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„Ein vernünftiger Trump wird wiedergewählt werden“

An opponent of the Republican National Convention Rules Committee´s report and rules changes screams at the Republican National Convention in Cleveland
Donald Trump mobilisierte vor allem weiße Wähler – wie hier in Florida. Viele gingen überhaupt zum ersten Mal zur Wahl. Er muss sie indessen bei der Stange halten und seine vollmundigen Versprechen halten, um eine Wiederwahl in vier Jahren zu sichern.(c) REUTERS (BRIAN SNYDER)
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Henry Olsen hat als einer der wenigen Politikforscher den Wahlausgang vorhergesehen. Im „Presse“-Gespräch erklärt er, was die Europäer von Trumps Erfolg lernen sollten.

Die Presse: Sie haben als einer der wenigen Donald Trumps Wahlsieg prognostiziert. Was haben Sie gesehen, was uns allen entgangen ist?

Henry Olsen: Erstens wollten viele Analysten nicht, das Trump gewinnt. Also schlichen sich Bestätigungsfehler ein: Man sieht kleine Stückchen von Fakten, welche die eigene gefestigte Meinung bestätigen. Zweitens verstanden sie es nicht, die Umfragen richtig zu lesen. Sie konzentrierten sich auf den Abstand zwischen Hillary Clinton und Trump, aber sie schauten nicht auf die Faktoren, die diesen Abstand beeinflussten. Hillary steckte hingegen bei 45 Prozent fest. Das war ein klares Alarmsignal, dass die Leute ihr gegenüber Widerstand zeigten. Weiters sagen die Leute seit jeher den Meinungsforschern bis zum letzten Moment vor der Wahl, dass sie einen Drittkandidaten wählen werden – aber ihr tatsächliches Verhalten zeigt uns, dass sie das nicht tun.

 

Welche Rolle spielte die Entscheidung von FBI-Direktor James Comey, keine zwei Wochen vor der Wahl neue Untersuchungen von Clintons E-Mails anzukündigen?

Ich denke nicht, dass das Meinungen komplett umgedreht hat im Sinn von: Ich mochte Hillary, aber jetzt nicht mehr. Sehr wohl aber gab diese FBI-Sache Leuten, die tendenziell gegen Hillary eingestellt waren, einen rationalen Grund, Trump zu wählen. Comeys Brief erinnerte diese Wähler: Trump mag ein schmieriger Typ sein, aber sie ist eine Gaunerin – in ihrer Vorstellung.

Warum haben so wenige Republikaner gleichzeitig für Clinton und für republikanische Kongresskandidaten und Senatoren gestimmt? Von so einem verstärkten Ticket-Splitting, das Clinton geholfen hätte, war zuletzt viel die Rede.

Weil die Spaltung zwischen den Parteien so tief ist. Ich beobachte das seit Jahren. Erstmals sah ich das 1997 bei der Wahl des Gouverneurs von New Jersey. Bis zum Wahltag zeigten die Umfragen, dass viele Republikaner einen libertären Gegenkandidaten zur Amtsinhaberin, Christine Todd Whitman, wählen würden. Aber als es dann am Wahltag Spitz auf Knopf stand und die Möglichkeit im Raum stand, dass ein Demokrat gewählt wird, schwenkten diese Republikaner um und verhalfen Todd Whitman zu einer knappen Wiederwahl. Genau das ist jetzt auch passiert: Leute, die im wahrsten Sinn erst in der Wahlzelle beschlossen, was sie tun würden.

Was bedeutet Trumps Wahlsieg für die Republikanische Partei?

Sie hat es dank Donald Trump gegen ihren eigenen Willen geschafft, an die einzige Koalition von Wählern anzudocken, die ihr eine landesweite Mehrheit verschafft. Das sind Wähler, die sich sozial eher auf einer niedrigeren Ebene befinden und nicht so doktrinär an die freie Marktwirtschaft glauben. Die Partei wird die amerikanische Politik für das nächste Jahrzehnt dominieren, wenn sie versteht, dass das Volk genau so etwas will: Weder Bernie Sanders' Sozialismus, der Amerika zu einer Art Dänemark zwischen den Ozeanen machen will, noch den Libertarismus von Ted Cruz. Sondern eine Regierung, die sich wirksam und in begrenztem Rahmen um Leute wie sie kümmert. Das ist etwas anderes als die traditionelle Links-rechts-Debatte.

Manche Leute behaupten, Sanders hätte Trump glatt besiegt. Stimmt das?

Schwer zu sagen. Hätten die Demokraten jemanden anderen als Clinton nominiert, hätten sie bessere Chancen gehabt. Allerdings hätte man sich im Fall von Sanders statt mit Clintons negativen Eigenschaften monatelang mit seinen negativen Eigenschaften befasst, und wir hätten ihn besser kennengelernt. Und wir wissen nicht, wie er sich unter konstantem viermonatigen Druck bewährt hätte. Sein sozialer Liberalismus und seine Wirtschaftspolitik hätten dazu gedient, die Republikaner zu vereinen. Wäre Joe Biden der Kandidat gewesen, wäre er Präsident.

 

Er ist ein wandelnder Springsteen-Song.

Genau. Seine Nominierung hätte den linken Flügel der Demokraten unglücklich gemacht. Aber viele Wähler, die nun massenhaft zu Trump gewechselt sind, wären bei Biden geblieben, und Trump hätte verloren.

Wieso gehen Sie davon aus, dass Trump wiedergewählt wird?

Wenn er vernünftig innerhalb dieses Konsens regiert, dass er dem durchschnittlichen Amerikaner hilft, aber nicht so bombastisch und spaltend agiert wie im Wahlkampf, wird er alle Weißen aus der Arbeiterklasse behalten, mehr Nichtweiße gewinnen und die weißen Akademiker zurückholen, die er jetzt verschreckt hat. Dann wird er mit 52 oder 53 Prozent wiedergewählt werden, und die Demokraten werden große Augen machen und sich fragen, welcher Zug sie überrollt hat.

 

In Europa macht man sich Sorgen, dass die USA unter Trump in der Nato nicht so engagiert sein werden wie bisher.

Eines vorweg: Die Europäer müssen auf ihre eigenen Trump-ähnlichen Bevölkerungsgruppen aufpassen. Die führenden politischen Parteien auf dem Kontinent machen derzeit dasselbe, was die Eliten in den USA mit Donald Trump zu tun versuchten: heruntermachen, ignorieren, verleugnen. Das verstärkt nur den Eifer dieser Menschen. Deshalb könnten Sie in Ihrem Land durchaus wahrscheinlich im nächsten Monat Norbert Hofer als Präsidenten sehen. Die Frage ist: Wie geht man mit diesem Begehren der Menschen auf eine Weise um, die zu verantwortungsvoller Politik führt statt zu einer Art von verrücktem europäischen Neo-Peronismus. Was die Nato betrifft: Die Europäer müssen verstehen, dass wir Amerikaner in Europa sind, um uns selbst zu helfen, nicht euch. Wäre ich Europäer und wollte ich, dass Amerika sich weiterhin engagiert, würde ich klarstellen, dass die Verteidigungsbudgets steigen müssen. Und, auch wenn das sehr verstörend klingt: Ich würde anstelle der Europäer Trump sehr nahe an mich ziehen und ihm so rasch wie möglich zeigen, dass wir mehr beitragen wollen.

Finden Sie, dass Trump und andere Vertreter autoritärer Politik allein unter wirtschaftlichen Aspekten erklärbar sind? Oder ist das eine kulturelle Reaktion auf eine Gesellschaft, die vielen fremd wird?

Die beiden Aspekte hängen zusammen. Viele dieser Wähler beiderseits des Atlantiks sagen: Wir nehmen nicht mehr an unserem eigenen Land teil. Ihr Beitrag wird nicht geschätzt, ihr Glauben und ihre Sorgen werden nicht gehört. Das ist ein Mangel gemeinsamer Bürgerschaft. Die Leute wollen wieder Teil einer Gemeinschaft sein. Verantwortungsvolle Politiker ignorieren das nicht oder machen es herunter, denn dann radikalisieren sich diese Menschen.

 

Ist die Furcht berechtigt, dass es in Amerika nun wieder zu einem Aufflammen der politischen Gewalt wie in den 1960er- und 70er-Jahren kommt?

Das ist weniger wahrscheinlich als damals. Die Ausschreitungen damals hatten ihren Ursprung in den Morden an Robert Kennedy und Martin Luther King Jr. Es hängt davon ab, wie Trump regiert. Der Trump, der seine Siegesrede hielt, hat das Potenzial, ein unglaublich erfolgreicher Präsident zu sein. Der Trump, der um drei Uhr morgens über die venezolanische Schönheitskönigin twittert, öffnet dem Chaos die Tür.

 

Kann er das Land versöhnen?

Schwer zu sagen. Seit 20 Jahren hoffen die Amerikaner darauf, rund um einen gemeinsamen nationalen Zweck zusammengeführt zu werden. Stattdessen wurden sie von linken und rechten Parteipolitikern immer mehr auseinanderdividiert. Für viele Amerikaner ist Trump eine Figur, die über links und rechts hinausgeht. Wenn die republikanische Parteispitze glaubt, dass sie jetzt im Windschatten von Trump eine Politik aus der Zeit vor ihm durchboxen kann, wird sie scheitern. Und Trump selbst muss verstehen, was es bedeutet, Präsident aller Amerikaner zu sein. Die Sorge ist, dass er im Wahlkampf zu oft gezeigt hat, dass er das nicht kann.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2016)