„Kontroversen, Kollisionen, Sieger – das ist populär“

AUTO-PRIX-F1-ENG-PRACTICE
AUTO-PRIX-F1-ENG-PRACTICEAPA/AFP/ANDREJ ISAKOVIC
  • Drucken

Die Formel 1 sucht Ecclestones Nachfolger: Toto Wolff lehnt ab. Über das Aussterben mancher Autohändler, Rohrspatzen, Teenagerpiloten, und warum seine Kindern nie Rennfahrer werden.

Sie sind irgendwie ein Weltreisender. Mexiko, Austin, Wien, jetzt sind Sie wieder in Brackley, im F1-Werk in England. Ruhe ist für Sie also tatsächlich ein Fremdwort.

Toto Wolff: Ich bin wieder einmal in England, in der Firma, ja. Hier bin ich die ganze Zeit, es ist ein 0-bis-24-Uhr-Job. Irgendwann werde ich auf diese Zeit zurückblicken und mir denken, was war das bloß für ein Blödsinn...

Aber Ihr Einsatz rentiert sich, Mercedes ist in der Formel 1 wieder allen davongefahren, liefert Motoren an vier Teams und selbst Bernie Ecclestone lobt Sie als den „besten Second-Hand-Cardealer“.

Ich nehme es natürlich als Kompliment, wenn es von ihm, einem ehemaligen Gebrauchtwagenhändler, kommt. Aber er wurde gefragt, ob ich für ihn ein potenziell guter Nachfolger wäre und er sagte: „Ja!“ Um dann gleich hinzuzufügen, dass ich ein ebensoguter Gebrauchtwagenhändler wäre wie er. In Summe habe ich aber durchaus gemischte Gefühle über diese Aussage.

Wird Ross Brawn, Schumachers ehemaliger Teamchef, der sein gleichnamiges Team 2009 mit Jenson Button zu WM-Ehren führte, der Ecclestone-Nachfolger? Der Brite hat es zwar mehrfach dementiert, er wolle doch lieber Forellen fischen und nur als Berater ab und zu vorbeischauen, aber je öfter ein Dementi, desto...

... Nein. Also ich glaube nicht, dass Ross Brawn für die Nachfolgerolle infrage kommt. Ich übrigens auch nicht. Irgendwann in der Zukunft wird es ein Management-Board geben, mit verschieden Rollen für Marketing, Sport, Events oder Technik, Vermarktung. Dieses moderne Board wird irgendwann aufgesetzt werden. Aber bis dahin bleibt Bernie Ecclestone Chief Executive Officer, und bis dahin kommt alles, was da so kolportiert wird, ausschließlich aus der Gerüchteküche.

Die Installation solch eines Boards bedeutet aber, dass gewiefte Autohändler in dieser Branche vom Aussterben bedroht sind.

Na ja. Derjenige, der dann für das Kommerzielle zuständig sein wird, könnte schon aus diesem Feld kommen...

Welche Rolle will die Liberty Group, der neue Besitzer der Formel 1, übernehmen? In welche Richtung wird investiert?

Die Formel 1 ist einer der ganz wenigen globalen Sportarten, die eine globale TV-Vermarktung haben, weltweit ein Zuschauermagnet ist – das war ganz besonders zuletzt in Mexiko oder in Austin zu sehen. Diese Grand Prix waren restlos ausverkauft. Dort ist die Formel 1 ungeheuer erfolgreich, es gibt freilich andernorts auch Schwachstellen; unbestritten. Und, wo es sicherlich Verbesserungspotenzial gibt, ist der digitale Bereich und dessen Vermarktung. Es ist zugleich eine Gratwanderung, weil du ja nicht deine Partner verärgern willst, oder dass sich die eigenen Einnahmenquellen kannibalisieren. Tradition mit Print und TV da, Zukunft mit Internet und Social Media dort. Der digitale Bereich generiert auch noch keine nennenswerten Umsätze. Damit steht die Formel 1 jedoch nicht allein da. Die National Football League versucht etwa gerade, digitalen Content zu vermarkten und tut sich unheimlich schwer damit, weil die Umsätze nur einen Bruchteil dessen abwerfen, was mit TV-Rechten geschafft wird. Aber die Liberty Group wird sich dazu etwas überlegt haben beim Kauf der Formel 1.

Also gibt es Formel 1 bald nur noch online via Livestream statt über Pay-TV?

Das weiß ich nicht, aber wenn eine TV-Anstalt die TV-Rechte kauft, bezahlt sie das X-fache von dem, was sie vom einzelnen Konsumenten zurückbekommt. Und, selbst Pay-TV hat weiterhin nur einen Bruchteil der Reichweite, die das Free-TV erreicht. Es sind vielleicht zehn Prozent, die von der Pay-Hürde erfüllt werden. Es ist schwer, die richtige Balance zu finden.

Balance ist ein gutes Stichwort: VW zog sich diese Woche aus der Rallye-WM zurück, Audi kehrt der Langstrecke und Le Mans den Rücken. Ist das ein Trend oder nur eine Reaktion auf Krisenzeiten?

Sie sprechen da den Volkswagenkonzern an, der in einer prekären Lage ist. Es war – meiner Meinung nach –, nicht sinnvoll, das doppelte Langstrecken-Engagement so fortzusetzen mit zwei Marken, Audi und Porsche. Jetzt bleibt die historisch relevante Marke im Rennen, das ist absolut schlüssig. Und der VW-Abschied aus der Rallye-WM steht sicher unter dem Aspekt der Dieselthematik. In schwierigen Zeiten hinterfragt jeder das eine oder andere Motorsportengagement. Aber ich spreche nicht für VW.

Audi wird in die Formel E wechseln, ist das auch für Mercedes eine Option?

Ja, wir haben eine Option für die Formel E unterschrieben, ab der Saison fünf, also in zwei Jahren, teilzunehmen. Ich will mich mit dieser Thematik beschäftigen, ich will sie verstehen lernen. Jetzt haben wir den Fuß in der Tür, aber im Moment sind die Bausteine DTM und Formel 1, Kundensport und Formel 3. Denen bleiben wir treu.

Mercedes dominierte auch in dieser Saison die Formel 1 nach Belieben, nur nach Ausfällen konnte die Konkurrenz Siege feiern. Wie geht das, warum?

Mit dem dritten Titelgewinn in Serie und 17 Siegen haben wir einen neuen Rekord aufgestellt. Diese Bestmarken machen Spaß, aber 2017 gibt es ein neues Reglement, mit anderen Reifen und einer neuer Aerodynamik. Wir sind also schon lang, emotional, im nächsten Jahr unterwegs. Die Gründe für unsere Performance sind 1500 Menschen, die für unsere Formel-1-Abteilung arbeiten. Da fängt alles an, und auf den Rennstrecken wird es umgesetzt. Der Zusammenhalt im Team, mit den besten Leuten, ist ausschlaggebend für den Erfolg.

Mercedes gewann die Konstrukteurs-WM, der neue Fahrer-Champion, egal ob Rosberg oder Hamilton, fährt für Ihr Team. Sie beliefern Manor, Force India oder Williams mit Motoren. Warum hält Niki Lauda dann die neue Formel 1 für peinlich?

Ich weiß nicht, woher diese Aussage kommt. Die Formel 1 ist die stärkste Motorsportplattform der Welt, sie behauptet sich bei allen Kennzahlen im TV, bei Zuschauern. Sie ist das Thema, mit Kontroversen, Rivalitäten und Siegern. Ich finde sie nicht peinlich.

Sind Teenagerpiloten wie Max Verstappen tatsächlich die Charaktere, auf die die PS-Branche so sehnsüchtig gewartet hat? Dient er mit seinem rüden Fahrstil und den Ärgernissen, die er damit liefert, auch als Vorbild im Straßenverkehr?

Der Junge ist erfrischend. Er ist brutal in seiner Fahrweise, ja, er polarisiert. Wir wollen alles sein, nur nicht langweilig. Er kommt in einer Zeit, in der es an Charakteren mangelt. Solche Typen verlangt man doch! Oder Sebastian Vettel, der plötzlich wie ein Rohrspatz schimpft. Dazu Kontroversen, Kollisionen. Das hat Unterhaltungswert und trägt zur Popularität bei.

Endet denn die Mercedes-Kontroverse schon am nächsten Sonntag in São Paulo?

Von der Wahrscheinlichkeit her spricht alles für Nico Rosberg, er hat in der WM 19 Punkte Vorsprung. Selbst bei einem Totalausfall in Brasilien hätte er noch die Möglichkeit, in Abu Dhabi alles klarzumachen. Insofern spricht es derzeit für ihn. Doch in der Formel 1 ist das alles wertlos, wenn du einen Unfall hast und ausscheidest, dann hast du null Punkte. Ich traue mich da keine Prognosen abzugeben.

Würde Nico Rosberg den Titel gewinnen, erweitert sich die Vater-Sohn-Episode um ein Kapitel. Keke Rosberg gewann 1982 die WM, davor gelang das nur Graham (1962, 1968) und Damon Hill (1996). Erfüllt Sie so etwas auch mit Stolz?

Zum einen macht es mich stolz, Rosbergs Entwicklung als Mensch und Rennfahrer mitverfolgt zu haben. Er hat mit Sicherheit den stärksten Teamkollegen, den man haben kann. Daran habe ich keinen Zweifel. Lewis Hamilton ist ein Großer des Motorsports. Heuer hatte Rosberg aber auch das Glück des Tüchtigen, er hat sich seinen Erfolg redlich erarbeitet. Die Vater-Sohn-Geschichte wäre natürlich toll.

Sie haben doch auch Kinder. Würden Sie bei ihnen eine Karriere als Rennfahrer begrüßen und auch unterstützen?

Als Vater habe ich generell keine Freude damit, wenn meine Kinder einen Risikosport betreiben. Daher stellt sich die Frage für mich nicht. Es gibt viele andere Sportarten, die auch Spaß machen. Fußball, Tennis – Rennfahren hat da für mich nicht erste Priorität.

Steckbrief

1972
wird Toto Wolff in Wien geboren. Er wird Investor, Rennfahrer, und ist seit 2011, zuerst bei Williams, seit 2013 bei Merceds, in der Formel 1 unterwegs.

30 Prozent
des Mercedes-GP-Teams gehören Wolff, der auch als Motorsportchef agiert.

Häkkinen-Partner
Wolff ist Ko-Eigentümer einer Sportmanagementgesellschaft mit Mika Häkkinen und Didier Coton, die das Management von Rennfahrern wie Valtteri Bottas übernimmt.

Privat
Der Wiener ist mit
der ehemaligen Rennfahrerin Susie Stoddart verheiratet, sie erwarten ihr erstes gemeinsames Kind.

?Katharina Roßboth

Mercedes-Finale

São Paulo oder Abu Dhabi
Nico Rosberg kann nächsten Sonntag in Brasilien Weltmeister werden, wenn er gewinnt. Der Sieger von neun Rennen 2016 hat 19 Punkte Vorsprung auf Lewis Hamilton.
Das Mercedes-Team ist zum dritten Mal in Folge Konstrukteurs-Champion.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2016)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.