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Migration und Mozartkugel

Hajnalka Nagy und Werner Wintersteiner erforschten das „Gedächtnis der Literatur“.

Erinnern im politischen Sinn ist nicht einfach die abstrakte Wiedergabe von Vergangenem, in Österreich und Deutschland ist es ein Gebot, das sich auf eine bestimmte Epoche, nämlich auf den Nationalsozialismus, bezieht. Erinnerungsarbeit ist ohne Zweifel mühsam und unbequem. Viele Menschen sind der Überzeugung, es gäbe Bedeutsameres, als dauernd die Geschichte zu bemühen. Wer sich daher mit Erinnerungskultur beschäftigt, muss mit Abwehr rechnen.

Die Klagenfurter Didaktiker Hajnalka Nagy und Werner Wintersteiner haben sich von dieser Art Widerstand nicht abhalten lassen und mit einigen Autoren das „Gedächtnis der Literatur“ erforscht. Der transnationale Erinnerungsraum Europa ist ein umkämpftes Feld, das von heterogenen historischen Erfahrungen und konkurrierenden Geschichtsbildern bestimmt wird. Schon die Frage der Kärntner Slowenen wurde und wird von der österreichischen und zentralslowenischen Forschung wesentlich anders beantwortet. Darauf geht der Beitrag „Der Partisanenkampf im Spiegel slowenischer und deutschsprachiger Literatur“ in besonderer Weise ein. Ebenso spannend ist der Aufsatz über „1956 in der ungarischen, englischen und anderen Literaturen“, wobei das Phänomen österreichischer Hilfsbereitschaft durch einen Bericht über die filmische Aufarbeitung ergänzt wird.

Das europäische Erinnerungserzählen mündet in den Kosovo-Krieg von 1999, nicht ohne Ausblick auf einen zukünftigen europäischen Erinnerungsraum. Für den Nachspann konnte Vladimir Vertlib gewonnen werden. Sein Essay „Migration und Mozartkugel“ zeichnet das „Österreichbild von Einheimischen und Zugewanderten im Wandel“. Vertlib meint, wer nach positiven Österreich-Klischees sucht, sollte Zuwanderer befragen. Da hört er dann etwa: „Österreich ist ein zivilisiertes Land“, das „gut funktioniert“.


Nie sagen, was man denkt

Und hier bekommt das Sudern einen schalen Beigeschmack. Vergessen wir nicht oft auf unsere demokratischen Errungenschaften und unseren Wohlstand wegen irgendwelcher Kleinigkeiten? Vertlib zitiert eine Migrantin folgendermaßen: „Die Österreicher sind kultiviert, höflich und zuvorkommend, sie sagen nie, was sie wirklich denken.“ Sollte man sich wünschen zu hören, was Herr und Frau Österreicher tatsächlich denken?

Wie man mit „Erinnerungskonflikten“ umgehen soll, ist eine zentrale Frage in der Diskussion um die Identität des „neuen Europas“, eines Kontinents, der im Zweiten Weltkrieg jede Moral und jeden Wert infrage gestellt hat. Deshalb wird in einem Ausblick nach den Möglichkeiten der Herausbildung transnationaler Erinnerungskulturen gefragt, indem jene Erinnerungskämpfe in den Blick genommen werden, die heute Europas Gedächtnislandschaft prägen.

Der Aufsatz schlägt vor, Europas Gedächtnisraum als ein Diskurs- und Handlungsfeld zu verstehen, das weder als feste statische Größe noch als Kampffeld von aufeinanderprallenden Erinnerungsnarrativen aufgefasst werden sollte. Es könnte ein sich im ständigen Wandel befindender Raum des Aushandelns von Erinnerungen sein, in dem Erinnerungsgemeinschaften ihre eigenen Erzählungen europäisch neu interpretieren.

Der Band, der in einen Dialog mit literarischen und künstlerischen Werken tritt, ist ein Plädoyer für eine neue Qualität im Umgang mit europäischen Erinnerungskulturen. ■

Hajnalka Nagy, Werner Wintersteiner (Hrsg.)

Erinnern – Erzählen - Europa

Das Gedächtnis der Literatur. 318 S., brosch., € 34,90 (StudienVerlag,
Innsbruck)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.11.2016)