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Familiensaga, grausam, grandios

PROBE 'DIE VERDAMMTEN' IM THEATER IN DER JOSEFSTADT
Fluchtversuche aus der stählernen Familientradition.APA/ERICH REISMANN
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Theater in der Josefstadt: Elmar Goerden inszeniert „Die Verdammten“ nach Viscontis Kinoklassiker. Speziell Andrea Jonasson, Heribert Sasse, Raphael von Bargen begeistern.

Gruppenfoto mit Patriarch: Im fahlen Licht schaut die Familie nach links, dann nach rechts, wer kommt da schon wieder zu spät, und wer ist gar nicht da? Seit Donnerstagabend sind im Theater in der Josefstadt „Die Verdammten“ nach Luchino Visconti (1906–1976) zu sehen. Der Spross aus altem Adel zeigte in Filmen wie „Der Leopard“, „Der Fall der Götter“ („Die Verdammten“), „Tod in Venedig“ oder „Ludwig II.“ die oberste Gesellschaftsschicht, ihre Exzesse, ihren Reichtum, ihre Depressionen.

Im Akademietheater kommt am 10. 12. „Ludwig II.“, berühmt geworden durch Helmut Berger und Romy Schneider, als Videoporträt heraus. Wozu bringt man die unerreichbaren Visconti-Klassiker überhaupt ins Theater? Um vor politischen Turbulenzen zu warnen, klar. Aber auch, weil Visconti heutige Senioren prägte. Die Bilder- und Filmflut gab es in den 1960ern und 1970ern noch nicht. Bestimmte Kinobesuche waren jedoch Pflicht – und blieben im Gedächtnis haften.

 

Immer wieder, der Zwang zum Erfolg

In der Josefstadt gehören heftige Familiendramen wie „Das Fest“ nach Thomas Vinterberg oder „Buddenbrooks“ nach Thomas Mann zum Programm. Besitzer, Bürger, Erben – ein Kernpublikum dieses Theaters – scheinen ideal dafür geeignet zu sein.

Elmar Goerden grenzt sich von Visconti ab, die Aufführung ist überwiegend in Schwarz-Weiß gehalten, das Spiel ist hart und grell, „bernhardesk“, es gibt kaum Zwischentöne, teilweise ein Verlust. Insgesamt aber gewinnt Goerden dank seiner klugen Ensembleführung, die sich bereits bei Stücken wie „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ in Salzburg bewährt hat. Es ist immer wieder interessant, wie Schauspieler über sich hinauswachsen, wenn ein kundiger Regisseur sie leitet. Regisseure kassieren ja für Aufführungen immer die meisten „Ohrfeigen“, aber sie haben auch die Macht, alles wachsen zu lassen. Und wie! Einen wichtigen Anteil an der Wirkung der Aufführung hat Ulf Stengls aktuelle, präzise und schlagfertige Textfassung.

Visconti sammelte sein Material für „Die Verdammten“ bei der Familie Krupp, geniale Unternehmer seit dem 16. Jahrhundert, die mit Gewürzen, Wein, Eisen und Vieh begannen, Technikpioniere waren und bruchsichere Eisenbahnreifen nach Nordamerika lieferten. Richtig reich wurden die Krupps im I. und II. Weltkrieg mit Waffen. Ihr Erfindungsgeist, ihre geschäftliche Skrupellosigkeit, ihre Verstrickung in den Nationalsozialismus sind so legendär wie ihre tragischen familiären Verwicklungen und Fehden. Die Krupps sind ein gutes Beispiel für den alten Unternehmerspruch: Die erste Generation baut auf, die zweite aus, die dritte verspielt. Bei den Krupps ging es öfter auf und ab.

 

Eine rundum gelungene Besetzung

Baron Joachim von Essenbeck feiert Geburtstag. Heribert Sasse muss sich intensiv mit Demenz befasst haben: Es wird einem kalt, wenn man sieht, wie er seine Angehörigen maßregelt, aber nicht weiß, dass die Monarchie abgeschafft wurde. Andrea Jonasson muss sich für die große Dame weniger anstrengen, wie sie girrt und lacht, ihren Sohn ebenso wie ihren Liebhaber umgarnt, wie ihre Miene einfriert, wenn ihre Luxusweibchen-Traumwelt wackelt, wie sie sich aber sogleich eisgekühlt auf den Weg aus der Misere macht, das ist einmalig. Die „Schlampe“ wurde Jonasson wohl von der Regie aufgedrängt. Sie ist nicht ihre Sache. Aber Jonasson macht auch daraus das Beste. Das Ensemble glänzt: Bettina Hauenschild als strenge, geile Freifrau, Raphael von Bargen als SS-Mann, André Pohl als opportunistischer Manager, Peter Scholz und Peter Kremer als politische Antipoden – und Meo Wulf als Verweigerer, der Cellist werden will. Vater Konstantin (Kremer) zerquetscht seine Hand. Alexander Absenger wirkt für die Helmut-Berger-Rolle als Martin zu brav.

Allerdings war eben nicht intendiert, Viscontis Interesse für Grenzüberschreitungen, die Upper Class und Künstler verbinden, darzustellen, sondern eine sehr deutsche Familiensaga. Zwei süße kleine Mädchen singen „Es zittern die morschen Knochen“. Visconti studierte nachdenklich seine dem Untergang geweihten Figuren. Goerden und Stengl rissen den Charakteren ihre edlen Masken ab. Ein Komet fiel auf ein vielfach aufgefaltetes Gebirge. Übrig blieb ein schroffer Zinken. Trotzdem: Ein Erlebnis.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2016)