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Warum brüllen die denn alle so?

TOSCA
Luciano Pavarotti (hier in „Tosca“) sang nicht immer, was in den Noten steht, aber er sang überwältigend.Colette Masson / Roger Viollet / picturedesk.com
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Ja, auch Komponisten dürfen sich etwas wünschen. Etwa dass Sänger ihre Angaben ernst nehmen. Was aber, wenn pianissimo dasteht, doch ein Fortissimo mehr Effekt macht?

Ein schöner Ton, eine herrliche Phrase! Ist es nun Verdis Musik, die uns hier berührt? Oder doch eher die herrliche Stimme des Sängers? Was ist Mittel, was Zweck? Bleiben wir bei Verdi, er ist im Hinblick auf die Frage, wie genau seine Sachwalter die Angaben in den Partituren und Klavierauszügen nehmen, der meistgeplagte Einwohner des Parnass.

Keine auch noch so effektvolle, aufwühlende Aufführung seines Requiems, kein „Rigoletto“, keine „Traviata“ kommen ohne das notorische „Ja, aber“ von des Notenlesens kundigen Kommentatoren aus. So brillant da vielleicht gesungen wird, so weit entfernt sich dieser Gesang oft von dem, was in den Noten steht.

Kein Komponist schreibt beispielsweise so häufig piano, pianissimo, gar vierfaches Piano unter die Gesangsstimme, verlangt nach Dolcissimo, Diminuendo und Morendo; bei keinem werden diese Bitten um vokale Behutsamkeit und Sensibilität nahezu ebenso häufig ignoriert; und bei keinem ist dem Publikum diese Diskrepanz zwischen Komponistenwunsch und klingender Realität so herzlich egal!


Hohes B. Ein Musterbeispiel? Der Schlusston der Romanze des Radames („Aida“): Dieses hohe B möge, so Verdi, nach zwei Anläufen während der Arie im strahlenden Forte zum Abschluss im Pianissimo erklingen und, morendo, ins Nichts zurückgenommen werden. Das muss ein Tenor zuallererst ja einmal überhaupt können!

Die meisten können es nicht. In den beliebtesten Aufnahmen der „Celeste Aida“ – buchstäblich von Caruso bis Domingo – beginnt der Ton gleich fortissimo; und bricht – nicht immer friktionsfrei – jäh ab (live meist von frenetischem Applaus camoufliert).

Die Großen der Zunft im 20. Jahrhundert, ein Gigli, ein Björling, ein Bergonzi, ja selbst der bedeutende Stilist Gedda (der freilich nicht nur weiß, wie man einen solchen Ton ansetzt, sondern auch, wie man ihn ohne akustische Blessuren wieder enden lässt) umgehen Verdis Vorschrift.

Selbst ein strenger Maestro wie Arturo Toscanini, der es dem Meister sonst auf Punkt und Komma recht zu machen sucht, gesteht dem fabulösen Richard Tucker zu, das Pianissimo zu ignorieren, bringt ihn aber dazu, im Anschluss an das hohe B einen Ersatz für das Morendo zu finden: Tucker deklamiert die letzte Textphrase, „vicino al sol“, einfach eine Oktave tiefer noch einmal, über dem sanft auslaufenden Orchesternachspiel...

Erst die jüngere Sängergeneration scheint das schlechte Gewissen zu plagen: Jonas Kaufmann versucht – vielleicht nach dem raren Vorbild von Helge Rosvaenge, der seinen Radames selbstverständlich noch auf Deutsch sang – mit kräftiger Beimischung der Kopfstimme einen gehauchten Ausklang der Arie. Roberto Alagna gelingt (unter Abbado) das Nämliche sogar mit deutlich brustbetonterem Klang.


Auf halbem Weg. Dann waren da noch prägnante Erscheinungen, die ihre Stimme so beherrschten, dass sie eigene Versionen schufen, quasi auf halbem Weg zwischen der Publikumslust am strahlend markierten Spitzenton und dem dezenteren Schönheitsideal des Komponisten. Franco Corelli schafft (nicht live, aber im Studio unter Zubin Mehta) nach einem wahrlich triumphalen Anstieg auf das B ein atemberaubendes Diminuendo. Wiens Opernfreunde haben Vergleichbares aus der von Lorin Maazel dirigierten „Aida“-Premiere von Luciano Pavarotti in Erinnerung.

Das sind kostbare Momente makelloser Stimmbeherrschung, denen sich das in unvergleichlich männlichem Brust-Piano angesetzte B von Jon Vickers hinzugesellt, der sich (quasi im Umkehrschluss) ein sanftes Crescendo gönnt, den Ton so recht auszukosten.

Nicht zu vergessen der im September tragisch jung verstorbene Johan Botha: Er war als einer der ganz wenigen Vertreter seiner Zunft imstande, wirklich das zu singen, was da steht! In solchen Augenblicken kommen Werk, Wiedergabe und die Sehnsüchte des Publikums auf magische Weise zur Deckung. Man singt und lauscht getreu Verdis gern gebrauchter Vorschrift: „con entusiasmo“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2016)