerter Wohnraum, der in Städten wie Arnheim traditionell knapp ist. „Bei uns wollen manche diesen Raum auch für sich nutzen, andere hingegen wollen ihn freihalten“, sagt Steinbichler.

 

Formular für Urban Gardening

Steinbichlers Institution, die Gebietsbetreuung, reagierte darauf mit einer „Stadtanleitung“, die zur Gestaltung des öffentlichen Raumes – etwa Urban Gardening – anregt. Und klarstellt, welche Bewilligungen und Formulare man für welche Aktion braucht. Typisch Wienerisch, sagt Franz: „Wir erklären, wie's geht. Die Niederländer machen es einfach.“ Eine ihrer Folgerungen aus der Untersuchung ist die Einsicht, dass die öffentliche Hand lernen müsse, „ihre Fühler auszufahren“, um auf die Vielzahl der Akteure und ihre Interessen angemessen eingehen zu können. „Zum Wohl des Grätzels.“

Diese Prozesse im Gesamtkontext zu verstehen, sind die Ergebnisse der Untersuchung; weitere – auch die der Analysen in Arnheim und Istanbul – werden auf der Projekt-Website vorgestellt. Dort und via Social-Media können Bewohner sich an der laufenden Dokumentation des Projektes beteiligen. Franz: „Wir laden dazu ein, die Geschichten des Grätzels im Wandel mitzuschreiben.“

Web: www.beyondgentrification.com

IN ZAHLEN

140qualitative Interviews, also solche, die nicht einem standardisierten Fragebogen folgen, haben die Forscher geführt: u. a. mit Bewohnern, Nachbarschaftsinitiativen, Vertretern aus Politik und Verwaltung, Unternehmern.

3Ebenen hat die im Projekt angewandte Assemblage-Methode: Statistische Daten (z. B. Demografie, Wohnungsbestand) werden mit Alltagspraktiken und einer Interpretationsebene („Wie bewerten Akteure, was zur Aufwertung beiträgt?“) kombiniert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.11.2016)