Clinton und Trump reisten noch einmal kreuz und quer durch die Swing States. Die 69-Jährige und der 70-Jährige kämpften bis zur Erschöpfung um den Sieg. Trump muss am Ende ohne Twitter auskommen.
Wien/Philadelphia. Hillary Clinton muss ein Stein von der Größe eines Felsbrockens vom Herzen gefallen sein, als FBI-Chef James Comey den Beschluss bekannt gab, die Ermittlungen gegen die Ex-Außenministerin in der E-Mail-Affäre fallen zu lassen. Sie ließ sich zunächst nichts anmerken und wollte anfangs auch mit keinem Wort die Causa kommentieren, die sie zuletzt noch Sympathien gekostet hatte. Womöglich war sie auch zu heiser und zu erschöpft vom hektischen Wahlkampffinale, dass sie ihre letzten Reserven für ihre Schlusskundgebungen aufsparte.
In Philadelphia sollte sie – so das Drehbuch für das Wahlkampffinish – in der Nacht zum Dienstag in eine jubelnde Menge eintauchen, gemeinsam mit ihrer Familie, mit Bill und Chelsea Clinton, und mit Barack und Michelle Obama, die am Ende mit Feuereifer und flammenden Appellen für die Kandidatin eingetreten waren. Bruce Springsteen, der „Boss“ und eine Galionsfigur der Arbeiterklasse, sollte die Clinton-Anhänger auf den Wahltag – und einen Triumph – einstimmen.
Mehr als 40 Millionen Amerikaner hatten schon vor dem heutigen Wahltag ihre Stimme abgegeben, und die Tendenz des „Early Voting“ hob die Stimmung im Clinton-Lager. Der Anteil der afroamerikanischen Wähler – einer Stammklientel – ist zwar gesunken, jener der Frauen und der Latinos jedoch gestiegen. Die beiden Wählergruppen, entscheidender Faktor für den Sieg der demokratischen Kandidatin, waren offenbar besonders motiviert, frühzeitig zur Wahl zu gehen.
Kundgebung noch um Mitternacht
Sämtliche Umfragen prognostizierten Clinton einen Wahlsieg. Die Perfektionistin wollte sich indessen nichts vorwerfen lassen. Und so setzte sie Montag, Schlag Mitternacht, als in im Dorf Dixville Notch in New Hampshire traditionell das erste Wahllokal aufsperrte, einen Auftritt in Raleigh an, der Hauptstadt North Carolinas. Sie wollte ihren Vorsprung in dem umkämpften Bundesstaat absichern, der ihr die Mehrheit und den Sprung über die Marge von 270 Wahlmännern einbringen sollte. Wie eine Präsidentin in spe sprach sie bereits von nationaler Aussöhnung.
Beide Kandidaten absolvierten in den letzten 96 Stunden des Wahlkampfs, den ein Abgeordneter aus Wisconsin entnervt als „Trash-Wahl“ bezeichnete, Zigtausende Meilen, Flüge kreuz und quer durch den Kontinent und Kurzauftritte in den Swing States von Iowa bis Florida. Im Trump-Camp machte sich zunehmend Nervosität breit, was den New Yorker Immobilienmagnaten indessen nicht anfocht. Für den Wahltag gab er die Parole aus: „Wir werden gewinnen.“
Doch sein Selbstbewusstsein war angeschlagen, und so zeterte er neuerlich über das „manipulierte“ System. In einem hektischen Manöver versuchte er, vermeintlich sichere „blaue“ Bundesstaaten, die Clinton in der Tasche zu haben glaubte, umzudrehen. Er flog nach Michigan, Minnesota und Pennsylvania in den „Rust Belt“, nach New Hampshire und schließlich nach North Carolina und Florida. Seine Mitarbeiter knöpften ihm derweil das Handy ab, um womöglich schädigende Tweets in letzter Minute zu verhindern. Obama ätzte: „Wenn jemand nicht mit einem Twitter-Account umgehen kann, kann er dies auch nicht mit dem Atomcode.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2016)