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Frauen und Latinos werden den Ausschlag geben

U.S. Democratic presidential nominee Hillary Clinton gets off her campaign plane in Moon
(c) REUTERS (BRIAN SNYDER)
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Clintons größte Stärke liegt darin, dass ihr Gegner Trump so viele Gesellschaftsschichten beleidigt und bedroht hat.

Washington. Nach der Niederlage ihres Kandidaten Mitt Romney gegen Präsident Barack Obama vor vier Jahren begaben sich führende Köpfe der Republikanischen Partei in Klausur, um die Gründe ihres erneuten Scheiterns zu erwägen. Aus diesem Nachdenkprozess ergab sich ein 102-seitiges Thesenpapier, das schnell unter dem makaber-selbstironischen Titel „Autopsie“ die Runde machte.

Zentrale These der reformwilligen republikanischen Eliten: Die Partei müsse mit dem rasanten demografischen Wandel der USA Schritt halten, sich für Schwarze und Latinos öffnen, denn sonst sei ihr der Weg ins Weiße Haus auf Generationen hinaus versperrt. Der nächste republikanische Präsidentschaftskandidat solle 31 Prozent der nichtweißen Wähler für sich gewinnen, erinnerte Stuart Stevens, Romneys damaliger Wahlkampfchef, am Donnerstag auf Twitter an die damalige Zielsetzung. Romney hatte nur 19 Prozent erreicht – doch der heutige Kandidat, Donald Trump, „liege wohl näher an 15 Prozent“, warnte Stevens, einer der scharfzüngigsten parteiinternen Kritiker Trumps.

Trump verstärkt Romneys Defizite

Der erstaunliche Aufstieg Trumps zum Kandidaten der Partei, im Rahmen dessen er 15 Gegner – darunter aktive und ehemalige Gouverneure großer Schlüsselstaaten – mit seinem Versprechen einer autoritären „Amerika zuerst“-Doktrin beiseite räumte, schien die hehren, mit harten Fakten unterfütterten Schlussfolgerungen der „Autopsie“ als elitär und weltfremd abgeschrieben zu haben. Eine vernunftgeleitete Reform der Einwanderungspolitik? Wozu, wenn Trump mit dem Versprechen einer Grenzmauer, der Abschiebung von elf Millionen illegal aufhältiger Ausländer und dem kollektiven Einreiseverbot für Muslime (oder, wie er später zu relativieren versuchte, Menschen aus „vom Terror befallenen Regionen“) so viele Stimmen in den republikanischen Vorwahlen erhalten hat wie kein Kandidat vor ihm?

Doch wenn die Entwicklungen, die sich seit zwei Wochen in zahlreichen Teilstaaten bei den frühzeitigen Wahlen abzeichnen, sich bis zum Ende der Wahl am Dienstag fortsetzen, werden die Verfasser dieses Endberichts des „Growth and Opportunity Project“ sich bestätigt fühlen. Denn in wichtigen Staaten wie Florida, North Carolina und Nevada strömen Frauen und Latinos in Rekordzahlen zu den Urnen. In beiden Gruppen schnitt bereits der moderate Konservative Romney vor vier Jahren schlecht ab. Bei den Frauen verlor er gegen Obama mit 44 zu 55 Prozent, bei den Latinos gar mit 71 zu 27 Prozent.

Trump ist bei diesen beiden Gruppen noch unbeliebter als Romney. Laut Umfrage des Pew Research Centers sind Frauen mit 59 zu 35 Prozent für die demokratische Kandidatin Hillary Clinton und Hispanics gar mit 66 zu 24 Prozent – und diese Umfrage stammt vom Juli, also aus einer Zeit, die vor Veröffentlichung der Aufnahme fiel, in der Trump bei laufendem Mikrofon obszöne Bemerkungen über Frauen machte und sich sexueller Übergriffe rühmte. Bei den Latinos dürfte er sich seither mit Aussagen wie jener, die kolumbianische Miss Universe, Alicia Machado, sei bestenfalls eine „Miss Putzfrau“, auch nicht beliebter gemacht haben.

Natürlich ist es denkbar, dass Trump viele frustrierte weiße Wähler der Arbeiterklasse motiviert und sein Defizit bei Frauen und Nichtweißen wettmacht. In manchen Teilstaaten, wo es besonders viele weiße Männer ohne höhere Ausbildung gibt, die sich von Globalisierung und Gesellschaftswandel überrollt fühlen, wird ihm das helfen. Ohio mit seinen industriellen Krisenzonen zum Beispiel könnte an ihn fallen.

Zu wenige verbitterte weiße Männer

Doch wahrscheinlich ist das nicht. Rund 18 Prozent der Wähler sind weiße Männer ohne Studienabschluss. Doch bei Weitem nicht alle von ihnen werden für Trump stimmen. Hingegen motiviert Trumps rüder Sexismus Frauen stark dazu, gegen ihn zu stimmen. Laut den Datenjournalisten von FiveThirtyEight hat Clinton in Meinungsumfragen den größten Vorsprung aller Präsidentschaftskandidaten seit 1972.

Die Frage ist, ob sie es schafft, ihre Anhängerinnen in ausreichend großen Zahlen zum Wählen zu bewegen. Gelingt ihr das, wären die vom Trump-Lager verspotteten Autoren der Republikaner-„Autopsie“ rehabilitiert: wenn auch nicht so, wie sie es vor vier Jahren erhofft hatten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.11.2016)