Donald Trumps perfides Spiel mit der Demokratie

Mission impossible: Schlechte Vorzeichen für den 45. US-Präsidenten. Der Wahlkampf hat die Polarisierung weiter vorangetrieben. Die Welt bangt mit.

Nichts sehnen die US-Amerikaner derzeit mehr herbei, und selbst den Satirikern sind die Witze inzwischen vergangen: In knapp 48 Stunden sollte der Sieger der übelsten, bizarrsten und zugleich wichtigsten Wahlkampagne in der jüngeren US-Geschichte feststehen. Und alle Welt – mit Ausnahme von Autokraten à la Putin oder Orbán – hofft und geht davon aus, dass es eine Siegerin sein wird. Alles andere wäre eine Sensation mit gefährlichen Implikationen für die internationale Politik. Eine Figur wie Rodrigo Duterte im Weißen Haus, ein Narziss und erratischer Machopolitiker wie der philippinische Präsident, der vom Impuls getrieben ist, nicht vom Intellekt, würde die Welt in ein heilloses und womöglich unheilvolles Abenteuer stürzen.

Dabei sind in Krisenzeiten – und wann gäbe es die nicht? – Weitsicht, Erfahrung, Expertise, Berechenbarkeit und Diplomatie gefragt. Eigenschaften also, die Donald Trump komplett abgehen. Panikmache hin oder her: Hillary Clintons halb scherzhaftes Mantra – „Nur ich stehe noch zwischen euch und der Apokalypse“ – hat vor dem Hintergrund eines Nuklearkonflikts einen realen Resonanzboden.

Im Wahlkampffinale deuten die allermeisten Umfragen auf einen – wenngleich wenig souveränen – Wahlsieg Clintons, die noch einmal alles aufbietet, was in der Pop- und Sportwelt Rang und Namen hat: von Beyoncé über Basketball-Superstar LeBron James bis zu den Obamas. Sicher ist ihre Wahl indes nicht, angesichts der volatilen Stimmungslage in den USA, der Protesthaltung in großen Teilen der Bevölkerung und der Ressentiments gegen das Establishment. Und unangefochten, so ist zu befürchten, wird ein solcher Wahlsieg wohl auch nicht bleiben. Derlei Phänomene sind Europa ja beileibe nicht fremd.

Dass Trump allerdings schon vor Wochen im letzten TV-Duell unverhohlen damit gedroht hat, eine Niederlage nicht anzuerkennen; dass er längst mit dem Vorwurf der Wahlmanipulation hausieren geht und seine Anhänger dazu aufruft, Wahllokale quasi unter besondere Aufsicht zu stellen; dass er sie aufhetzt, die „Betrügerin Hillary“ ins Gefängnis zu sperren und ihr ein Amtsenthebungsverfahren an den Hals wünscht; dass er ein Klima geschaffen hat, in dem rechte Bürgerwehren und Waffennarren für einen Marsch auf Washington Gewehr bei Fuß stehen – das hat eine neue Dimension. Es höhlt die demokratischen Traditionen aus, auf die sich die USA so viel zugutehalten. Und es sind ganz schlechte Vorzeichen für den 45. Präsidenten. Dass dies erstmals eine Frau sein könnte, geht dabei völlig unter.

Donald Trump treibt ein perfides Spiel. Es hat ihm das Attribut eines Populisten eingetragen, mitunter auch den Ruf eines Faschisten modernen Typus – in jedem Fall aber das Image des „hässlichen Amerikaners“, eines Sexisten und Rassisten, für den sich viele Landsleute zutiefst genieren. Es ist geradezu paradox, dass der New Yorker Immobilienmogul, der sich obendrein brüstet, in den vergangenen 20 Jahren wegen diverser Schlupflöcher keine Steuern bezahlt zu haben, zur Galionsfigur der Arbeiterklasse und der unteren Mittelschicht aufgestiegen ist.

Unleugbar ist, dass sich in den USA – mehr als anderswo im Westen – eine enorme Kluft zwischen Siegern und Verlieren der Globalisierung aufgetan hat. In ihrem Hass auf die Eliten und auf deren Symbolfigur Hillary Clinton, für den die Parole „Anything but Clinton“ prototypisch steht, klammern sich die „Erbarmungswürdigen“ – so die Diktion Clintons – an jede noch so kleine Hoffnung. Und sei es ein tumber Selbstdarsteller, der das Blaue vom Himmel verspricht, dabei aber nur sein Ego aufplustert.

Vor acht Jahren ist Barack Obama angetreten, die Differenzen zwischen Schwarz und Weiß, zwischen dem roten, republikanischen, und dem blauen, demokratischen, Amerika zu überwinden. Dies ist kläglich fehlgeschlagen, und es ist gewiss nicht allein Obamas Schuld. Die Polarisierung ist größer denn je, das rote Herzland und die blauen Küstenstreifen driften immer weiter auseinander. Es wäre für jeden Präsidenten eine Mission impossible, die Gräben zu überbrücken – umso mehr für die beiden Kandidaten. Das ist aus US-Sicht das Verstörende an dieser Wahl.

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