Gegen die derzeit stattfindende „Grundsteinlegung“ für die nächste Finanzkrise gibt es ein simples Rezept: Bilanzwahrheit und ein Ende des Universalbankprinzips.
Der Ex-Generaldirektor der gegen die Wand gefahrenen Kommunalkredit AG, Reinhard Platzer, dem nun Bilanzfälschung vorgeworfen wird, versteht die Welt nicht mehr: „Alle bilanzieren so“, sagte er kürzlich in einem Interview.
„Da hat er recht“, meint der Wiener Wirtschaftsprüfer Günther Robol. Und: „Bawag, Hypo Alpe Adria und Bank Burgenland waren nur zu früh dran.“ Soll heißen: Ihr danebengegangener Versuch, Verluste zu verstecken und die Sache dann über Jahre hinweg ohne großes Aufsehen mit künftigen Gewinnen zu planieren, ist unterdessen weltweit „common sense“ in der Finanzwirtschaft. Mittels lockerer Bilanzregeln wird es den Instituten ermöglicht, durch die Krise „durchzutauchen“.
Mit einem sehr bedenklichen Effekt: Weltweit nehmen die großen Player Staatsgeld, weisen Gewinne aus, wo keine sind – und spielen im Kasino weiter, als ob nichts gewesen wäre. Anstatt ihre Bilanzen zu sanieren und über Geschäftsmodelle nachzudenken, die nicht von Anfang an den Keim zur nächsten Weltkrise in sich tragen.
Derzeit existiert ja die paradoxe Situation, dass das Bankensystem der Industriesstaaten technisch de facto insolvent ist, aber trotzdem schon wieder Milliardengewinne ausweist. Wie das möglich ist, zeigt ein kleines Schlaglicht auf die Bilanzierung in Österreich (ohne Namensnennung, weil das, wie gesagt, alle so praktizieren):
•Abschreibungen von Assets und Währungsverlusten können ganz legal direkt gegen das Eigenkapital verbucht werden und kommen so in der Gewinn-und-Verlust-Rechnung nicht vor. Ein österreichisches Institut hat auf diese Art im Vorjahr eine Milliarde Gewinn ausgewiesen und eine hohe Dividende ausgeschüttet – bei sinkendem Eigenkapital. Wären diese Abschreibungen in die Gewinn-und-Verlust-Rechnung eingeflossen, wäre dort ein Verlust gestanden.
•„Goodwill“ (de facto die „Überzahlung“ bei Firmenkäufen) muss nicht mehr abgeschrieben werden. Womit manche Ost-Beteiligungen mit völlig überhöhten Werten in den Bilanzen stehen.
•Dafür dürfen selbst ausgegebene Anleihen (die am Ende der Laufzeit zu 100 Prozent bedient werden müssen) mit dem derzeit stark verminderten Marktwert in die Bilanz genommen werden – was die Schuldensituation des Instituts stark schönt.
Viele weitere solcher ganz legaler Tricks sorgen dafür, dass eine Branche, deren Lage in Wirklichkeit immer noch dramatisch ist, nach außen Gewinne vorweist. Wirtschaftsprüfer Robol meint etwa, dass ein „ordentlicher Kaufmann“ für das Ostobligo der österreichischen Banken zehn Prozent, also 30 Mrd. Euro, an Kreditvorsorgen bilden müsste. In der Praxis ist es nicht einmal die Hälfte.
Die Taktik des Verschleierns und Durchtauchens wird den Instituten unter anderem deshalb ermöglicht, um einen Zusammenbruch des Bankensystems zu verhindern. Dass das notwendig ist, bezweifeln Experten freilich: Die Bilanzen ließen sich ohne Gefährdung der Spareinlagen sanieren, würde man die Entwertung der Aktiva mit dem Kapital der Risikoanleger (Aktionäre, Zeichner von Wandelanleihen et cetera) gegenrechnen. Was auch logisch ist: Risikokapitalgeber sind im Gegensatz zu Sparern ja bereit, Risiko gegen höhere Renditen in Kauf zu nehmen.
Bevor es jetzt ideologisch wird: Das ist keine Idee von Jung-Linken. Gerade erst vor ein paar Tagen hat der als „neoliberal“ verschriene deutsche Wirtschaftsforscher Hans-Werner Sinn gemeint, man müsse „die Banken retten, nicht die Aktionäre“.
Und wenn man schon dabei ist, dann könnte man gleich das Universalbankenprinzip, das die Hauptschuld an der Bankenblase trägt, zerschlagen. Die (unterdessen aufgehobene) angelsächsische Teilung in Geschäfts- und Investmentbanken hat schon Sinn gehabt: Sie garantiert, dass riskante Geschäfte nur mit Risikokapital gemacht werden können (und Kleinsparer nicht ohnmächtig zusehen müssen, wie ihr Geld in den Osten zocken geht). Und sie würde das Geschäftsvolumen der Banken vernünftig begrenzen. Derzeit beträgt etwa die Bilanzsumme der österreichischen Institute mehr als das Dreifache des Bruttoinlandsprodukts. Und das ist, wie man sieht, ziemlich ungesund.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2009)