Wien steuert auf Ärztemangel zu

2030 werden zwischen 3000 und 4000 Ärzte fehlen. Vier von zehn Absolventen eines Medizinstudiums gehen ins Ausland – zumeist nach Deutschland oder in die Schweiz.

Wien. Der bereits bestehende Ärztemangel in Wien droht sich dramatisch zu verschärfen. Im Jahr 2030 werden zwischen 3000 und 4000 praktische und Fachärzte fehlen. Zu diesem Schluss kommt der Leiter des Forschungsinstituts für Freie Berufe der Wirtschaftsuniversität Wien, Leo Chini. Seine von der Ärztekammer in Auftrag gegebene Studie zur demografischen Entwicklung und zum Versorgungsbedarf in Wien wurde am Montag bei einer Pressekonferenz präsentiert.

„Vergleicht man die Anzahl der Wiener Kassenärzte in Relation zu den anspruchsberechtigten Personen (Patienten, Anm.) der Wiener Gebietskrankenkasse, wird klar ersichtlich, dass immer weniger Ärzte für immer mehr Patienten zuständig sind“, sagt Chini. „Die Zahl der Anspruchsberechtigten ist zwischen 2005 und 2015 um 14 Prozent gestiegen, während die Zahl der Vertragsärzte für Allgemeinmedizin um zwölf Prozent und jene der Fachärzte mit Kassenvertrag um drei Prozent gesunken ist.“

Eine Entspannung der Lage sei nicht in Sicht, im Gegenteil: „Bereits im Jahr 2025 kommen auf einen Allgemeinmediziner 3338 Patienten und auf einen Facharzt 2914 Patienten. Das müssen die Verantwortlichen in der Politik akzeptieren und darauf reagieren.“ Auch für die Ärztekammer ist die Entwicklung eindeutig. „Mehr als 60 Prozent der Kassenärzte werden in den kommenden zehn Jahren das Pensionsalter erreichen. Derzeit sind österreichweit mehr als 70 Kassenordinationen unbesetzt“, sagt Kammervizepräsident Johannes Steinhart. Besonders dramatisch sei die Situation in Wien. Denn geht man von einem Pensionsantritt mit 67 Jahren aus, gibt es von den derzeit 730 Hausärzten in Wien im Jahr 2030 wegen des fehlenden Nachwuchses nur noch 190 Hausärzte mit einem Kassenvertrag.

Bei der Wiener Gebietskrankenkasse hingegen zeigt man sich zuversichtlich, die durch Pensionierungen frei werdenden Stellen mit jungen Ärzten nachzubesetzen. Es gebe nach wie vor „breites Interesse“ an Kassenverträgen. Hinzu komme, dass Ärzte mit den neuen Verträgen mehr Zeit für ihre Patienten hätten. Seit 2004 liegen die Mindestöffnungszeiten für Ordinationen bei 20 Stunden – statt wie früher zwischen zehn und 15 Stunden. Außerdem dürften niedergelassene Ärzte arbeiten, bis sie 70 sind – was viele auch tun würden.

 

„Falsche Zahlen der OECD“

Das Phänomen Ärzteknappheit sei nicht typisch für Österreich, sondern ein europaweiter Trend, sagt Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres. Doch statt Maßnahmen dagegen zu setzen, argumentiere die Politik mit falschen Zahlen der OECD, wonach Österreich die zweithöchste Ärztedichte Europas habe (siehe Grafik). In Österreich kämen demnach 5,05 Ärzte auf 1000 Einwohner. Doch bleibe unerwähnt, dass Österreich auch Ärzte in Ausbildung mitrechnet, anders als die meisten anderen OECD-Staaten wie etwa Belgien. Rechnet man die Turnusärzte nicht mit und vergleicht die Zahl der ausgebildeten Ärzte, ergibt sich tatsächlich ein anderes Bild. Dann kommen 4,32 Ärzte auf 1000 Einwohner – und Österreich liegt auf Platz 13. „Bei fertig ausgebildeten Ärzten liegen wir nur im Mittelfeld“, sagt Chini. Trotz dieser Entwicklung bleibe Österreich „ein Exportland von Medizinern“: 3000 in Österreich ausgebildete Ärzte arbeiten in Deutschland und in der Schweiz. Vier von zehn Absolventen gehen ins Ausland. Umgekehrt sind nur vier Prozent der hierzulande arbeitenden Ärzte Ausländer. „Die Zahl derer, die in Österreich arbeiten werden, wird künftig wesentlich niedriger sein als 2004, und das bei einer seither um fast eine halbe Million Menschen gewachsenen Bevölkerung“, sagt Chini und rät der Bevölkerung angesichts dieser Zahlen: „Bleiben Sie lieber gesund.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2016)