Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Brabeck: "Wir wollen Wohlstand verlieren"

SWITZERLAND-MUSEUM-ECONOMY-FOOD
„Populisten wollen – ganz gleich wo sie stehen – eine Zukunft bauen, indem sie in die Vergangenheit zurückkehren“, sagt Peter Brabeck-Letmathe.APA/AFP/FABRICE COFFRINI
  • Drucken

Wo Glaubensbekenntnisse statt Fakten gelten, wächst der Populismus und sinkt der Wohlstand, sagt Nestlé-Verwaltungsratschef Peter Brabeck-Letmathe.

Es gibt viele Menschen, die der Meinung sind, dass Nestlé zu viel Macht besitzt. Stimmt das?

Peter Brabeck-Letmathe: Man kann auf dieser Welt keine große Firma sein, die von niemandem kritisiert wird. Das wäre auch falsch und undenkbar. Das wäre, als würde ein Politiker immer 100 Prozent der Stimmen erhalten. Wir würden das dann Diktatur nennen. Wir sind als Lebensmittelfirma jedoch keine Diktatur. Wir haben 1,5 Prozent Marktanteil bei Nahrungsmitteln. Wir sind ein kleiner Spieler im großen Spiel. Und da sind wir natürlich verschiedenen Meinungen ausgesetzt. Wäre dem nicht so, dann wäre ich beunruhigt.

Ein kleiner Spieler mit immerhin knapp 90 Milliarden Euro Umsatz und 340.000 Mitarbeitern. Sie gelten als größter Konsumgüterhersteller, sind der größte Kaffeehändler der Welt...

Aber es gibt doch viel größere, nehmen sie nur Cargill in den USA oder den Händler Walmart, wir sind lediglich auf der Produktionsseite das größte Unternehmen.

Als Großkonzern gehört man offenbar der dunklen Seite der Macht an.

Welcher Macht? Was bedeutet Macht? Wenn der Herr Chávez früher in Venezuela sagte: Ich will, dass ihr nicht mehr hier seid. Wer hat dann die Macht? Wenn Castro in Kuba sagte: Ihr müsst aus dem Land verschwinden. Das ist Macht!

Sie waren einige Jahre als Nestlé-Manager in Venezuela. Was empfinden Sie, wenn Sie den Zustand des Landes heute sehen?

Ich habe vier Jahre in Venezuela gelebt und habe immer noch Kontakt zu meinen Freunden dort. Venezuela ist heute ein sehr gefährliches und extrem armes Land.

Verdankt Venezuela das alles dem einst von der Linken gepriesenen Hugo Chávez?

Mann kann Chávez vieles vorwerfen, aber er wurde demokratisch gewählt. Er hat seine Macht ausgenützt, aber er wurde demokratisch wieder bestätigt. Er war offen, ehrlich und transparent. Er hat nie etwas versprochen, was er danach nicht eingehalten hat. Er hat angekündigt, einen bolivarischen Sozialismus einzuführen – und das hat er getan. Ich verteidige Hugo Chávez nicht, aber er war transparent und konsequent – was nicht bei allen Politikern der Fall ist.

Man könnte aber auch sagen, er hat konsequent sein Land zerstört.

Ja, aber das war vom Volk gewollt. Das Volk hat ihn gewählt.

Aber das Volk wollte doch nicht, dass das Land am Rand einer Hungersnot steht. Wenn die Menschen das alles gewusst hätten, hätten sie Hugo Chávez wohl nicht gewählt.

Das stimmt nicht. Ich bin davon überzeugt, dass es auch heute noch viele Menschen in Venezuela gibt, ich schätze etwa 40 Prozent der Bevölkerung, die nach all dem Trauma immer noch für die jetzige Regierung stimmen würden.

Weil es ihnen vorher auch nicht besser ging?

Es geht nicht ums Bessergehen. Es geht darum, gegen die anderen zu sein. Das genügt.

Das genügt offenbar nicht nur in Venezuela Stichwort: Brexit. Stichwort: US-Wahlkampf.

Sie können Venezuela nicht mit Europa vergleichen. Die USA sind ein gutes Beispiel.

Aber diese Irrationalität in der politischen Diskussion gibt es auch bei uns.

Weil es heute mehr um Emotionen geht und nicht um Fakten. Diese Emotionen führen zu einem Glaubensbekenntnis, das wir als Populismus bezeichnen. Chávez war einer dieser Populisten. Davon haben wir jetzt einige. Und Populisten wollen – ganz gleich, wo sie stehen – eine Zukunft bauen, indem sie in die Vergangenheit zurückkehren. Egal, ob wir nach Osten oder nach Westen schauen: Jeder Vorschlag von Populisten geht zurück in die Vergangenheit.

Weil Populisten mit den Zukunftsängsten spielen?

Chávez hat von der Bolivarischen Republik gesprochen. Weiter zurück als in die Zeit des Simon Bolivar geht in Lateinamerika ja wohl kaum. Und Donald Trump will „back to America“.

Das hieße aber, dass die Menschen nicht besser werden, wenn es ihnen besser geht. Wohlstand bedeutet demnach nicht, dass die Menschen besser miteinander umgehen – besonnener agieren, um den eigenen Wohlstand nicht zu gefährden.

Absolut! Schauen Sie doch, wie viel ein Venezolaner zu verlieren hat, wie viel ein Engländer zu verlieren hat. Und dennoch treffen sie solche Entscheidungen. In nur einem halben Jahr wurde das Geld eines Engländers um 20 Prozent weniger wert. Er merkt es, wenn er wieder seinen Spanien-Urlaub bucht, wenn er importierte Produkte kauft. Sein Vermögen ist dramatisch gesunken. Und er würde dennoch wieder für den Brexit stimmen.

Was passiert da gerade?

Wenn's dem Esel zu gut geht, geht er aufs Eis tanzen. Und derzeit gehen viele aufs Eis tanzen. Viele spielen mit dem Wohlstand.

Spielen wir auch hier in Österreich gerade mit unserem Wohlstand?

Ich erlaube mir nun etwas zu sagen: Ich bin als Österreicher beunruhigt, dass wir heute in Österreich unsere ganzen Kräfte und Ängste wie in einem Kessel beobachten und uns vor allem damit beschäftigen. Dabei verlieren wir mehr und mehr den Blick nach außen. Hier geht es ja immer nur darum, welche Partei dort und welche Partei hier. Dass sich die Welt da draußen unheimlich schnell verändert, wird kaum wahrgenommen.

Gerade im vergangenen Jahr ist sehr viel von der Welt da draußen nach Österreich gekommen.

Da werden noch mehr kommen. Aber das Flüchtlingsthema ist für mich nicht der kritische Teil. Viel dramatischer ist, dass die Wettbewerbsfähigkeit Österreichs durch diesen absoluten Stillstand, durch das gegenseitige Blockieren gebremst worden ist.

Aber viele österreichische Unternehmen sind international nach wie vor sehr erfolgreich.

Natürlich gibt es fantastisch gute Unternehmen, die immer noch erfolgreich sind. Dennoch sind wir eine Exportnation, die gegen den freien Handel ist. Wir verlieren also Wohlstand – und wir wollen ihn verlieren!

Steckbrief

Peter Brabeck-Letmathe
wurde 1944 in Villach geboren, studierte an der Hochschule für Welthandel in Wien und begann 1968 seine berufliche Karriere bei Nestlé Österreich.

1997 wurde Brabeck-Letmathe CEO des größten Konsumgüterproduzenten der Welt. Er blieb bis 2008 an der Konzernspitze. Brabeck-Letmathe ist heute Präsident des Nestlé-Verwaltungsrats.

Die Zukunft der Lebensmittelindustrie ist Thema von Brabeck-Letmethes jüngst erschienenem Buch „Ernährung für ein besseres Leben“ (Campus-Verlag). Darin begibt er sich auf „eine Reise von den Anfängen der industriellen Nahrungsmittelproduktion zur Nutrigenomik“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2016)