Der Anspruch der politisch Korrekten auf Deutungshoheit

Aus Hannah Arendts stolzem „Denken ohne Geländer“ ist ein angepasstes „Denken im Käfig“ geworden, in dem die Wahrheit erbärmlich verendet.

Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittag eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: „Ich suche die Wahrheit! Ich suche die Wahrheit!“ Da dort gerade viele von denen zusammenstanden, denen die Wahrheit schon lang entglitt, erregte er ein großes Gelächter. „Ist sie denn verloren gegangen?“, sagte der eine. „Hat sie sich verlaufen wie ein Kind?“, sagte der andere. „Oder hält sie sich versteckt? Fürchtet sie sich vor uns? Ist sie zu Schiff gegangen? Ausgewandert?“ – so schrien und lachten sie durcheinander.

Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. „Wohin ist die Wahrheit?“, rief er. „Ich will es euch sagen! Wir haben sie getötet – ihr und ich! Wir sind ihre Mörder! Aber wie haben wir das gemacht? Wie vermochten wir, das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun?

Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittag angezündet werden? Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche die Wahrheit begraben? Riechen wir noch nichts von ihrer Verwesung? Die Wahrheit ist tot! Die Wahrheit bleibt tot! Und wir haben sie getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?“

Nietzsches Geschichte vom tollen Menschen ist hier paraphrasiert, bloß der Begriff „Gott“ wurde durch „die Wahrheit“ ersetzt – und sie klingt prophetisch: Wie zu Nietzsches Zeiten Gott, so ist uns heute die Wahrheit verloren gegangen. „Wir holen sie uns von der Wissenschaft zurück“, wird gutgläubig eingewendet. Aber bei den Fragen, die manifest unser Dasein betreffen, versagt diese schmählich. Erkundigt man sich bei drei Experten, vernimmt man fünf Meinungen.

„Wir beschreiben einfach, was der Fall ist“, meinen Arglose entgegenhalten zu können. Aber sie irren, weil ihnen nicht bewusst ist, dass die Sprache inzwischen so geknebelt wurde, dass sie dem, was der Fall ist, nicht mehr gerecht werden kann. Schleichend langsam, fast unscheinbar, dafür umso wirkmächtiger erdrosselten jene, die die Deutungshoheit, die subtilste Form von Macht, für sich beanspruchen, das freie Wort. Erstaunt bemerken diejenigen, die sich ihren Sprachschatz im Inneren bewahren, wie zum Beispiel jenen Verachtung entgegenschlägt, die eine „rechte“ Position einnehmen.

Wie es die politisch Korrekten zwar tunlichst vermeiden, vom Wahren zu schwärmen – dieses wurde ja dekonstruiert –, doch dafür das Etikett „links“ überall dort aufkleben, wo sie es als dessen Ersatz erachten. Weil es jenen, die die Deutungshoheit beanspruchen, Vorteile bringt. „Lieber schweinegeil als lammfromm“ brüllen einen gekreuzigten Plastikfrosch wedelnde „Aktivisten“ bei den wohlgelittenen und deshalb geförderten „Demos“, weil bei ihnen „Zeichen gesetzt“ werden, auf die, so die Mär, alle „Anständigen“ warten. Nur ein Beispiel einer Legion.

Mit der ausgeklügelten Masche, stets auf die „Sensibilität“ von vormals angeblich Geächteten zu verweisen, hoffen jene, die mit „politischer Korrektheit“ die Deutungshoheit beanspruchen, ihre Position zu zementieren. Sie irren jedoch. Ihre Stellung beginnt zu wanken.

Leider dürfen wir uns nicht darüber freuen. Denn diejenigen, die sich nun anschicken, sich anderer Sprachen zu bedienen – seien sie von der Derbheit eines Wahlsiegers Donald Trump, seien sie von der Schonungslosigkeit eines politischen Islam geprägt –, sind ebenso wenig an der Wahrheit interessiert. Sie haben ihre Vorgänger bereits ermordet.

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Zum Autor:

Rudolf Taschner
ist Mathematiker und Betreiber des math.space im
quartier 21, Museumsquartier Wien. Dieses „Quergeschrieben“ ist ein Auszug eines Vortrags, den er am 8. November beim 21. Wiener Kulturkongress gehalten hat und der unter dem Motto „Politische Korrektheit und Deutungshoheit“ abgehalten wurde.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2016)