Peking will sich ein Sechstel von Nigerias Ölreserven sichern. Auf der Verliererseite könnten jene westlichen Mineralölkonzerne stehen, die bis dato die Lizenzrechte an den Erdölfeldern halten.
Wien (mac/ag.). Die Volksrepublik China legt im weltweiten Wettlauf um Rohstoffe einen Zahn zu. So will sich der chinesische Staatsbetrieb CNOOC, eine der drei größten Energiefirmen des Landes, die Rechte an 23 Erdölfeldern in Nigeria sichern, berichtet die „Financial Times“. Glückt Peking der Deal, hätte sich das Land auf einen Schlag ein Sechstel der nigerianischen Ölreserven gesichert.
Auf der Verliererseite könnten jene westlichen Mineralölkonzerne stehen, die bis dato die Lizenzrechte an den Erdölfeldern halten. Denn um China den anvisierten 49-Prozent-Anteil an den Feldern zu garantieren, müssten sich Konzerne wie Shell, ExxonMobil oder Total zumindest teilweise zurückziehen. Kommt es so weit, wäre das auch ein schwerer Schlag für die USA, die Nigeria zu ihren bedeutendsten Öllieferanten zählen.
China, Afrikas neuer Freund
Obwohl die nigerianische Führung betont, dass es noch keine Einigung mit Peking gebe, kommt der chinesische Vorstoß denkbar ungelegen für die westlichen Ölmultis. 18 der 26 Lizenzen laufen bis Jahresende aus. Ob sie verlängert werden, ist alles andere als sicher, denn die meisten Firmen liegen zurzeit ohnedies im Clinch mit der Regierung. Die Erdölwirtschaft brauche mehr Investitionen, klagt die Politik. Zudem plant Nigeria ein Gesetz, dass die Einnahmen aus dem Ölgeschäft für den Staat deutlich erhöhen soll. Sehr zum Unmut der internationalen Konzerne.
Dem afrikanischen Staat kommt das Angebot aus Peking also gerade recht. Seit 1993 hat der wirtschaftliche Aufschwung in China (durchschnittliches BIP-Wachstum von neun Prozent) das Land von Asiens größtem Erdölexporteur zum zweitgrößten Ölimporteur hinter den USA gemacht. Die Internationale Energie Agentur rechnet damit, dass Chinas Ölimporte bis 2030 auf 13,1 Mio. Barrel am Tag springen werden. 2006 waren es noch 3,5 Mio. Barrel.
Rund die Hälfte ihres Ölbedarfs deckt die Volksrepublik durch Importe. Ein Drittel davon kommt schon heute aus Afrika. Für die Sicherung des Rohstoff- und Energiebedarfs sind die Parteikader in Peking durchaus bereit, tiefer in die Tasche zu greifen als üblich. Experten schätzen, dass sich China den Deal mit Nigeria 30 bis 50 Mrd. US-Dollar (20,6 bis 34,4 Mrd. Euro) kosten lassen wird. Liefert Nigeria tatsächlich die erhofften sechs Mrd. Barrel Öl, könnte China seinen Ölimport aus Afrika schlagartig mehr als verdoppeln.
Die zunehmend engeren Beziehungen der Chinesen zu Afrika sind westlichen Staaten seit Jahren ein Dorn im Auge. Denn die Volksrepublik hat es nicht nur auf das schwarze Schmiermittel der Wirtschaft abgesehen. Afrika hat sich mittlerweile zu Chinas Rohstofflager entwickelt. Ob Kupfer aus Sambia, Eisenerz aus Gabon oder eben Öl aus Angola, Nigeria und dem Sudan. Chinas Konzerne wissen genau, wo sie ihren Rohstoffhunger stillen können. Die meisten afrikanischen Staatschefs empfangen die Unternehmen aus China auch mit offenen Armen. Hunger oder teure Kriege haben die Staatskassen in vielen Ländern des Kontinents geleert.
Rohstofflager und Absatzmarkt
Peking kauft sich ihre Zuneigung nicht nur mit dem Erlass von Schulden in Milliardenhöhe. Die Volksrepublik kennt auch nur wenige ethische Bedenken, sobald es ums Geschäft geht. Menschenrechte sieht die Pekinger Führung als relative Werte an. So stört es nicht, Profit aus blutigen Auseinandersetzungen im Sudan zu schlagen. Freilich greifen auch westliche Staaten die Machthaber rohstoffreicher Länder nur allzu oft mit Samthandschuhen an. Für China hat die enge Bindung an Afrika noch einen weiteren Vorteil: Neben dem Rohstofflager findet das Land dort auch gleich einen Absatzmarkt für die eigene Billig-Produktion vor.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2009)