Warum Donald Trump alle überraschte

Kommentar Der Hass gegen die Elite in Washington war offenbar stärker als der Widerwillen gegen Trumps geschmacklose Tabubrüche. Sein Sieg wird nicht nur Amerika verändern, sondern auch die Welt.

Die USA waren reif für einen politischen Wechsel an der Staatsspitze. In Umfragen gaben 60 Prozent der Amerikaner an, mit der Entwicklung ihres Landes unzufrieden zu sein. Dennoch schien es außerhalb der Vorstellungskraft der meisten Experten, dass dieser starke Wunsch nach einem Wandel einen Mann ins Weiße Haus tragen könnte, der in diesem langen und derben Wahlkampf so ziemlich alle Schamgrenzen des Anstands mehrfach unterschritten hat. Donald Trump hat mit seinen provokanten Äußerungen nicht nur wiederholt seine politischen Gegner unter der Gürtellinie angegriffen, sondern auch ganze Bevölkerungsgruppen beleidigt: Er verunglimpfte Mexikaner pauschal als Vergewaltiger, schlug ein Einreiseverbot für Muslime vor und brüstete sich wiederholt mit seinem frauenfeindlichen Macho-Verhalten. Trotzdem fand Trump eine Mehrheit, sogar 40 Prozent der Frauen stimmten für ihn.

Diese Wahl war ein krachendes Votum gegen die herrschende Elite in Washington und gegen die politische Korrektheit. Die Ablehnung gegen „die da oben“ wog schwerer als die Abscheu gegen die geschmacklosen Rundumschläge Trumps, die offenbar bei gar nicht so wenigen Amerikanern Gefallen fanden. Der Multimillionär fuhr einen überraschenden Sieg ein, weil er sich erfolgreich als Outsider und Anti-Politiker in Szene gesetzt hatte. Ein Schlüssel zu seinem Erfolg lag in seiner einfachen und oft auch ordinären Sprache, die einige zutiefst anwiderte, aber offenbar mindestens ebenso viele anzog, vor allem die ältere weiße Mittel- und Unterschicht. Trump verwendete keine typischen Politiker-Floskeln, sondern bediente enthemmt Ressentiments.

Seine Gegnerin, die vermeintliche Favoritin Hillary Clinton, verkörperte hingegen das verhasste Establishment. Am Ende war diese Wahl auch ein Referendum gegen sie. Das ist tragisch. Denn die US-Demokratin hätte zweifellos die Erfahrung und nötigen Fähigkeiten für das höchste Amt im Staat mitgebracht. Sie scheiterte in dieser aufgewühlten Stimmung letztlich paradoxerweise an ihrer kalten Professionalität. Offenbar gelang es ihr nicht, die Wähler aus dem Lager der US-Demokraten in ausreichendem Maß zu mobilisieren. Etliche skeptische Republikaner, vor allem weibliche, überwanden indes offenbar in letzter Minute ihren Widerwillen gegen Trump und wählten im Zweifel für ihn. Das ist erstaunlich, zumal etliche republikanische Spitzenvertreter offen davon abgeraten hatten, für einen verantwortungslosen Populisten wie ihn zu stimmen.  Doch auch diese Warner aus der eigenen Partei begriff Trumps wütende Anhängerschaft als Teil einer Elite, die hinweggefegt werden muss.

Ein Land, gespalten wie nie

Die USA sind gepalten wie nie. In zwei Paralleluniversen, die keine Berührungspunkte haben. Trump scharte das weiße, ländliche Amerika hinter sich. Die urbanen, gebildeten Schichten stehen seinem Erfolg fassungslos gegenüber. Ein Phänomen, das Europäern spätestens seit dem britischen Votum für einen Ausstieg aus der EU geläufig ist.

Für den Westen ist Trumps Erfolg nach dem Brexit der zweite Schock binnen kürzester Zeit. Es ist da etwas unwiderruflich in Bewegung geraten. Die Globalisierung, die weltweit Hunderte Millionen Menschen aus der Armut gehoben hat, ist an ihre politischen Grenzen gestoßen, weil eben nicht alle in gleichem Ausmaß davon profitieren. Es ist ein Aufstand gegen ökonomische Veränderung in Gang, die für viele zu schnell vonstatten ging. Am Ende dieses Prozesses könnte sich die liberale Weltordnung, wie wir sie kennen, auflösen. Trump hat bereits angekündigt, Freihandelsabkommen stoppen oder neu aushandeln zu wollen. Die Welt driftet in eine protektionistische Ära, in der wieder Handelsschranken hochgezogen werden.

Trump will Amerika wieder groß machen. Doch die Vereinigten Staaten gehen geschwächt aus dieser Wahl hervor, zumindest außenpolitisch. Das neue US-Staatsoberhaupt stellt, zum jetzigen Zeitpunkt, keine überzeugende Führungsfigur für den Westen dar. Aus Europa schlägt ihm, vor allem auf Regierungsebene, mehr Widerwillen entgegen als jedem seiner Vorgänger. Wer in Europa soll einem Mann wie ihm folgen? Jemanden, der sogar offen in Frage stellte, dass die USA künftig Nato-Bündnispartner im Falle eines Angriffs beistehen, wenn sie nicht genug Mitgliedsbeiträge gezahlt haben? Außer Ungarns Premier Viktor Orbán und rechtspopulistischen Parteien wie Marine Le Pens „Front National“ freut sich in Europa niemand über Trumps Sieg. In Moskau und Peking hingegen wird man zufrieden sein.