Eine „Bohème“, die außerhalb der Zeit steht

(c) Michael Poehn / Wiener Staatsoper

Jinxu Xiahou gab an der Seite von Anita Hartig sein Debüt als Rodolfo an der Wiener Staatsoper.

Es gibt Dinge, die entziehen sich beharrlich dem Alterungsprozess. Sie scheinen außerhalb der Zeit zu stehen. So wie Franco Zeffirellis Inszenierung – so dieses Wort bei der 422. Aufführung in diesem Bühnenbild noch passend ist – von Puccinis „La Bohème“ an der Wiener Staatsoper. Sie ist der Legende gewordene Beweis, wie fruchtlos die Debatten über „moderne“ versus „traditionelle“ Inszenierungen sind, wo es doch eigentlich darum geht, ob sie angemessen sind, mit welchen Mitteln auch immer. Und die Zeffirelli-„Bohème“ kommt dem Wesen dieser Oper so nahe wie irgend möglich.

Braucht man nur Sänger, die den geschaffenen Raum zu nutzen wissen. Die Staatsoper ist in der angenehmen Lage, beide Hauptpartien bestens aus dem Ensemble besetzen zu können: An der Seite von Anita Hartigs berührend phrasierender, zu intensiven Steigerungsbögen fähiger Mimì feierte Jinxu Xiahou am Montag sein Debüt als Rodolfo. Sein hell timbrierter, nie kraftmeiernder Tenor mischt sich schön mit ihrem in den Duetten oft die Oberhand behaltenden Sopran, der auch im zarten Piano viel Substanz zeigt. Wenn Xiahou darstellerisch noch etwas stärker aus sich herausgeht, kann das der Gesamtwirkung nur zuträglich sein.

Dem Paar zur Seite ein alertes Künstlertrio, allen voran Haus-Debütant Javier Arrey als stimmlich beweglicher Marcello, sowie, ebenfalls erstmals hier zu erleben, Francesca Dotto als wandlungsfähige Musetta. Und Dirigent Sascha Goetzel machte vergessen, dass ein guter Teil des Staatsopernorchesters in Japan gastiert. Mit vielen jungen Kräften gelang ihm eine farblich differenzierte, beredte Gestaltung, die bewies, dass man nicht auf satte Sentimentalität setzen muss, um bei einer „Bohème“ große Wirkung zu erzielen. Vielfaches Schluchzen im Publikum war der schönste Beweis. (hd)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.11.2016)