Intendant Walter Heun startet in die erste Saison: Er hat das TQW-Abo erfunden, gilt als guter Netzwerker und will, dass (Vor-)Urteile hinterfragt werden.
„Die Presse“: Sie haben dem Tanzquartier einen neuen Slogan verpasst: „Sie machen sich keine Vorstellung“ – die Zeilen sind vertikal aufgestellt. Ist das nicht irgendwie schräg?
Walter Heun: Ein wichtiger Effekt ist, dass Sie den Kopf neigen, um das am Plakat lesen zu können. Indem Sie darüber nachdenken, was das heißen kann, machen Sie sich einen neuen Denkraum auf. Fakt ist, dass ich immer wieder auf Menschen treffe, die klare Vorstellungen haben, wie das Tanzquartier ist und wie es zu sein hat. Und es gibt viele, die eine klare Vorstellung davon haben, was Tanz und Performance ist. Diesen wollen wir einen Denk- und Erfahrungsraum aufmachen, dadurch dass wir neu an die Sache herangehen, eine Möglichkeit schaffen, ihr Urteil zu hinterfragen und sich überraschen zu lassen.
Wie wollen Sie neue Publikumsschichten für den zeitgenössischen Tanz gewinnen?
Heun: Tanz und Performance sind Kunstformen, die sich nicht tagtäglich im Fernsehen abspielen, wo Kunst und Kultur sowieso immer weniger Raum bekommen. Wir müssen Möglichkeiten schaffen, die Leute heranzuführen. Die Menschen kommen dann, wenn sie einen persönlichen Bezug entwickeln – da ist das Abonnement eine Möglichkeit. Wir wären über eine Handvoll verkaufter Abos froh gewesen, haben aber schon zehnmal so viel verkauft wie prophezeit. Das ist für den Einstieg nicht schlecht. Es wird Kooperationen mit ImPulsTanz geben, wir werden uns anderen Kunstszenen öffnen. Und wir werden vor jeder Vorstellung die Möglichkeit für eine Einführung geben, nicht um verbal die Stücke vorzubuchstabieren, sondern um dem Besucher ein Rüstzeug für die Wahrnehmung mitzugeben.
Wird das Tanzquartier auch Bildungs-, Ausbildungs-, Forschungsstätte bleiben?
Heun: Ja. Durchaus mit „Kapazundern“, hab ich gelesen – ich kannte das Wort nicht. Im Herbst wird sich eine Serie von Vorträgen den Metaphern des Tanzes widmen, Hans-Thies Lehmann macht den Auftakt. Und Krassimira Kruschkova als Theorie-Leitung bleibt uns erhalten. Künftig werden wir das Programm noch enger zwischen Theorie, Workshops und künstlerischer Programmation entwickeln. Wir werden morgens ein Training anbieten – Yoga, Pilates oder es kann auch die Ballettstange sein –, dann ein Technik-Training und am Nachmittag eine Einheit für Performer, Darsteller, aber auch für Leute, die kaum Bewegungserfahrung haben.
Sie gelten als international bestens vernetzt. Woran werden wir das merken?
Heun: Wir haben die Netzwerk-Idee, die vom Tanzquartier initiiert wurde, jetzt zum European Dance House Network erweitert, wo sich die 19 größten und wichtigsten Tanzhäuser zusammengeschlossen haben und Residenzen, Koproduktionen zum Wohle der Künstler koordinieren. Die erste lange Tanznacht in Wien am 10.Oktober ist dann eine Vernetzung auf lokaler Ebene – dazu werden wir auch internationale Kollegen einladen. Wir wollen das Tanzquartier als Motor für die Gesamtentwicklung des Tanzes in ganz Österreich positionieren.
Wo entwickelt sich denn der Tanz?
Heun: In Wien. Das ist in anderen Ländern nicht anders. In Frankreich hat Paris dominiert – dann wurden mit den Centres choréographiques und Maisons de la Danse flächendeckend Tanzhäuser geschaffen, um eine Dezentralisierung herbeizuführen. In Österreich könnte man auch nachdenken, ob man nicht andere Formen der Distribution entwickelt: Man könnte das Roundtable Tanz oder Tanz in ganz Austria weiterentwickeln.
Das Tanzquartier könnte on Tour gehen.
Heun: Ich halte nichts davon, dass man künstlerische Verengungen schafft, indem man nur das Profil eines Hauses exportiert. Mir geht es um interaktiven Austausch.
Was zeigen Sie heute zur Eröffnung?
Heun: Hiroaki Umeda wird ein Solo tanzen und Choreografie im Sinne des Strukturierens von Raum und Bewegung zeigen. Thierry De Mey lässt einen Musiker/Performer sich in einer interaktiven Computerinstallation bewegen – hier entsteht die Choreografie aus der Notwendigkeit, den Raum quasi als Instrument zu bespielen. Und es kommen Forced Entertainment, Stephanie Cumming, Lieve de Pourcq und Satu Herrala. Insgesamt wird der Abend eine Reise durch verschiedenartige Verständnisse des Choreografischen sein.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2009)