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Interview

Olga Tokarczuk: „Polen träumen von Märchen und Legenden“

Olga Tokarczuk (* 1962) zählt zu den wichtigsten polnischen Autorinnen der Gegenwart. Mit dem Roman „Ur und andere Zeiten“ (1996) wurde sie auch im deutschsprachigen Raum bekannt.
Olga Tokarczuk (* 1962) zählt zu den wichtigsten polnischen Autorinnen der Gegenwart. Mit dem Roman „Ur und andere Zeiten“ (1996) wurde sie auch im deutschsprachigen Raum bekannt.(c) Imago/ZUMA Press
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Aus dem Archiv: Die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk ging in einem Gespräch 2016  mit der nationalkonservativen Regierung ihres Landes hart ins Gericht und kritisiert deren Geschichtsversessenheit.

Die Presse: In Ihrem 2014 erschienenen Roman „Księgi Jakubowe“ (der 2015 mit dem Literaturpreis Nike ausgezeichnet wurde, Anm.) beschreiben Sie Polen-Litauen als einen multikonfessionellen Vielvölkerstaat. Das heutige Polen ist von dieser ethnischen, religiösen und sprachlichen Vielfalt Lichtjahre entfernt, es fürchtet sich vor Ausländern und Moslems. Warum fällt es so schwer, an die Vergangenheit der Adelsrepublik anzuknüpfen?

Olga Tokarczuk: Noch vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs gehörte jeder dritte Pole einer Minderheit an. Nach 1945 fand sich Polen mit nach Westen verschobenen Landesgrenzen und einer dezimierten Bevölkerung wieder. Der multiethnische Ostteil des Landes war verloren. Die Brutalität des Krieges und die ethnischen Säuberungen, zu denen es im Windschatten des großen Konflikts gekommen war, haben dazu geführt, dass die neuen kommunistischen Machthaber der Versuchung erlegen sind, Polens Sprache und Kultur zu homogenisieren. In den vergangenen Jahrzehnten sind die polnischen Dialekte so gut wie ausgestorben, die innerpolnische Migration tat ihr Übriges. Die Suche nach kulturellen und ethnischen Differenzen war zu Zeiten der Volksrepublik nicht gern gesehen.


Warum ist in der polnischen Politik so oft von Geschichte die Rede? Man gewinnt fast den Eindruck, die amtierende Regierung würde sie als Waffe einsetzen – sowohl gegen die Opposition im Inland als auch gegen die europäischen Nachbarn.

Die Geschichte fasziniert die Polen viel mehr als andere Völker. Man könnte meinen, sie seien von ihr besessen. Die heutigen historischen Bezüge haben aber mit etwas anderem zu tun: mit der populistisch ausgeschlachteten Überzeugung, die Vergangenheit sei bisher verfälscht worden und müsse nun ins rechte Licht gerückt werden. Demnach sind wir Polen stets Opfer von Verschwörungen, die es aufzuklären gilt.


Ist es eine Art Abwehrreflex?

Nicht nur. Den Populisten dient die Geschichte auch als gesellschaftlicher Kitt. Man gedenkt der Schlachten, an denen Polen beteiligt waren, der vielen tapferen Ritter und frommen Patrioten. Es ist ein Narrativ, das weder modern noch realistisch ist, aber in unsicheren Zeiten Trost spenden soll. Die Polen sind eingelullt worden, und nun träumen sie diese Mischung aus Märchen, Legenden und frommen Wünschen.


Das sind aber keine friedlichen Märchen.

Ständig ist von Blut die Rede: vom polnischen Blut, vergossenem Blut, Blut der Helden. Als Staatspräsident Andrzej Duda in Budapest des Aufstandes von 1956 gedachte, erinnerte er daran, dass damals viele Polen Blut für die Verletzten in Ungarn spendeten. Eine an sich sehr löbliche Tat. Doch aus diesem historischen Detail entwickelte Duda eine bizarre Erzählung, wonach das polnische Blut, das in die Blutkreisläufe der ungarischen Widerstandskämpfer gepumpt worden war, auf die Banner der Unabhängigkeit abgefärbt hatte. All dieses Gerede von blutbefleckten Standarten ist beunruhigend, wird aber offensichtlich von den Wählern der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit goutiert. De facto handelt es sich dabei um magisches Denken – eine Rückkehr in kindliche Vorstellungswelten, in denen kein Platz ist für Fremde. Und übrigens auch nicht für Frauen. Ihr Platz ist nämlich daheim, bei den Kindern.


Teilt die Bevölkerung den Wunsch der Regierung nach der Rückkehr in die Vergangenheit?

Die Gesellschaft scheint zweigeteilt. Es ist so, als ob wir zwei unterschiedliche Sprachen sprechen würden. Es gibt nicht einmal ein elementares Verständnis, das Lagerdenken verfestigt sich, es findet immer weniger Meinungsaustausch statt. Und zugleich wird die Privatsphäre politisiert – Bettgeschichten inklusive. Was mich mit Zuversicht erfüllt, ist die Tatsache, dass im Zuge der Massendemonstrationen gegen das neue Abtreibungsgesetz (das aufgrund der Proteste ad acta gelegt wurde, Anm.) eine neue Generation politisch und staatsbürgerlich sozialisiert wurde.


Populisten sind auch anderswo in Europa auf dem Vormarsch. Ist der Populismus à la polonaise einzigartig oder gibt es Gemeinsamkeiten?

Der polnische Populismus knüpft an alte national-katholische Traditionen an, mit antisemitischen und teilweise antiwestlichen Untertönen. Demnach erfüllt der Katholizismus die Rolle des nationalen Bollwerks, der Kapitalismus muss ebenso national ausgerichtet sein, und die Linke ist eine Bedrohung für die Einheit des Volkes. Dieses ideologische Konstrukt gibt es seit 150 Jahren, es hat den Kommunismus überdauert, und nun tritt es ans Tageslicht wie ein Zombie, der nicht in der Lage ist, zu erkennen, dass sich in der Zwischenzeit nicht nur Polen, sondern das gesamte Europa grundlegend verändert hat.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2016)