Terror-Gedenken in Paris: Singen und schweigen mit Sting

FRANCE-ATTACKS-ANNIVERSARY-CEREMONIES
Ein Jahr nach dem Anschlag: Das Musiklokal Bataclan im elften Arrondissement von Paris hat wieder aufgesperrt.(c) APA/AFP/POOL/CHRISTOPHE PETIT TE

Mit einem Konzert im Club Bataclan begann das Gedenken an den Terror am 13.11.2015. Die Eagles of Death Metal hatten Hausverbot.

Paris. „Wir haben zwei Aufgaben“, sagte der 65-jährige Popstar Sting auf Französisch vor den 1500 Besuchern des wiedereröffneten Konzertsaals Bataclan: „Zuerst, uns im ehrenden Gedenken an die Menschen zu erinnern, die vor einem Jahr das Leben verloren haben. Zweitens, das Leben zu feiern und die Musik, die von diesem historischen Konzertsaal verkörpert wird.“ Es folgte eine Schweigeminute. So begannen die Gedenkfeiern für die 130 Opfer der Terroranschläge am 13. November 2015 in Paris.

Sting spielte viele Hits von „Fragile“ bis „Every Breath You Take“ und auch „Inshallah“, einen Song über Flüchtlinge. Am Ende widmete er „The Empty Chair“ dem US-Journalisten James Foley, der 2014 von einem Anhänger des IS enthauptet wurde. Sting verabschiedete sich mit dem Ruf „Vive le Bataclan!“ Er habe „den richtigen Ton gefunden“, sagte nach dem Konzert einer der Zuhörer, Stéphane Pocidalo.

Sting und seine Musiker traten ohne Gage auf, alle Einnahmen gingen an die Opfer und ihre Angehörigen, von denen mehrere im Publikum saßen. Zwei Musikern der Eagles of Death Metal (der US-Band, die am Abend des Attentats aufgetreten war) wurde jedoch der Zutritt verwehrt. Grund: ein wirres Interview ihres Sängers, Jesse Hughes. Er behauptete nicht nur, dass das strenge Waffenrecht in Europa mit schuld an den Attentaten sei, sondern attackierte auch die Sicherheitsdienste im Bataclan: Er spekulierte, dass die Terroristen Helfer in der Belegschaft gehabt hätten.

Das sei unverzeihlich, sagte Clubmanager Jules Frutos, daher habe er zwei Bandmitglieder „rausgehaut“. Der Manager der Band reagierte, indem er Frutos einen „Feigling“ nannte, der die Wiedereröffnung „besudelt“ habe.

 

Hollande: Keine Ansprachen

Das Konzert in dem Saal, in dem 90 Menschen ermordet und Hunderte verletzt worden sind, hat auf bewegende Weise gezeigt, dass die Terroristen mit ihrem mörderischen Angriff auf die Lebensweise in Paris überhaupt nichts erreicht haben. Nicht nur das Bataclan, sondern auch das Stade de France und alle anderen von den Terroristen angegriffenen Cafés oder Restaurants sind wieder in Betrieb. An diesen sechs Orten hat am Sonntag Staatspräsident François Hollande Gedenktafeln eingeweiht. Er respektierte den Wunsch der Familien der Opfer, dabei keine Reden zu halten.

Ein Jahr nach dem 13. November möchte die Staatsführung aber auch, dass die Anstrengungen im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) anerkannt werden. In einem BBC-Interview kündigte Premierminister Manuel Valls an, 2017 werde der Notstand – trotz oder gerade wegen der im April stattfindenden Wahlen – angesichts der anhaltend starken Bedrohung erneut verlängert. Mit derselben Begründung wurde vor einer Woche als neues Mittel der Überwachung per Dekret eine Datenbank mit dem Namen Titres électroniques sécurisés (TES) eingeführt, in der neben allen Personalien mit Post- und E-Mail-Adressen oder Herkunft auch sämtliche aus Reisepässen oder anderen Datenbanken bereits existierenden biometrischen Angaben (Fingerabdrücke, Größe, Haar- und Augenfarbe) sowie Sozialversicherungsnummern aufgelistet sind.

So werden verschiedenste bereits registrierte Informationen in einer einzigen Datenbank zur Überprüfung der Identität versammelt, was für massive Nachforschungen völlig neue Perspektiven eröffnet. Vorerst soll die Polizei nur in Ausnahmefällen Zugriff auf diese 60 Millionen Bürger umfassende Datenbank erhalten.

Viel weniger weit gehende Instrumente der Personenkontrolle sind in der Vergangenheit von den Verfassungsrichtern oder der zuständigen Stelle für Datenschutz und Bürgerfreiheit (CNIL) immer abgelehnt worden. Jetzt aber ist der Kampf gegen den Terrorismus oberste Priorität, und die sonst so pingelige CNIL ließ es mit einer bloßen Ermahnung zu einem vorsichtigen Umgang mit der TES-Datenbank bewenden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2016)