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500 Jahre Reformation: Wie hältst Du's mit Luther?

Ökumenische Vergemeinschaftung eines genuin protestantischen Festes, das gar nicht mehr so heißen darf.

Der Papst umarmt in der Kathedrale der schwedischen Stadt Lund eine protestantische „Erzbischöfin“. Ein katholischer Bischof aus Österreich reist unter großer Medienbegleitung nach Wittenberg. An der turnusmäßigen Zusammenkunft der katholischen Bischofskonferenz nimmt auch der evangelische Bischof teil. Deutsche evangelische und katholische Bischöfe reisen gemeinsam ins Heilige Land.

Katholiken biedern sich den Protestanten an, und diese werfen sich den Katholiken an die Brust, um etwas vom Glamour und der größeren Organisationskraft der römischen Kirche abzubekommen.

Was wird da eigentlich gefeiert, möchte man fragen. Ist das Jubiläum 500 Jahre Reformation, das seit dem 31. Oktober ein Jahr lang in unzähligen Veranstaltungen begangen wird, ein einziges Missverständnis? Die evangelischen Kirchen bezeichnen ihr Jubiläum in einem Akt der Selbstverleugnung gar nicht als Feier, sondern als bloßes Gedenken – angeblich aus Rücksicht auf katholische Empfindlichkeiten.

„Dankbar“ müsse man dafür schon sein, sagte der Generalsekretär des Lutherischen Weltbunds, Martin Junge, aber zu feiern gebe es an der Spaltung der einen Kirche Christi nichts. Natürlich ist die Spaltung der abendländischen Christenheit kein Grund zu feiern. Aber man fragt sich, was die Protestanten dazu bewogen hat, ihr ureigenstes Jubiläum in einem „Christusfest“ gewissermaßen konfessionell zu vergemeinschaften.

500 Jahre Reformationsgeschichte sind doch wohl Grund zu mehr Selbstbewusstsein und könnten der Anlass für eine protestantische Selbstvergewisserung innerhalb des christlichen Kosmos sein. Daraus würde vielleicht ein substanzieller Beitrag zur Ökumene erwachsen anstatt des verwaschenen Allerweltsökumenismus, den wir beim Jubiläum – wohlgemerkt von allen Seiten – erleben.

Es ist kein Wunder, dass dabei die zentrale Figur Martin Luther fast aus dem Blickfeld gerät und eigenartig blass wird. Es scheint, als wäre er manchen Protestanten geradezu peinlich. Das hat auch mit der starken Politisierung des deutschen Protestantismus zu tun, die Finanzminister Wolfgang Schäuble, ein gläubiger Protestant, kürzlich beklagte. In der neudeutschen politischen Korrektheit wiegen dann die politischen Fehleinschätzungen Luthers etwa bei den Bauern und seine Polemik gegen Juden und die Täufer schwerer als seine theologisch-geistliche Botschaft.

Luther lässt sich in seiner erratischen Größe nicht auf ein modernitätsverträgliches Maß herunterstutzen, wie das die Organisatoren des Gedenkens versuchen, um der Provokation durch ihn auszuweichen. Seit einem halben Jahrtausend entfaltet er seine gewaltige Wirkkraft und hat damit die deutsche Identität mitgeprägt.

Obwohl er noch im Mittelalter steckte, hat er die Neuzeit heraufgeführt. „Mehr Luther wagen“, forderte ein evangelischer Kirchenkommentator plakativ.

 

Die Macht des Gewissens

Ohne Luther und die Reformation ist Deutschland nicht zu verstehen, auch wenn es konfessionell genau zweigeteilt ist, oder zumindest bis ins 20. Jahrhundert war. Auch seine politische Kultur ist vom Christentum geprägt, was es sich angesichts der Massenzuwanderung – wenn auch nur unwillig, aber doch – bewusst machen muss.

Luther habe das Land und die Kirche gespalten und zugleich „im Reden, Schreiben und Denken“ geeint, schreibt Berthold Kohler in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. „Das Gewissen ist zu einer Macht in der deutschen Politik geworden und Deutschland zu einer Macht des Gewissens.“ Das ist wohl auch eine Anspielung auf die sehr protestantische Figur Angela Merkel.

Wenn die Ökumene das Thema der Veranstaltung sein soll, muss man sich versuchen klarzumachen, wo man steht, was die betroffenen Kirchen darunter verstehen und was daher möglich erscheint. Manche Leitartikler haben das Jubiläum kurzerhand als Auftakt zur unmittelbar bevorstehenden Wiedervereinigung der getrennten Kirchen verstehen wollen. Es müssten nur noch ein paar vermeintliche Kleinigkeiten ausgeräumt werden wie die Frage des Verständnisses des priesterlichen Amts, des Abendmahls alias Eucharistie und der Rolle des Bischofs von Rom.

 

Die Verneigung des Papstes

Papst Franziskus hat nach Lund kein „ökumenisches Gastgeschenk“ mitgebracht, wurde bemerkt. Welches hat man sich da eigentlich vorgestellt? Dasselbe hat man vor fünf Jahren seinem Vorgänger mit viel größerer Missbilligung vorgehalten, als er in Erfurt das Kloster der Augustiner-Eremiten besuchte, in dem der junge Mönch Luther sieben Jahre lang gelebt hat. Das implizite Geschenk an die deutschen Protestanten – das wird heute erkennbar – war die Reise an diesen Ort und die Verneigung eines Papstes vor Luther.

Es war Benedikt bei seinem Besuch in Erfurt, der eine prinzipiell völlig geänderte und damit positive Situation der Ökumene diagnostiziert hat: „Es war der Fehler des konfessionellen Zeitalters, dass wir weithin nur das Trennende gesehen und gar nicht existenziell wahrgenommen haben, was uns mit den großen Vorgaben der Heiligen Schrift und der altchristlichen Bekenntnisse gemeinsam ist. Es ist für mich der große ökumenische Fortschritt der letzten Jahrzehnte, dass uns diese Gemeinsamkeit bewusst geworden ist.“

Dass der jetzige Papst nach Lund gefahren ist, hat eine ökumenische und kirchenpolitische Bedeutung. Schon lange ist der Lutherische Weltbund der bevorzugte Partner des Vatikans und nicht etwa die EKD, die Evangelische Kirche Deutschlands, die als Zusammenschluss von Landeskirchen kein eigenes Bekenntnis und damit eine dogmatisch definierte Position hat. Mit dem LWB hat Rom 1999 die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre verabschiedet, die immerhin das Herzstück lutherischer Theologie betrifft. Innerhalb der EKD fühlen sich die Lutheraner zunehmend an den Rand gedrängt.

 

„Versöhnte Verschiedenheit“

Für die Protestanten jeder Denomination ist der wichtigste Wunsch im ökumenischen Dialog das gemeinsame Abendmahl. Nach katholischem Verständnis muss jedoch zuvor die Frage des kirchlichen Amts geklärt sein.

Kardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Kirchen, hält eine Erklärung zwischen Katholiken und Lutheranern über „Kirche, Eucharistie und Amt“ aber für denkbar. Einheit der Kirche versteht er als „Einheit im Glauben, im sakramentalen Leben und in den kirchlichen Ämtern“. Diese Zielvorstellung werde von vielen protestantischen Kirchen und Gemeinschaften nicht mehr geteilt, die ihr eine „Differenz-Ökumene“ entgegenstellen.

Wenig beachtet wird, dass sich Protestanten und Katholiken in ethischen Fragen zunehmend auseinanderleben. Das hat der evangelische Superintendent der Steiermark, Hermann Miklas, deutlich ausgesprochen. Bei Lebensschutz und biomedizinischer Ethik setzt er sich deutlich vom katholischen Verständnis ab. Noch für geraume Zeit wird die – bestenfalls – „versöhnte Verschiedenheit“, wie eine bekannte Formel heißt, die Realität des Zusammenlebens der Konfessionen im westlichen Christentum sein. Es gibt keine Abkürzungen zur Ökumene.

DER AUTOR

Hans Winkler war langjähriger Leiter der Wiener Redaktion der „Kleinen Zeitung“.

debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2016)